Den Uraufführungsort gibt es nicht mehr, aber er wird noch immer auf Wunsch an jedem Werktag gezeigt: der historische Altöttinger Marienfilm von 1950. Er verewigt nicht nur Kulturgeschichte, er ist auch selbst ein echter „Heimatschatz Bayerns“ – denn als solcher ist er 2018 in München nach einem Wettbewerb für nichtstaatliche Museen ausgezeichnet worden. In seinem Entstehungsort selbst wurde das Werk nun im Rahmen eines Festakts zum 75-jährigen Jubiläum am 12. November in seiner aktuellen Spielstätte, dem modernen Filmsaal des Altöttinger Marienwerks, vor zahlreichen Besuchern gebührend gefeiert.
Mit dabei als Ehrengast: Der Sohn des Regisseurs, Adrian Kutter (82), der den Abend durch allerlei Anekdoten zur Arbeit seines Vaters Anton humorvoll bereicherte. Dabei spielte er sich die Bälle mit Jörg Zellner zu, seinerseits Sohn eines berühmten Vaters, nämlich des Schöpfers der Dioramenschau im Marienwerk, Reinhold Zellner.
Entstanden ist der rund 45 Minuten lange Schwarz-weiß-Film über das erste Marienwunder von 1489 und die Entstehung der Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau auf Initiative des damaligen Stiftskapellmeisters Msgr. Ludwig Uttlinger. Diesem war es durch Hartnäckigkeit gelungen, den zunächst unwilligen und viel gefragten Pionier deutschsprachiger Filmproduktionen Anton Kutter für das Projekt zu gewinnen – unter Mitwirkung der Muttergottes selbst. Doch dazu mehr auf Seite zwei dieser Ausgabe.
Die Umstände waren nur fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gerade ideal: das Geld war ebenso knapp wie entsprechende Fachleute. Uttlinger und Kutter bildeten ein kongeniales Duo, das renommierte Schauspieler sowie einen hervorragenden Kameramann und Produktionsleiter ebenso gewinnen konnte wie die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung, aus deren Reihen sich die vielen Komparsen rekrutierten. Die Finanzierung sicherte Uttlinger durch die Gründung der Altöttinger Musikgemeinde (heute das Marienwerk) und die Beiträge seiner Mitglieder. So konnte an nur wenigen Drehtagen vom 6. bis 12. März 1949 ein Film entstehen, der durch die Leistung der Schauspieler, insbesondere aber durch das exzellente Drehbuch Anton Kutters und die Filmmusik Ludwig Uttlingers ein Meisterwerk wurde, das die Premierengäste am 18. Mai 1950 tief berührte (siehe Kasten) – und nicht nur diese.
75 Jahre historischer Marienfilm. Auf dem ersten Bild: Adrian Kutter (l.) und Jörg Zellner. Zweites Bild: Msgr. Josef Fischer, Vorsitzender des Altöttinger Marienwerks.
Der Film „Unsere Liebe Frau“, so der offizielle Titel – Regisseur Kutter nannte das Gnadenbild stets nur ehrfurchtsvoll „meine Dame“ – wurde zum Welterfolg. Bis zu fünf Mal am Tag vorgeführt, sahen ihn allein in Altötting in den ersten Jahren bis zu 50.000 Besucher, in zirka 16.000 Aufführungen von 1950 bis 1977 waren es über eine Million, unzählige weitere kamen in Kinos und Pfarrsälen ganz Deutschlands hinzu. International fand der Marienfilm seinen Weg bis nach Rom in den Vatikan und in die USA. Adrian Kutter schätzt, dass das Werk seines Vaters von insgesamt 50 Millionen Menschen gesehen worden sein könnte. In jedem Fall war es der erfolgreichste religiöse Film Deutschlands. Und diese Erfolgsgeschichte ist noch nicht zu Ende.
Wolfgang
Terhörst
Redaktionsleiter
„ ... das mich erschütterte“ – Regisseur Anton Kutter zur Uraufführung in Altötting
„Was ich, Anton Kutter, in der Dämmerung dieses drittrangigen Kinos alles mit seiner viertrangigen Bild- und Tonvorführung sehen konnte, rechtfertigte aber die Erwartung dieses eigensinnigen, dickköpfigen, halsstarrigen und unverschämt optimistischen Kapellmeisters und Spielmanns Unserer Lieben Frau in einem Ausmaß, das mich erschütterte. Ich sah, wie einfache Menschen im Kinosaal das Kreuz schlugen, wie sie die Hände falteten und mitbeteten und wie sie weinten. Und ich war Augenzeuge wie ein Bischof, Seine Exzellenz, der gefürchtete Vorgesetzte, eine imponierend hohe Gestalt, vor der ich mir einmal wie ein Zwerg vorgekommen war, sein Taschentuch zog und sich damit über die Augen fuhr. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, ob es nach einer Dreiviertelstunde einen Applaus gab. Aber ich glaube es nicht.
Ich erinnere mich nur daran, dass der Bischof von seinem Sessel aufgestanden war, dass sich alles ‚Volk‘ ebenfalls erhoben und zu ihm sich gewendet hatte, und dass dieser Bischof mit seltsam weicher und sanfter Stimme sprach und dabei Tränen in den Augen hatte. Was er sagte, habe ich vergessen, weil es für mich wahrscheinlich gar nicht wichtig war. Denn nun wusste ich, dass unsere Arbeit nicht vergeblich gewesen war.“



