Glaube und Tradition

„Zu Maria Lichtmess geweiht, bei Gewittern bereit …“

Redaktion am 25.08.2025

Wetterkerzen. Info Icon Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
„Schwarze Oidedinger Wedakirzn“. Angebote in Altöttinger Devotionalienläden.

Immer noch beliebt: Spannendes über den alten Brauch der Wetterkerzen

Der ​„Hei­li­ge Berg der Nie­der­bay­ern“ ist der Ort Alt­bay­erns, der als ers­ter auf die Erfin­dung des ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­sal­ge­lehr­ten Ben­ja­min Frank­lin setz­te: 1771 mon­tier­te man auf den Turm der Wall­fahrts­kir­che ​„Mariä Him­mel­fahrt“ einen Blitz­ab­lei­ter. Jah­re spä­ter war es dann erst in der Resi­denz­stadt Mün­chen soweit – die Kapu­zi­ner stat­te­ten ihre Klos­ter­kir­che an der ehe­ma­li­gen Bas­tei eben­falls mit dem neu­en Blitz­schutz aus.

Mit der Auf­klä­rung brach eine neue Zeit her­an, in der das Bewei­sen mehr galt als das Glau­ben, ins­be­son­de­re was den Umgang mit dem Wet­ter, mit dem ​„Weda“ wie der Bay­er zu Gewit­tern sagt, anlang­te. 1783 ver­bot Kur­fürst Carl Theo­dor das Wet­t­er­läu­ten und das Wet­ter­b­öl­lern. Auf immer vor­bei soll­te es sein mit der Macht der Glo­cken, deren Umschrift oft mit dem ​„Ful­ga­ra Fran­go“, mit dem ​„Die Blit­ze bre­che ich“ ende­te. Für Pfarr­her­ren und Mes­ner ver­sieg­ten damit auch die Läut­ga­ben, eine unwet­ter­ab­hän­gi­ge Ein­kom­mens­quel­le aus Natu­ra­li­en. Berich­tet wird aus Süd­ost­bay­ern, dass Bau­ern dem Pfar­rer ​„eine Gar­be von jedem Fuder“ abzu­lie­fern hat­ten, die Mes­ner erhiel­ten für ihre Diens­te soge­nann­te ​„Wet­ter­ei­er“. Gehal­ten hat sich an das staat­li­che Läut­ver­bot so gut wie kei­ner, zu sehr war der Glau­be an die Wirk­mäch­tig­keit der Glo­cken seit früh­christ­li­cher Zeit in Land und Leu­ten ver­an­kert. Mit dem Amts­an­tritt Max Josephs 1799 ver­schärf­ten sich die Kir­chen­re­for­men: Wall­fahr­ten, Umgän­ge und Andach­ten aller Art wur­den unter­sagt, Feld- und Wet­ter­kreu­ze sowie Votiv­ta­feln als nutz­lo­se Objek­te ent­fernt und spe­zi­el­le Kul­te wegen ihrer sinn­frei­en Thea­tra­lik verboten.

Seit Men­schen­ge­den­ken hat­ten Men­schen ver­sucht, Blitz und Don­ner mit magi­co-reli­giö­sen Bräu­chen zu beherr­schen oder zum eige­nen Vor­teil zu steu­ern. Ob man nun ein Wet­ter­amu­lett um den Hals trug, bevor­zugt in Form des Sche­ye­rer Dop­pel­kreu­zes oder ein klei­nes Agnus-Dei Amu­lett aus dem wei­ßen Wachs der Oster­ker­ze und in Weih­was­ser getaucht; gelb blü­hen­de Wet­ter­blu­men wie den ​„Him­mel­prant“, Arni­ka, Stein­brech, Eber­wurz oder das Johan­nis­kraut um das Haus pflanz­te; die dick­flei­schi­ge Haus­wurz, das soge­nann­te Blitz­kraut“ auf Dach und Mau­er­kro­ne setz­te; Hasel­nuss­laub unter die Fens­ter­rah­men leg­te oder den ​„Wet­ter­bo­schen“ aus fri­schen Fich­ten- und Tan­nen­trie­ben an den Haus­gie­bel nagel­te – nichts blieb unver­sucht. Blaue Glo­cken­blüm­chen durf­ten nicht gepflückt wer­den, denn dann folg­te das Gewit­ter auf dem Fuß. Selbst der Haus­rot­schwanz, der ​„Rot­brandl“, galt als Gewit­ter­bo­te – bei Haus und Hof wur­de er nicht gern gese­hen. Wer auf den Blitz mit dem Fin­ger zeig­te, um den war es geschehen.

Wetterkerzen. Info Icon Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
„Schwarze Oidedinger Wedakirzn“. Angebote in Altöttinger Devotionalienläden.

