Das Glück der Dankbaren

Redaktion am 25.08.2025

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Dankbarkeit ist viel mehr als ein Gefühl, stellt unser Autor des Editorials der aktuellen Ausgabe 35-2025 fest.

Man könn­te mei­nen, alle Jour­na­lis­ten beherr­schen das Zehn-Fin­ger-Sys­tem auf der Schreib­ma­schi­ne. Ein gro­ßer Irr­tum. Vie­le haben das Zwei-Fin­ger-Adler­such­sys­tem per­fek­tio­niert und hacken so mit Wucht ihre Geschich­ten in den Com­pu­ter. Ande­re haben sich ein kom­plett eige­nes Sys­tem antrai­niert. Eini­ge jün­ge­re Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen sind ver­mut­lich mit zwei Dau­men auf dem Smart­phone schnel­ler als mit der Com­pu­ter­tas­ta­tur. Auf die Qua­li­tät der Tex­te hat die Art des Tip­pens zunächst kei­nen Ein­fluss. Und doch emp­fin­de ich es als gro­ßes Glück, dass ich Maschi­nen­schrei­ben von der Pike auf gelernt habe und so auch blind – ohne Blick auf die Tas­ta­tur – ziem­lich schnell tip­pen kann.

Redakteur Wolfgang Krinninger in seiner Jugend vor einer Schreibmaschine. Info Icon Foto: privat
Redakteur Wolfgang Krinninger in jungen Jahren vor einer Schreibmaschine.

Ich lern­te es nicht in der Schu­le. Mei­ne Eltern bezahl­ten mir den meh­re­re Hun­dert DM teu­ren Büro-Grund­kurs bei einem pri­va­ten Insti­tut, da war ich 16 oder 17 Jah­re alt. Das war nicht selbst­ver­ständ­lich. Geld war knapp bei uns. Ein ​„neu­es“ Auto durf­te nie mehr als 500 bis 1000 Mark kos­ten, Urlaub war ein Fremd­wort, und selbst­ver­ständ­lich hat mei­ne Mut­ter die Pro­spek­te mit Son­der­an­ge­bo­ten immer nach Schnäpp­chen durchforstet.

Mag sein, das ist nichts Gro­ßes – und doch erfüllt mich der Gedan­ke, dass mei­ne Eltern mir die­sen Unter­richt ermög­licht haben, immer wie­der mit war­mer Dankbarkeit.

Nie­mand konn­te damals wis­sen, ob sich die Inves­ti­ti­on loh­nen wür­de, ob ich die 180 Anschlä­ge pro Minu­te nicht ver­ler­ne, ehe ich sie nut­ze. Erst eini­ge Jah­re spä­ter stell­te sich her­aus, wie wert­voll die erlern­ten Fähig­kei­ten für mich waren.

Wohl die meis­ten Men­schen sto­ßen in der gedank­li­chen Rück­schau auf ihr Leben auf sol­che Eck­pfei­ler der Dank­bar­keit. Auf Taten und Wor­te, die außer­halb jedes Pro­fit­den­kens ste­hen. Auf Gaben, die nicht auf Leis­tung und Gegen­leis­tung aus­ge­rich­tet sind, son­dern aus Selbst­lo­sig­keit, aus der Freu­de, einem ande­ren etwas Gutes zu tun, geschehen.

Der Phi­lo­soph und Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jona­than Lear ist davon über­zeugt, dass wir in der Urform der Dank­bar­keit erken­nen kön­nen, dass wir end­li­che Wesen und kei­nes­wegs all­mäch­tig sind. ​„Dank­bar­keit lässt uns ver­ste­hen, was ein Mensch ist“, sag­te er unlängst in einem Inter­view der Wochen­zei­tung ​„Die Zeit“: ​„Wir haben uns nicht aus uns selbst her­aus geschaf­fen. Wir sind nicht Gott. Wir ver­dan­ken uns ande­ren, das ist die Wirk­lich­keit.“ Dank­bar­keit sei die Fähig­keit, sich zu erin­nern, dass ande­re uns ermög­licht haben und dass wir also eben­falls frei sind, ande­re zu ermög­li­chen. Aus die­ser Ein­sicht ent­ste­he Großzügigkeit.

Dank­bar­keit ist also viel mehr als ein Gefühl. Es ist die tie­fe Emp­fin­dung des Ver­bun­den­seins mit unse­rer Umge­bung, mit unse­rer Mit­welt. Wer dank­bar ist, sagt Ja zum Leben. Die­se Per­spek­ti­ve kann alles ver­än­dern. Der Phi­lo­soph Sir Fran­cis Bacon beschrieb das in zwei schö­nen Sät­zen – übri­gens noch ganz ohne Schreib­ma­schi­ne: ​„Nicht die Glück­li­chen sind dank­bar. Es sind die Dank­ba­ren, die glück­lich sind.“

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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