Und der Tag ist dein Freund

Redaktion am 13.02.2026

Info Icon Foto: Adobe Stock

Im Alltag und dann, wenn es um Entscheidungen geht, fragen wir unseren "Kopf" – und immer häufiger das Internet oder die Smartwatch. Der Autor des Editorials der aktuellen Ausgabe 8-2026 aber weiß: Das Bauchgefühl ist ein präziser innerer Kompass – wenn man ihm denn zuhört.

Immer mehr Men­schen aus mei­nem Freun­des­kreis ste­hen mor­gens auf, schau­en auf ihre Arm­band­uhr und wis­sen danach trotz­dem nicht, wie spät es ist. War­um? Weil es sie nicht inter­es­siert. Viel wich­ti­ger als die Infor­ma­ti­on, ob man ver­schla­fen hat oder sich noch ein­mal umdre­hen kann, ist näm­lich der Schlaf­score. Eine Zahl zwi­schen 1 und 100, die nach dem Auf­wa­chen von der Uhr ange­zeigt wird. Unter 50 heißt: Bleib lie­gen, du bist plat­ter als die aus­ge­laug­te Wärm­fla­sche unterm Feder­bett! Über 80 heißt: Hin­aus in den Mor­gen, lebe!

Moder­ne Fit­ness­uh­ren sind Wun­der­wer­ke der Tech­nik. Sie ana­ly­sie­ren den Schlaf, über­wa­chen die Herz­fre­quenz, mes­sen den Sau­er­stoff­ge­halt im Blut, zäh­len Schrit­te und Kalo­rien und gie­ßen alles in bun­te Trai­nings­plä­ne und Fort­schritts­ana­ly­sen. Aja, tele­fo­nie­ren, navi­gie­ren, bezah­len und Musik hören kann man mit den Alles­kön­nern am Hand­ge­lenk natür­lich auch.

Das ist ganz wun­der­bar. Aber bleibt nicht doch etwas Wesent­li­ches auf der Stre­cke, wenn Sen­so­ren und Zah­len­rei­hen die Regie über mei­nen All­tag über­neh­men? Der por­tu­gie­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Anto­nio Dama­sio hat in den 1990er-Jah­ren nach­ge­wie­sen, dass emo­tio­na­le Kör­per­zu­stän­de – etwa Herz­klop­fen, Mus­kel­span­nung, ein Gefühl von Wär­me oder Käl­te – bei Ent­schei­dun­gen als unbe­wuss­te Signa­le wir­ken. Also all das, was wir als Intui­ti­on bezeich­nen. Das Bauch­ge­fühl hilft uns, gut und sicher durchs Leben zu kom­men, wirkt wie ein inne­rer Kom­pass – ohne dass wir bewusst wahr­neh­men, was da grad in unse­rem Kör­per pas­siert. Wir ken­nen es alle: schweiß­nas­se Hän­de, ein Krib­beln im Bauch, ein Zie­hen in den Nie­ren, das hef­tig klop­fen­de Herz. Die Neu­ro­wis­sen­schaft nennt das ​„soma­ti­sche Mar­ker“: kör­per­li­che Spu­ren ver­gan­ge­ner Erfah­run­gen, die Den­ken und Han­deln prä­gen. Der Kör­per ​„denkt“ mit. Über unser Ner­ven­sys­tem flie­ßen alle Infor­ma­tio­nen aus Orga­nen, Haut und Mus­keln in unse­rem Gehirn zusam­men – das Fun­da­ment unse­res emo­tio­na­len Erlebens.

Nur spü­ren müs­sen wir es. ​„Alle von uns haben die­se inne­re Stim­me – aber wir haben oft ver­lernt, ihr wirk­lich zuzu­hö­ren“, sagt Jes­si­ca Megow, Coa­chin für intui­ti­ve Füh­rung und Bewusst­seins­ar­beit, im Gespräch mit der Katho­li­schen Nach­rich­ten­agen­tur. Wenn wir ange­spannt und gestresst sind, blei­be kaum Raum für fei­ne Wahr­neh­mung. Erst wenn der Kör­per zur Ruhe kommt, kann sich die­se inne­re Ori­en­tie­rung zei­gen – als Klar­heit oder eine stim­mi­ge Ruhe. ​„Manch­mal spürst du ein­fach: Das ist mein Weg“, sagt Megow, ​„der Kör­per weiß oft frü­her Bescheid als der Kopf.“

Anders gesagt: Erst wenn Gefühl und Erfah­rung, Ver­nunft und Ver­stand sich die Hand rei­chen, ist die Wahr­schein­lich­keit groß, dass wir gute Ent­schei­dun­gen tref­fen. Dann noch eine Fit­ness­uhr am Hand­ge­lenk und ein Gebet im Her­zen – und der Tag ist dein Freund.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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