Der „Heilige Berg der Niederbayern“ ist der Ort Altbayerns, der als erster auf die Erfindung des amerikanischen Universalgelehrten Benjamin Franklin setzte: 1771 montierte man auf den Turm der Wallfahrtskirche „Mariä Himmelfahrt“ einen Blitzableiter. Jahre später war es dann erst in der Residenzstadt München soweit – die Kapuziner statteten ihre Klosterkirche an der ehemaligen Bastei ebenfalls mit dem neuen Blitzschutz aus.
Mit der Aufklärung brach eine neue Zeit heran, in der das Beweisen mehr galt als das Glauben, insbesondere was den Umgang mit dem Wetter, mit dem „Weda“ wie der Bayer zu Gewittern sagt, anlangte. 1783 verbot Kurfürst Carl Theodor das Wetterläuten und das Wetterböllern. Auf immer vorbei sollte es sein mit der Macht der Glocken, deren Umschrift oft mit dem „Fulgara Frango“, mit dem „Die Blitze breche ich“ endete. Für Pfarrherren und Mesner versiegten damit auch die Läutgaben, eine unwetterabhängige Einkommensquelle aus Naturalien. Berichtet wird aus Südostbayern, dass Bauern dem Pfarrer „eine Garbe von jedem Fuder“ abzuliefern hatten, die Mesner erhielten für ihre Dienste sogenannte „Wettereier“. Gehalten hat sich an das staatliche Läutverbot so gut wie keiner, zu sehr war der Glaube an die Wirkmächtigkeit der Glocken seit frühchristlicher Zeit in Land und Leuten verankert. Mit dem Amtsantritt Max Josephs 1799 verschärften sich die Kirchenreformen: Wallfahrten, Umgänge und Andachten aller Art wurden untersagt, Feld- und Wetterkreuze sowie Votivtafeln als nutzlose Objekte entfernt und spezielle Kulte wegen ihrer sinnfreien Theatralik verboten.
Seit Menschengedenken hatten Menschen versucht, Blitz und Donner mit magico-religiösen Bräuchen zu beherrschen oder zum eigenen Vorteil zu steuern. Ob man nun ein Wetteramulett um den Hals trug, bevorzugt in Form des Scheyerer Doppelkreuzes oder ein kleines Agnus-Dei Amulett aus dem weißen Wachs der Osterkerze und in Weihwasser getaucht; gelb blühende Wetterblumen wie den „Himmelprant“, Arnika, Steinbrech, Eberwurz oder das Johanniskraut um das Haus pflanzte; die dickfleischige Hauswurz, das sogenannte Blitzkraut“ auf Dach und Mauerkrone setzte; Haselnusslaub unter die Fensterrahmen legte oder den „Wetterboschen“ aus frischen Fichten- und Tannentrieben an den Hausgiebel nagelte – nichts blieb unversucht. Blaue Glockenblümchen durften nicht gepflückt werden, denn dann folgte das Gewitter auf dem Fuß. Selbst der Hausrotschwanz, der „Rotbrandl“, galt als Gewitterbote – bei Haus und Hof wurde er nicht gern gesehen. Wer auf den Blitz mit dem Finger zeigte, um den war es geschehen.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Doch das mächtigste und wirkungsvollste Instrument gegen Hagel, Blitz und allem sonstigen Unbill verlor, allen staatlichen und kirchlichen Verboten zum Trotz, nie an Beliebtheit: Die „schwarze Oidedinger Wedakirzn“, sie ist bis zum heutigen Tag das traditionelle Mitbringsel der Wallfahrer, die ihr Weg ins Herz Bayerns führt. Sie ist, wie man es heute formulieren würde, das „Must have“ aus der Wallfahrtsstadt und sollte bestenfalls auch dort geweiht werden. Es gibt die Wetter‑, Donner- oder Schauerkerzen in zahlreichen Größen, mit und ohne Verzierung, mit und ohne Wettersegensspruch, in Zellophan eingewickelt oder lose, einzeln oder im Gebinde. Tatsächlich führen sie alle Devotionalienläden rund um den Kapellplatz und entlang des Kapuzinerbergs.
Ihren Ursprung haben die schwarzen Kerzen, deren Farbe ursprünglich vom Verrußen des gesammelten Tropfwachses der am Lichtmesstag geweihten Votivkerzen, ‑figuren und ‑bilder aus der Gnadenkapelle herrührte, wohl nicht in Altötting. Volkskundliche Quellen datieren die ersten schriftlichen Nachweise in Kirchenrechnungen aus den Jahren 1497 und 1512 in Ingolstadt, wo sie bei einem Wachszieher „zu den schauerkertzen“ erworben wurden. 1565 werden in einer Prozession zu Ehren der himmlischen Wetterherren Johannes und Paulus an ihrem Gedenktag, dem 26. Juni, fünf Wetterkerzen von Landshut nach Geisenhausen mitgetragen. Ebenfalls aus Landshut wird berichtet, dass um 1700 versucht wurde, Wetterkerzen auf den Markt zu bringen, die nicht aus den Wachsresten geweihter Votivkerzen stammten.
Nachfrage und Angebot ließen sich wohl nicht mehr in Einklang bringen, denn auch über die Marktlage in Altötting heißt es: „Allda / Bey der uhralt Hochhey. unser Lieben Frauen Capelln, sindt die recht geweichte: und beriehrte wetter und sterb khörzen zu bekom(m)en. Bey dennen andern wax- und petten Cräm(m)ern, seindts nit geweicht und nit gerecht.“ Nur die im Laden bei der Kapelle erstandenen schwarzen Wetterkerzen – doppelt geweiht, denn aus geweihtem Tropfwachs gegossen und zudem am Gnadenbild berührt – garantierten den Verzehr aller dunklen Mächte und durften bei drohendem Sturm oder Gewitter entzündet werden. Schon Ende des 18. Jahrhunderts soll die Herstellung der einzig wahren schwarzen Altöttinger Wetterkerze nur mehr mit tatkräftiger Wachszulieferung eines Neuöttinger Lebzelters möglich gewesen sein, sagt man. Zu groß war die Nachfrage, die noch bis ins frühe 19. Jahrhundert in die Hunderttausende pro Wallfahrtsjahr ging.
Heute gehört die schwarze Wetterkerze immer noch zu den meistverkauften Devotionalien Altöttings. Ob sie tatsächlich nur mehr im traditionellen Sinne Anwendung findet, gemäß der Regel „zu Maria Lichtmess geweiht, bei Gewittern bereit, schützt Häuser und Leut’“, ist fraglich, denn die Verkaufszahlen sollen, heißt es in Fachkreisen, gerade in der Zeit vor Halloween stark anziehen.
Text und Fotos: Maximiliane Heigl-Saalfrank