Doch das mäch­tigs­te und wir­kungs­volls­te Instru­ment gegen Hagel, Blitz und allem sons­ti­gen Unbill ver­lor, allen staat­li­chen und kirch­li­chen Ver­bo­ten zum Trotz, nie an Beliebt­heit: Die ​„schwar­ze Oide­din­ger Weda­kirzn“, sie ist bis zum heu­ti­gen Tag das tra­di­tio­nel­le Mit­bring­sel der Wall­fah­rer, die ihr Weg ins Herz Bay­erns führt. Sie ist, wie man es heu­te for­mu­lie­ren wür­de, das ​„Must have“ aus der Wall­fahrts­stadt und soll­te bes­ten­falls auch dort geweiht wer­den. Es gibt die Wetter‑, Don­ner- oder Schau­er­ker­zen in zahl­rei­chen Grö­ßen, mit und ohne Ver­zie­rung, mit und ohne Wet­ter­se­gens­spruch, in Zel­lo­phan ein­ge­wi­ckelt oder lose, ein­zeln oder im Gebin­de. Tat­säch­lich füh­ren sie alle Devo­tio­na­li­en­lä­den rund um den Kapell­platz und ent­lang des Kapuzinerbergs.

Ihren Ursprung haben die schwar­zen Ker­zen, deren Far­be ursprüng­lich vom Ver­ru­ßen des gesam­mel­ten Tropf­wach­ses der am Licht­mess­tag geweih­ten Votiv­ker­zen, ‑figu­ren und ‑bil­der aus der Gna­den­ka­pel­le her­rühr­te, wohl nicht in Alt­öt­ting. Volks­kund­li­che Quel­len datie­ren die ers­ten schrift­li­chen Nach­wei­se in Kir­chen­rech­nun­gen aus den Jah­ren 1497 und 1512 in Ingol­stadt, wo sie bei einem Wachs­zie­her ​„zu den schau­er­kertzen“ erwor­ben wur­den. 1565 wer­den in einer Pro­zes­si­on zu Ehren der himm­li­schen Wet­ter­her­ren Johan­nes und Pau­lus an ihrem Gedenk­tag, dem 26. Juni, fünf Wet­ter­ker­zen von Lands­hut nach Gei­sen­hau­sen mit­ge­tra­gen. Eben­falls aus Lands­hut wird berich­tet, dass um 1700 ver­sucht wur­de, Wet­ter­ker­zen auf den Markt zu brin­gen, die nicht aus den Wachs­res­ten geweih­ter Votiv­ker­zen stammten.

Nach­fra­ge und Ange­bot lie­ßen sich wohl nicht mehr in Ein­klang brin­gen, denn auch über die Markt­la­ge in Alt­öt­ting heißt es: ​„All­da / Bey der uhr­alt Hoch­hey. unser Lie­ben Frau­en Capelln, sindt die recht geweich­te: und berieh­r­te wet­ter und sterb khör­zen zu bekom(m)en. Bey den­nen andern wax- und pet­ten Cräm(m)ern, seindts nit geweicht und nit gerecht.“ Nur die im Laden bei der Kapel­le erstan­de­nen schwar­zen Wet­ter­ker­zen – dop­pelt geweiht, denn aus geweih­tem Tropf­wachs gegos­sen und zudem am Gna­den­bild berührt – garan­tier­ten den Ver­zehr aller dunk­len Mäch­te und durf­ten bei dro­hen­dem Sturm oder Gewit­ter ent­zün­det wer­den. Schon Ende des 18. Jahr­hun­derts soll die Her­stel­lung der ein­zig wah­ren schwar­zen Alt­öt­tin­ger Wet­ter­ker­ze nur mehr mit tat­kräf­ti­ger Wachs­zu­lie­fe­rung eines Neuöt­tin­ger Leb­zel­ters mög­lich gewe­sen sein, sagt man. Zu groß war die Nach­fra­ge, die noch bis ins frü­he 19. Jahr­hun­dert in die Hun­dert­tau­sen­de pro Wall­fahrts­jahr ging.

Heu­te gehört die schwar­ze Wet­ter­ker­ze immer noch zu den meist­ver­kauf­ten Devo­tio­na­li­en Alt­öt­tings. Ob sie tat­säch­lich nur mehr im tra­di­tio­nel­len Sin­ne Anwen­dung fin­det, gemäß der Regel ​„zu Maria Licht­mess geweiht, bei Gewit­tern bereit, schützt Häu­ser und Leut’“, ist frag­lich, denn die Ver­kaufs­zah­len sol­len, heißt es in Fach­krei­sen, gera­de in der Zeit vor Hal­lo­ween stark anziehen.

Text und Fotos: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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