Man könnte meinen, alle Journalisten beherrschen das Zehn-Finger-System auf der Schreibmaschine. Ein großer Irrtum. Viele haben das Zwei-Finger-Adlersuchsystem perfektioniert und hacken so mit Wucht ihre Geschichten in den Computer. Andere haben sich ein komplett eigenes System antrainiert. Einige jüngere Kolleginnen und Kollegen sind vermutlich mit zwei Daumen auf dem Smartphone schneller als mit der Computertastatur. Auf die Qualität der Texte hat die Art des Tippens zunächst keinen Einfluss. Und doch empfinde ich es als großes Glück, dass ich Maschinenschreiben von der Pike auf gelernt habe und so auch blind – ohne Blick auf die Tastatur – ziemlich schnell tippen kann.
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Ich lernte es nicht in der Schule. Meine Eltern bezahlten mir den mehrere Hundert DM teuren Büro-Grundkurs bei einem privaten Institut, da war ich 16 oder 17 Jahre alt. Das war nicht selbstverständlich. Geld war knapp bei uns. Ein „neues“ Auto durfte nie mehr als 500 bis 1000 Mark kosten, Urlaub war ein Fremdwort, und selbstverständlich hat meine Mutter die Prospekte mit Sonderangeboten immer nach Schnäppchen durchforstet.
Mag sein, das ist nichts Großes – und doch erfüllt mich der Gedanke, dass meine Eltern mir diesen Unterricht ermöglicht haben, immer wieder mit warmer Dankbarkeit.
Niemand konnte damals wissen, ob sich die Investition lohnen würde, ob ich die 180 Anschläge pro Minute nicht verlerne, ehe ich sie nutze. Erst einige Jahre später stellte sich heraus, wie wertvoll die erlernten Fähigkeiten für mich waren.
Wohl die meisten Menschen stoßen in der gedanklichen Rückschau auf ihr Leben auf solche Eckpfeiler der Dankbarkeit. Auf Taten und Worte, die außerhalb jedes Profitdenkens stehen. Auf Gaben, die nicht auf Leistung und Gegenleistung ausgerichtet sind, sondern aus Selbstlosigkeit, aus der Freude, einem anderen etwas Gutes zu tun, geschehen.
Der Philosoph und Psychoanalytiker Jonathan Lear ist davon überzeugt, dass wir in der Urform der Dankbarkeit erkennen können, dass wir endliche Wesen und keineswegs allmächtig sind. „Dankbarkeit lässt uns verstehen, was ein Mensch ist“, sagte er unlängst in einem Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Wir haben uns nicht aus uns selbst heraus geschaffen. Wir sind nicht Gott. Wir verdanken uns anderen, das ist die Wirklichkeit.“ Dankbarkeit sei die Fähigkeit, sich zu erinnern, dass andere uns ermöglicht haben und dass wir also ebenfalls frei sind, andere zu ermöglichen. Aus dieser Einsicht entstehe Großzügigkeit.
Dankbarkeit ist also viel mehr als ein Gefühl. Es ist die tiefe Empfindung des Verbundenseins mit unserer Umgebung, mit unserer Mitwelt. Wer dankbar ist, sagt Ja zum Leben. Diese Perspektive kann alles verändern. Der Philosoph Sir Francis Bacon beschrieb das in zwei schönen Sätzen – übrigens noch ganz ohne Schreibmaschine: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur



