Exoten-Status

Redaktion am 02.03.2026

Wolfgang Krinninger mit seinen Kindern. Info Icon Foto: Thomas Jäger
So schön kann Familie sein. Wolfgang Krinninger während seiner Elternzeit.

Elternzeit-Väter haben immer noch einen Exoten-Status, stellt der Autor des Editorials unserer aktuellen Ausgabe 10-2026 fest. Doch es gebe gute Gründe, dies zu ändern ...

Wir alber­ten her­um, genos­sen Son­ne, Meer und die Leich­tig­keit des Seins, wan­der­ten über Ber­ge und Ebe­nen und ratsch­ten vie­le Stun­den – Leben ist manch­mal ganz ein­fach. Ein­fach schön.

Eine Woche lang war ich vor Kur­zem mit zwei mei­ner Töch­ter, 14 und 22 Jah­re alt, im Urlaub. Das ist nicht unge­wöhn­lich: In gro­ßen Fami­li­en kommt es immer wie­der vor, dass nur ein Teil der Fami­lie gemein­sam ver­reist. Grün­de gibt es vie­le: Nicht alle haben gleich­zei­tig Zeit, die gro­ßen Kin­der gehen oft eige­ne Wege, daheim muss sich jemand um Haus und Tie­re küm­mern. Wor­über aber sowohl mei­ne Töch­ter als auch ich staun­ten: Wir waren in die­ser Kon­stel­la­ti­on in unse­rem gro­ßen Feri­en­do­mi­zil Exo­ten. Wir tra­fen vor allem auf Groß­fa­mi­li­en mit Eltern, Kin­dern und Groß­el­tern. In unse­rer Nach­bar­schaft genos­sen zudem sehr vie­le Durchschnitts“-Familien – Mut­ter, Vater, ein oder zwei Kin­der – das Früh­stück. Ver­ein­zelt sahen wir Müt­ter, die allein mit ihren Kin­dern unter­wegs waren. Und auch das ein oder ande­re les­bi­sche oder schwu­le Paar, das mit Nach­wuchs dem Win­ter in den Süden ent­flo­hen war, konn­ten wir aus­ma­chen. Aber nir­gends sahen wir einen Vater mit sei­nen Sprösslingen.

Hät­te mir vor 20 Jah­ren jemand gesagt, dass die­se Kon­stel­la­ti­on im Jahr 2026 außer­ge­wöhn­lich sein wür­de, hät­te ich ihn aus­ge­lacht. Damals, im Jahr 2003, begann eines mei­ner größ­ten Lebens­aben­teu­er: Eltern­zeit. Ich ließ mei­nen Berufs­all­tag als Redak­ti­ons­lei­ter hin­ter mir und küm­mer­te mich vier Jah­re lang vor­wie­gend um Haus­halt und die damals drei klei­nen Kin­der, wäh­rend mei­ne Frau das Fami­li­en­ein­kom­men sicher­te. Es waren her­aus­for­dern­de Jah­re. Ein Klein­kind plus Zwil­lin­ge im Säug­lings­al­ter – das zehrt an den Ner­ven, bringt Eltern gele­gent­lich zur Ver­zweif­lung und lässt das ein oder ande­re graue Haar sprie­ßen. Und es waren groß­ar­ti­ge Jah­re. Ich wur­de mit einem Reich­tum an Erfah­run­gen beschenkt, der durch nichts zu erset­zen ist, durf­te das Wach­sen mei­ner Kin­der ganz nah mit­ver­fol­gen und lern­te unglaub­lich viel. Der schöns­te Lohn ist das tie­fe Ver­trau­en, das in die­ser Zeit gewach­sen ist.

Ich genoss den Exo­ten-Sta­tus als Eltern­zeit-Vater. Aber ich war auch über­zeugt: Das wür­de sich bald ändern. Der Fort­schritt wür­de wei­ter­ge­hen. Immer mehr Paa­re wür­den erken­nen, dass bei­de pro­fi­tie­ren, wenn sie Erwerbs­ar­beit und Eltern­zeit auf­tei­len. Was für ein Irr­tum! Am Exo­ten­sta­tus hat sich in zwei Jahr­zehn­ten erstaun­lich wenig geän­dert. Klar neh­men vie­le Väter inzwi­schen die zwei Alibi“-Monate, um den vol­len Eltern­geld­an­spruch zu sichern, aber sie keh­ren dann gleich wie­der in den Beruf zurück. Und ver­pas­sen so viel.

Tra­di­tio­nel­le Rol­len­bil­der, Kar­rie­re­ängs­te und feh­len­de betrieb­li­che Unter­stüt­zung tra­gen dazu bei, dass Eltern­zeit wei­ter­hin über­wie­gend von Frau­en genom­men wird. Viel­leicht las­sen sich man­che Paa­re aber auch zu sehr von gesell­schaft­li­chen Erwar­tun­gen ein­engen. Mein Appell an die Män­ner: Springt über euren Schat­ten, lasst euch auf die­ses Aben­teu­er ein! Kei­ne beruf­li­che Kar­rie­re kann das erset­zen. Und an die Frau­en: Lasst sie machen! Traut ihnen das zu! Es lohnt sich – für die gan­ze Fami­lie. Nicht nur an herr­li­chen Urlaubs­ta­gen am Meer.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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