Man weiß es lange vorher und ist dann doch erstaunt: Auf einmal sind sie weg! Mit Beginn des Wintersemesters war es soweit: Unsere Zwillinge sind ausgezogen, um ihr Studium zu beginnen. Die älteste Tochter steht schon länger auf eigenen Füßen. Zurück bleibt unsere Jüngste (14). Sie muss es noch eine Weile mit uns Eltern „aushalten“.
Es ist vermutlich eine Binsenweisheit, aber ich komme nicht umhin, sie zu wiederholen: Die Zeit vom ersten Schrei ins Leben bis heute ist im Nu verflogen! Mit der Geburt der Kinder hat das Lebenskarussell massiv Fahrt aufgenommen. Natürlich blende ich Fiebernächte, erste Zähne, schlaflose Stunden und andere „Härtefälle“ gern aus: jene Chaos-Tage, an denen man sich ein schnelleres Vorübersegeln wünschte und der Sekundenzeiger wirkte, als müsse er sich durch zähen Honig kämpfen. Doch in der Gesamtschau erscheint das zurückliegende Vierteljahrhundert wie eine Galoppstrecke: Kleine Schrammen und verweinte Stunden fliegen dabei ebenso vorbei wie Freudentänze und glücklich-verspielte Sonnentage. Die ersten wackligen Meter auf dem Fahrrad wechseln sich ab mit der Erinnerung an wilde Schlittenfahrten, schräge Flötentöne, flotte Tanzschritte und hunderte Stunden in den Turnhallen des Freistaats. Manchmal reicht ein Bild, um eine Kaskade schöner Erinnerungen wach zu rufen. Pubertäre Eskapaden, an denen ja bekanntlich immer die Eltern schuld sind, lassen wir großzügig beiseite. Schließlich können die Kinder ja nichts dafür, wenn sich ihr Gehirn neu sortiert und Hormone sie durch eine Achterbahn der Gefühle jagen. Auch das gehört zum Großwerden dazu. Und irgendwann strecken sie dann die Flügel aus…
Mit dem Erwachsenwerden der Kinder schlägt die Familie ein neues Kapitel auf. Es ist auch die Zeit des Überflügelns. Dass der Bub größer und stärker ist als ich, habe ich längst hingenommen. Doch es bleibt nicht dabei: Die Kinder denken schneller, sind versierter im Umgang mit allen (digitalen) Werkzeugen, die das Leben leichter machen, und in vielen Bereichen auch besser informiert. Wir älter werdenden Eltern punkten vor allem mit Lebenserfahrung – und der Gelassenheit, die sie mit sich bringt. Gebraucht werden wir weiterhin: als Zuhörer und Ratgeber, als Schulter zum Anlehnen, als Umzugshelfer, Geldgeber, Maler und Lampenmonteure. Und als Bewahrer jener Heimat, zu der man immer wieder zurückkehrt – ein Bedürfnis, das tief im Menschen verwurzelt ist.
Und so wächst die Vorfreude. Bald erfüllt für ein paar Tage wieder geballtes Familienleben das Haus. Viele Stimmen verweben sich zu einem warmen Grundrauschen der Nähe. Geschichten, Anekdoten und Erlebnisse der vergangenen Wochen und Monate werden wie Perlen auf einer Schnur zwischen Küche, Kinderzimmern und Wohnstube aufgereiht. Wenn schließlich alle wieder daheim sind – dann ist es auch Weihnachten.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur



