Das Martyrium des Joseph Paraire

Redaktion am 01.12.2025

In Nammering erinnert ein Mahnmal an die 794 KZ-Häftlinge, die hier den Tod fanden. Info Icon Foto: Josef Enzesberger
In Nammering erinnert ein Mahnmal an die 794 KZ-Häftlinge, die hier den Tod fanden. Es wurde 1984 vom Friedensforum Fürstenstein in Eigenleistung aufgestellt. Gestaltet hat es der Bildhauer Karl Mader. Unter den Opfern des Todeszugs aus Buchenwald war auch der Franziskanerbruder Joseph Paraire, der am 13. Dezember seliggesprochen wird.

Der Franziskanerbruder wird am 13. Dezember vom Erzbischof von Luxemburg, Kardinal Jean-Claude Hollerich, im Auftrag von Papst Leo XIV. in der Kathedrale Notre-Dame seliggesprochen. Er starb 1945 im Todeszug aus Buchenwald in der Nähe von Pocking.

Was einer ist, was einer war – beim Schei­den wird es offen­bar“ – so sagt Hans Caros­sa. Der nahen­de Tod ist für uns Chris­ten eine Stun­de der Wahr­heit, in der sich unser Glau­be bewäh­ren muss. Eine in die­ser Hin­sicht beson­de­re Bewäh­rungs­pro­be ist das Mar­ty­ri­um. Men­schen, die lie­ber den Tod in Kauf neh­men, als den Glau­ben zu ver­leug­nen, wer­den auf die­se Wei­se zu Zeu­gen der gött­li­chen Wahrheit.

Am 13. Dezem­ber wird der Erz­bi­schof von Luxem­burg, Kar­di­nal Jean-Clau­de Hol­le­rich, im Auf­trag von Papst Leo XIV. in der Kathe­dra­le Not­re-Dame in Paris fünf­zig sol­cher Zeu­gen selig­spre­chen. Ihre Bio­gra­fien sind höchst unter­schied­lich, doch eines haben sie alle gemein­sam: als Fran­zo­sen wur­den sie wäh­rend der natio­nal-sozia­lis­ti­schen Herr­schaft zur Zwangs­ar­beit nach Deutsch­land gebracht und dort haben sie – teils im offi­zi­el­len Auf­trag, teils auf­grund eige­ner Initia­ti­ve – ver­bo­te­ner­wei­se den ande­ren Zwangs­ar­bei­tern ihre Diens­te als Seel­sor­ger ange­bo­ten. Inmit­ten eines unmensch­li­chen Kli­mas der Repres­si­on, Angst und Ver­zweif­lung sind sie ihren Lands­leu­ten bei­gestan­den und haben ihnen Hoff­nung gege­ben. Dafür wur­den sie hart bestraft, eini­ge wur­den hin­ge­rich­tet, die meis­ten wur­den ver­haf­tet und in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gebracht, wo sie zu Tode gequält wurden.

Br. Louis (Joseph) Paraire (1919-1945).

Einer von ihnen, Joseph Parai­re, hat sein Mar­ty­ri­um auf dem Boden unse­res Bis­tums erlit­ten. Er wur­de zusam­men mit einem Zwil­lings­bru­der am 2. Dezem­ber 1919 in Vin­cen­nes, heu­te eine Stadt im Groß­raum von Paris, als elf­tes von sech­zehn Kin­dern gebo­ren. Er wuchs in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen, aber wohl­be­hü­tet auf. In sei­ner Kind­heit hat ihn – wie er spä­ter in einem Brief an einen Freund erzählt – das gemein­sa­me Gebet in der Fami­lie geprägt. Jeden Abend ver­sam­mel­ten Gas­ton und Gabri­el­le Parai­re ihre vie­len Kin­der, um Gott um sei­nen Segen zu bit­ten. Das Glück die­ser Tage wur­de durch den frü­hen Tod der Eltern getrübt. Im Alter von zehn Jah­ren erlebt Joseph den Tod sei­ner Mut­ter, drei Jah­re spä­ter den des Vaters. Fort­an küm­mern sich sei­ne älte­ren Schwes­tern um ihn. In der Schu­le fal­len sein tadel­lo­ses Betra­gen, sei­ne tie­fe Reli­gio­si­tät und sei­ne viel­fäl­ti­gen Bega­bun­gen auf, beson­ders für Musik und Lite­ra­tur. Jeden Mor­gen ver­sieht er treu den Minis­tran­ten­dienst in der Früh­mes­se. Das Abitur macht er 1937 an einer Schu­le in Fon­ten­ay-sous-Bois, die von Fran­zis­ka­nern geführt wird. Dort erlebt er das klös­ter­li­che Leben aus nächs­ter Nähe, und so reift in ihm immer mehr der Gedan­ke, sein Leben Gott zu wei­hen. För­de­rer und Weg­be­rei­ter sei­ner Beru­fung ist P. Ber­nard Vil­let­te, zu dem er schnell Ver­trau­en fasst und der ihm ein wert­vol­ler Rat­ge­ber wird. Zwar schreibt sich Joseph Parai­re zunächst für ein Jura­stu­di­um in Paris ein, das er jedoch bald wie­der auf­gibt, um im Okto­ber 1938 in den Fran­zis­ka­ner­or­den einzutreten.

Am 25. August 1939 beginnt er das Novi­zi­at und nimmt den Ordens­na­men Lou­is an. Das sich anschlie­ßen­de Theo­lo­gie­stu­di­um führt ihn in ver­schie­de­ne fran­zö­si­sche Fran­zis­ka­ner­klös­ter, so bei­spiels­wei­se nach Ami­ens, Quim­per und Pois­sy. Im Früh­jahr 1943 wer­den sei­ne Ordens­obe­ren vor eine schwe­re Ent­schei­dung gestellt. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber ver­lan­gen, dass sich alle jun­gen Män­ner zum Arbeits­dienst mel­den. Die ers­ten Wochen wer­den sie noch in Frank­reich ein­ge­setzt, doch dann kommt der Befehl, nach Deutsch­land zu gehen. Die Ordens­lei­tung bit­tet die Novi­zen, zu gehor­chen. Zu groß ist die Angst vor Repres­sa­li­en gegen die übri­gen Ordens­brü­der. So fügt sich Bru­der Lou­is in sein Schick­sal und wird mit elf wei­te­ren Mit­brü­dern am 17. Sep­tem­ber 1943 nach Köln gebracht, wo er auf dem Güter­bahn­hof Köln-Gere­on Kis­ten schlep­pen muss. Schnell erkennt er die Not der übri­gen 15.000 Fran­zo­sen, die im Raum Köln zur Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet wur­den. Er ver­steht sei­ne Rekru­tie­rung – so schreibt er in einem Brief an sei­nen Bru­der zu Hau­se in Frank­reich – als gött­li­che Vorsehung.

Näch­te­lang hört er, der nach geta­ner Arbeit selbst Schlaf und Ruhe nötig gehabt hät­te, sei­nen Lands­leu­ten zu, betet mit ihnen, gibt ihnen Zuspruch und ermu­tigt sie, nicht auf­zu­ge­ben. Er schreibt an sei­nen Bru­der: Die gött­li­che Vor­se­hung hat uns offen­kun­dig hier­her gebracht. Sie zeigt es uns, indem sie unser Wir­ken hier mit Segen erfüllt und indem sie uns merk­lich beschützt. Solan­ge sie uns zeigt, dass unser Platz hier ist, dür­fen wir unse­ren Pos­ten nicht verlassen.“ 

Info Icon Foto: Archiv Enzesberger
Eingebrannt in die Erinnerung: Auf Befehl der Amerikaner musste die gesamte Bevölkerung aus Nammering und Umgebung die 524 schon verwesenden Leichen ansehen.

Alle kräf­te­zeh­ren­de Anstren­gung – die nicht ohne Krank­hei­ten und Ver­let­zun­gen abläuft – opfert er für den Dienst am Nächs­ten, und trotz aller Wid­rig­kei­ten schaf­fen es die zwölf sogar, eine klös­ter­li­che Gemein­schaft zu hal­ten. Sie sin­gen und beten, sie dis­ku­tie­ren über Gott und die Welt und betrach­ten gemein­sam bibli­sche Tex­te. So beschäf­ti­gen sie sich ins­be­son­de­re mit der Apos­tel­ge­schich­te und der Fra­ge, wie die beharr­li­che Mis­si­ons­ar­beit und die Pre­dig­ten der Apos­tel auf ihre Zeit und auf ihre spe­zi­el­le Situa­ti­on hin über­tra­gen wer­den könn­ten. Im Juni 1944 erhält Bru­der Lou­is zusam­men mit fünf Mit­brü­dern die Erlaub­nis, für eine Woche nach Bad Godes­berg auf Erho­lungs­ur­laub zu gehen. Am Ende die­ser Woche schreibt er an sei­ne Geschwis­ter zu Hau­se in Frank­reich: Bald wer­den sie uns nach Köln zurück­ho­len, damit wir voll neu­er Kraft eine neue Etap­pe in Angriff neh­men, bei der es dar­auf ankommt, ein Leben mit größt­mög­li­cher Nähe zu Chris­tus und mit tie­fer Lie­be zu uns und zu allen zu führen.“

Die neue Etap­pe, von der er spricht, sieht anders aus, als er es erwar­tet hat.

Am 13. Juli 1944 wird er von der Gesta­po ver­haf­tet, die ihm Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung und reli­giö­se Pro­pa­gan­da vor­wirft. Er wird ver­hört, ins Gefäng­nis gewor­fen und schließ­lich als poli­ti­scher Häft­ling mit der Num­mer 81758 in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald gebracht. Von dort kommt er nach Lan­gen­sal­za, wo er in einer Fabrik zur Her­stel­lung von Flug­zeug­tei­len arbei­ten muss. Als am Ende des Krie­ges die US-Armee immer näher rückt, gibt Himm­ler den Befehl, das Lager Buchen­wald zu eva­ku­ie­ren. Bru­der Lou­is wird zu Fuß zurück nach Buchen­wald geschickt und am 7. April 1945 zusam­men mit unge­fähr 5000 wei­te­ren Häft­lin­gen in den soge­nann­ten Todes­zug gepfercht, der sie nach Dach­au brin­gen soll.

Info Icon Foto: Josef Enzesberger
Die Arbeitsgemeinschaft KZ-Transport der Gemeinde Fürstenstein mit Nikolaus Saller als treibender Kraft sorgt dafür, dass die Erinnerung an das grauenvolle Geschehen im April 1945 nicht verblasst.

Der Weg führt auch durch das Gebiet des Bis­tums Pas­sau. Bru­der Lou­is tritt die Rei­se bereits geschwächt und aus­ge­hun­gert an. Im offe­nen Wag­gon sind die Häft­lin­ge Wind und Wet­ter schutz­los aus­ge­lie­fert. Die kata­stro­pha­len hygie­ni­schen Zustän­de sor­gen dafür, dass sich schnell Krank­hei­ten aus­brei­ten. Bei einem Zwi­schen­halt in Böh­men zei­gen sich bei Bru­der Lou­is Sym­pto­me der Ruhr, die ihm zusätz­lich die Kräf­te raubt. Immer mehr Mit­häft­lin­ge erlie­gen den Stra­pa­zen der Fahrt. Man bedient sich der Klei­dung der Toten, um sich gegen die Käl­te zu schüt­zen. Wäh­rend des Auf­ent­halts in Nam­me­ring ver­schlech­tert sich der Zustand von Bru­der Lou­is zuse­hends. All sein Leid – so berich­ten es spä­ter sei­ne Mit­brü­der – erträgt er mit bemer­kens­wer­ter Geduld und Hin­ga­be, ohne Kla­ge oder Selbst­mit­leid. Am Mor­gen des 26. April 1945, der Zug hat mitt­ler­wei­le Pocking erreicht, zeich­net sich ab, dass Bru­der Lou­is bald die Kräf­te ver­las­sen wer­den. Sei­ne Mit­brü­der neh­men ihn in ihre Mit­te, ein Pries­ter unter ihnen reicht ihm noch die Kom­mu­ni­on. In der Stun­de des Todes kommt eine letz­te Fra­ge über sei­ne Lip­pen: Wie kann ich dem Herrn in der Ewig­keit für all die Freu­de dan­ken, die er mir in die­ser Höl­le geschenkt hat?“. Sei­ne Mit­brü­der stim­men den berühm­ten Son­nen­ge­sang ihres Ordens­grün­ders Franz von Assi­si an, in dem es heißt: Gelobt seist du, mein Herr, für unse­re Schwes­ter, den leib­li­chen Tod; kein leben­der Mensch kann ihm ent­rin­nen. Wehe jenen, die in töd­li­cher Sün­de ster­ben. Selig, die er fin­den wird in dei­nem hei­ligs­ten Wil­len, denn der zwei­te Tod wird ihnen kein Leid antun.“ Bru­der Lou­is stirbt mit der Ordens­re­gel der Fran­zis­ka­ner in der Hand.

Was einer ist, was einer war – beim Schei­den wird es offen­bar“ – trotz aller Tra­gik war für Bru­der Lou­is die Stun­de des Todes eine Stun­de tie­fer Dank­bar­keit. Er war dank­bar für die Gna­de Got­tes, die er in der Gemein­schaft mit sei­ner Fami­lie und sei­nen Ordens­brü­dern erfah­ren durf­te und die sein Wir­ken als Seel­sor­ger für sei­ne Lands­leu­te beglei­tet hat und frucht­bar wer­den ließ. Mit der Selig­spre­chung ehrt die Kir­che das Zeug­nis sei­nes Lebens, das geprägt war von opfer­be­rei­ter und lie­be­vol­ler Hin­ga­be an Gott und den Nächs­ten – wie Jesus es vor­ge­lebt hat.

Dr. Florian
Schwarz

Pfarrer

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