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Im Alltag und dann, wenn es um Entscheidungen geht, fragen wir unseren "Kopf" – und immer häufiger das Internet oder die Smartwatch. Der Autor des Editorials der aktuellen Ausgabe 8-2026 aber weiß: Das Bauchgefühl ist ein präziser innerer Kompass – wenn man ihm denn zuhört.
Immer mehr Menschen aus meinem Freundeskreis stehen morgens auf, schauen auf ihre Armbanduhr und wissen danach trotzdem nicht, wie spät es ist. Warum? Weil es sie nicht interessiert. Viel wichtiger als die Information, ob man verschlafen hat oder sich noch einmal umdrehen kann, ist nämlich der Schlafscore. Eine Zahl zwischen 1 und 100, die nach dem Aufwachen von der Uhr angezeigt wird. Unter 50 heißt: Bleib liegen, du bist platter als die ausgelaugte Wärmflasche unterm Federbett! Über 80 heißt: Hinaus in den Morgen, lebe!
Moderne Fitnessuhren sind Wunderwerke der Technik. Sie analysieren den Schlaf, überwachen die Herzfrequenz, messen den Sauerstoffgehalt im Blut, zählen Schritte und Kalorien und gießen alles in bunte Trainingspläne und Fortschrittsanalysen. Aja, telefonieren, navigieren, bezahlen und Musik hören kann man mit den Alleskönnern am Handgelenk natürlich auch.
Das ist ganz wunderbar. Aber bleibt nicht doch etwas Wesentliches auf der Strecke, wenn Sensoren und Zahlenreihen die Regie über meinen Alltag übernehmen? Der portugiesisch-amerikanische Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat in den 1990er-Jahren nachgewiesen, dass emotionale Körperzustände – etwa Herzklopfen, Muskelspannung, ein Gefühl von Wärme oder Kälte – bei Entscheidungen als unbewusste Signale wirken. Also all das, was wir als Intuition bezeichnen. Das Bauchgefühl hilft uns, gut und sicher durchs Leben zu kommen, wirkt wie ein innerer Kompass – ohne dass wir bewusst wahrnehmen, was da grad in unserem Körper passiert. Wir kennen es alle: schweißnasse Hände, ein Kribbeln im Bauch, ein Ziehen in den Nieren, das heftig klopfende Herz. Die Neurowissenschaft nennt das „somatische Marker“: körperliche Spuren vergangener Erfahrungen, die Denken und Handeln prägen. Der Körper „denkt“ mit. Über unser Nervensystem fließen alle Informationen aus Organen, Haut und Muskeln in unserem Gehirn zusammen – das Fundament unseres emotionalen Erlebens.
Nur spüren müssen wir es. „Alle von uns haben diese innere Stimme – aber wir haben oft verlernt, ihr wirklich zuzuhören“, sagt Jessica Megow, Coachin für intuitive Führung und Bewusstseinsarbeit, im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur. Wenn wir angespannt und gestresst sind, bleibe kaum Raum für feine Wahrnehmung. Erst wenn der Körper zur Ruhe kommt, kann sich diese innere Orientierung zeigen – als Klarheit oder eine stimmige Ruhe. „Manchmal spürst du einfach: Das ist mein Weg“, sagt Megow, „der Körper weiß oft früher Bescheid als der Kopf.“
Anders gesagt: Erst wenn Gefühl und Erfahrung, Vernunft und Verstand sich die Hand reichen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir gute Entscheidungen treffen. Dann noch eine Fitnessuhr am Handgelenk und ein Gebet im Herzen – und der Tag ist dein Freund.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur



