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Der Franziskanerbruder wird am 13. Dezember vom Erzbischof von Luxemburg, Kardinal Jean-Claude Hollerich, im Auftrag von Papst Leo XIV. in der Kathedrale Notre-Dame seliggesprochen. Er starb 1945 im Todeszug aus Buchenwald in der Nähe von Pocking.
Was einer ist, was einer war – beim Scheiden wird es offenbar“ – so sagt Hans Carossa. Der nahende Tod ist für uns Christen eine Stunde der Wahrheit, in der sich unser Glaube bewähren muss. Eine in dieser Hinsicht besondere Bewährungsprobe ist das Martyrium. Menschen, die lieber den Tod in Kauf nehmen, als den Glauben zu verleugnen, werden auf diese Weise zu Zeugen der göttlichen Wahrheit.
Am 13. Dezember wird der Erzbischof von Luxemburg, Kardinal Jean-Claude Hollerich, im Auftrag von Papst Leo XIV. in der Kathedrale Notre-Dame in Paris fünfzig solcher Zeugen seligsprechen. Ihre Biografien sind höchst unterschiedlich, doch eines haben sie alle gemeinsam: als Franzosen wurden sie während der national-sozialistischen Herrschaft zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht und dort haben sie – teils im offiziellen Auftrag, teils aufgrund eigener Initiative – verbotenerweise den anderen Zwangsarbeitern ihre Dienste als Seelsorger angeboten. Inmitten eines unmenschlichen Klimas der Repression, Angst und Verzweiflung sind sie ihren Landsleuten beigestanden und haben ihnen Hoffnung gegeben. Dafür wurden sie hart bestraft, einige wurden hingerichtet, die meisten wurden verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht, wo sie zu Tode gequält wurden.
Einer von ihnen, Joseph Paraire, hat sein Martyrium auf dem Boden unseres Bistums erlitten. Er wurde zusammen mit einem Zwillingsbruder am 2. Dezember 1919 in Vincennes, heute eine Stadt im Großraum von Paris, als elftes von sechzehn Kindern geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen, aber wohlbehütet auf. In seiner Kindheit hat ihn – wie er später in einem Brief an einen Freund erzählt – das gemeinsame Gebet in der Familie geprägt. Jeden Abend versammelten Gaston und Gabrielle Paraire ihre vielen Kinder, um Gott um seinen Segen zu bitten. Das Glück dieser Tage wurde durch den frühen Tod der Eltern getrübt. Im Alter von zehn Jahren erlebt Joseph den Tod seiner Mutter, drei Jahre später den des Vaters. Fortan kümmern sich seine älteren Schwestern um ihn. In der Schule fallen sein tadelloses Betragen, seine tiefe Religiosität und seine vielfältigen Begabungen auf, besonders für Musik und Literatur. Jeden Morgen versieht er treu den Ministrantendienst in der Frühmesse. Das Abitur macht er 1937 an einer Schule in Fontenay-sous-Bois, die von Franziskanern geführt wird. Dort erlebt er das klösterliche Leben aus nächster Nähe, und so reift in ihm immer mehr der Gedanke, sein Leben Gott zu weihen. Förderer und Wegbereiter seiner Berufung ist P. Bernard Villette, zu dem er schnell Vertrauen fasst und der ihm ein wertvoller Ratgeber wird. Zwar schreibt sich Joseph Paraire zunächst für ein Jurastudium in Paris ein, das er jedoch bald wieder aufgibt, um im Oktober 1938 in den Franziskanerorden einzutreten.
Am 25. August 1939 beginnt er das Noviziat und nimmt den Ordensnamen Louis an. Das sich anschließende Theologiestudium führt ihn in verschiedene französische Franziskanerklöster, so beispielsweise nach Amiens, Quimper und Poissy. Im Frühjahr 1943 werden seine Ordensoberen vor eine schwere Entscheidung gestellt. Die nationalsozialistischen Machthaber verlangen, dass sich alle jungen Männer zum Arbeitsdienst melden. Die ersten Wochen werden sie noch in Frankreich eingesetzt, doch dann kommt der Befehl, nach Deutschland zu gehen. Die Ordensleitung bittet die Novizen, zu gehorchen. Zu groß ist die Angst vor Repressalien gegen die übrigen Ordensbrüder. So fügt sich Bruder Louis in sein Schicksal und wird mit elf weiteren Mitbrüdern am 17. September 1943 nach Köln gebracht, wo er auf dem Güterbahnhof Köln-Gereon Kisten schleppen muss. Schnell erkennt er die Not der übrigen 15.000 Franzosen, die im Raum Köln zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Er versteht seine Rekrutierung – so schreibt er in einem Brief an seinen Bruder zu Hause in Frankreich – als göttliche Vorsehung.
Nächtelang hört er, der nach getaner Arbeit selbst Schlaf und Ruhe nötig gehabt hätte, seinen Landsleuten zu, betet mit ihnen, gibt ihnen Zuspruch und ermutigt sie, nicht aufzugeben. Er schreibt an seinen Bruder: „Die göttliche Vorsehung hat uns offenkundig hierher gebracht. Sie zeigt es uns, indem sie unser Wirken hier mit Segen erfüllt und indem sie uns merklich beschützt. Solange sie uns zeigt, dass unser Platz hier ist, dürfen wir unseren Posten nicht verlassen.“
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Alle kräftezehrende Anstrengung – die nicht ohne Krankheiten und Verletzungen abläuft – opfert er für den Dienst am Nächsten, und trotz aller Widrigkeiten schaffen es die zwölf sogar, eine klösterliche Gemeinschaft zu halten. Sie singen und beten, sie diskutieren über Gott und die Welt und betrachten gemeinsam biblische Texte. So beschäftigen sie sich insbesondere mit der Apostelgeschichte und der Frage, wie die beharrliche Missionsarbeit und die Predigten der Apostel auf ihre Zeit und auf ihre spezielle Situation hin übertragen werden könnten. Im Juni 1944 erhält Bruder Louis zusammen mit fünf Mitbrüdern die Erlaubnis, für eine Woche nach Bad Godesberg auf Erholungsurlaub zu gehen. Am Ende dieser Woche schreibt er an seine Geschwister zu Hause in Frankreich: „Bald werden sie uns nach Köln zurückholen, damit wir voll neuer Kraft eine neue Etappe in Angriff nehmen, bei der es darauf ankommt, ein Leben mit größtmöglicher Nähe zu Christus und mit tiefer Liebe zu uns und zu allen zu führen.“
Die neue Etappe, von der er spricht, sieht anders aus, als er es erwartet hat.
Am 13. Juli 1944 wird er von der Gestapo verhaftet, die ihm Bildung einer kriminellen Vereinigung und religiöse Propaganda vorwirft. Er wird verhört, ins Gefängnis geworfen und schließlich als politischer Häftling mit der Nummer 81758 in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Von dort kommt er nach Langensalza, wo er in einer Fabrik zur Herstellung von Flugzeugteilen arbeiten muss. Als am Ende des Krieges die US-Armee immer näher rückt, gibt Himmler den Befehl, das Lager Buchenwald zu evakuieren. Bruder Louis wird zu Fuß zurück nach Buchenwald geschickt und am 7. April 1945 zusammen mit ungefähr 5000 weiteren Häftlingen in den sogenannten Todeszug gepfercht, der sie nach Dachau bringen soll.
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Der Weg führt auch durch das Gebiet des Bistums Passau. Bruder Louis tritt die Reise bereits geschwächt und ausgehungert an. Im offenen Waggon sind die Häftlinge Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. Die katastrophalen hygienischen Zustände sorgen dafür, dass sich schnell Krankheiten ausbreiten. Bei einem Zwischenhalt in Böhmen zeigen sich bei Bruder Louis Symptome der Ruhr, die ihm zusätzlich die Kräfte raubt. Immer mehr Mithäftlinge erliegen den Strapazen der Fahrt. Man bedient sich der Kleidung der Toten, um sich gegen die Kälte zu schützen. Während des Aufenthalts in Nammering verschlechtert sich der Zustand von Bruder Louis zusehends. All sein Leid – so berichten es später seine Mitbrüder – erträgt er mit bemerkenswerter Geduld und Hingabe, ohne Klage oder Selbstmitleid. Am Morgen des 26. April 1945, der Zug hat mittlerweile Pocking erreicht, zeichnet sich ab, dass Bruder Louis bald die Kräfte verlassen werden. Seine Mitbrüder nehmen ihn in ihre Mitte, ein Priester unter ihnen reicht ihm noch die Kommunion. In der Stunde des Todes kommt eine letzte Frage über seine Lippen: „Wie kann ich dem Herrn in der Ewigkeit für all die Freude danken, die er mir in dieser Hölle geschenkt hat?“. Seine Mitbrüder stimmen den berühmten Sonnengesang ihres Ordensgründers Franz von Assisi an, in dem es heißt: „Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod; kein lebender Mensch kann ihm entrinnen. Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben. Selig, die er finden wird in deinem heiligsten Willen, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.“ Bruder Louis stirbt mit der Ordensregel der Franziskaner in der Hand.
„Was einer ist, was einer war – beim Scheiden wird es offenbar“ – trotz aller Tragik war für Bruder Louis die Stunde des Todes eine Stunde tiefer Dankbarkeit. Er war dankbar für die Gnade Gottes, die er in der Gemeinschaft mit seiner Familie und seinen Ordensbrüdern erfahren durfte und die sein Wirken als Seelsorger für seine Landsleute begleitet hat und fruchtbar werden ließ. Mit der Seligsprechung ehrt die Kirche das Zeugnis seines Lebens, das geprägt war von opferbereiter und liebevoller Hingabe an Gott und den Nächsten – wie Jesus es vorgelebt hat.



