„Werden die sieben Schläfer nass ...“

Redaktion am 19.06.2023

Die Siebenschläferkirche in Rotthof (Ruhsdorf an der Rott), Hochaltar von Johann Baptist Modler, der die Siebenschläfer in ihrer Grotte liegend zeigt.

Eine Annäherung an den 27. Juni, einen legendären und legendenreichen Tag

Es waren derer ein­fach immer zu viel, und das bereits zur Zeit des Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krie­ges. Die Rede ist von min­des­tens zehn arbeits­frei­en Tagen im Juni. Als Ern­te­mo­nat gilt er als der arbeits­reichs­te in Alt­bay­ern. Anlass genug, aus wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen her­aus den einen oder ande­ren Fei­er­tag schon im 18. Jahr­hun­dert in Fra­ge zu stel­len oder gar abzu­schaf­fen. Was trotz abso­lu­tis­ti­scher Staats­po­li­tik und den Ideen der Auf­klä­rung im Juni blieb, ist eine Viel­zahl von soge­nann­ten Los­ta­gen – Tage, die nach dem Volks­glau­ben einen Hin­weis für die wei­te­re Wet­ter­ent­wick­lung geben. Der bekann­tes­te von ihnen fällt auf den 27. Juni, er trägt noch dazu einen unge­wöhn­li­chen Namen: Siebenschläfer.

Kaum ein Tag im Land zwi­schen Donau, Inn und Salz­ach kennt eine sol­che Viel­zahl an Wet­ter­sprü­chen und Bau­ern­re­geln. Und ein jeder kann sie alle oder eine davon her­sa­gen, wie etwa Wenn die Sie­ben­schlä­fer Regen kochen, so regnet’s vier gan­ze Wochen“, Reg­net es am Sie­ben­schlä­fer­tag, der Regen sie­ben Wochen nicht wei­chen mag“, Wer­den die sie­ben Schlä­fer nass, regnet‘s noch lan­ge Fass um Fass“ oder Ist der Sie­ben­schlä­fer nass, regnet‘s ohne Unterlass“.

Der Volks­glau­be meint, für den 27. Juni und die Wochen danach, siche­re Schlecht­wet­ter­pro­gno­sen erstel­len zu kön­nen. Sicher ist, dass an kei­nem Hoch­som­mer­tag der Wet­ter­be­richt so auf­merk­sam ver­folgt wird wie am Sie­ben­schlä­fer­tag. Was hat es mit die­sem Tag auf sich? Ist es Folk­lo­re? Ist es Volks­fröm­mig­keit? Oder ein wirk­li­ches meteo­ro­lo­gi­sches Phänomen?

Man glaubt heu­te zu wis­sen, dass die Bau­ern­re­geln rund um den Sie­ben­schlä­fer­tag aus der Land­schaft stam­men, die die Römer mit Pan­no­ni­en bezeich­ne­ten, also das heu­ti­ge March-feld, das Bur­gen­land, Tei­le des Wie­ner Wal­des und des Wie­ner Beckens, die Süd­slo­wa­kei und die unga­ri­sche Tief­ebe­ne. Dort gibt es Ende Juni/​Anfang Juli sta­bi­le Wet­ter­la­gen, die eini­ge Wochen unver­än­dert andau­ern; die Wahr­schein­lich­keit dafür liegt, wie die Meteo­ro­lo­gie heu­te weiß, bei fast 80%. Es han­delt sich dabei um ein hoch­som­mer­li­ches Wet­ter­phä­no­men, das nur dort so jedes Jahr erleb­bar ist. Über­lie­fert ist, dass es Wan­der­mön­che waren, die die Sie­ben­schlä­fer­re­geln im frü­hen Mit­tel­al­ter ver­brei­te­ten. Sie schil­der­ten eine durch­aus als früh­wis­sen­schaft­lich zu wer­ten­de Beob­ach­tung eines Natur­phä­no­mens, das sie in Süd­ost­eu­ro­pa erlebt hat­ten. Die­se Erzäh­lun­gen ver­wo­ben sich mit Mythen, Hei­li­gen­le­gen­den und Aspek­ten der Zah­len­ma­gie. Auf ihrer Wan­der­schaft mach­ten die Ordens­män­ner die Wet­ter­re­geln im heu­ti­gen Bay­ern bekannt, die Wet­ter­be­ob­ach­tun­gen der Bevöl­ke­rung dort waren zufäl­lig ähn­lich. Die Meteo­ro­lo­gen gehen heu­te davon aus, dass die Sie­ben­schlä­fer­re­geln mit einer Wahr­schein­lich­keit von 70% im Frei­staat zutreffen.

Ursäch­lich für die sta­bi­le Wet­ter­la­ge im Hoch­som­mer ist der Jet­stream. Viel­flie­ger ken­nen ihn, wenn die Flug­zeu­ge in ein Luft­loch fal­len, bevor sie stark ruckelnd auf ihn auf­set­zen, um bei den Atlan­tik­über­que­run­gen Sprit spa­ren zu kön­nen. Der Jet­stream ist ein beweg­li­cher Stark­wind, der in einer Höhe von 700010.000 Meter in der Atmo­sphä­re wie ein Band die Nord­halb­ku­gel Euro­pas umschließt. Er ver­än­dert sich im Juli und August nur wenig. Ver­läuft er also im Zeit­raum von Ende Juni bis Anfang Juli süd­lich des Ost­at­lan­tiks und Euro­pas, führt das zu einer lang andau­ern­den Zufuhr feuch­ter Luft­mas­sen. Der Som­mer bleibt wochen­lang kühl und reg­ne­risch. Liegt der Jet­stream dage­gen rela­tiv weit nörd­lich, brei­tet sich häu­fig ein Keil des Azo­ren­hochs bis nach Mit­tel­eu­ro­pa aus. Der Som­mer wird son­nig und warm, für meh­re­re Wochen.

Die Siebenschläferkirche in Rotthof (Ruhsdorf an der Rott): in der Kirchenmauer an der Südseite der Kirche verbaute römische Grabsteine, die zum Patrozinium der „Siebenschlaefer“ führten.

Der eigent­li­che Sie­ben­schlä­fer­tag war, nach dem Julia­ni­schen Kalen­der, der 7. oder 8. Juli, lag also genau in dem von den Meteo­ro­lo­gen beschrie­be­nen Zeit­raum. Durch die Gre­go­ria­ni­sche Kalen­der­re­form im Jahr 1582 ver­scho­ben sich alle Tage um cir­ca elf Tage, der 27. Juni wur­de so zum Tag der sie­ben Schlä­fer – die seit dem Mit­tel­al­ter bekann­ten Wet­ter­re­geln wur­den ein­fach über­nom­men. Das glei­che galt für mythi­sche For­meln, die sich eben­falls auf den Sie­ben­schlä­fer­tag bezie­hen. So soll­te man alle Namen der Sie­ben­schlä­fer auf einen Zet­tel schrei­ben und unters Kopf­kis­sen legen, um der Schlaf­lo­sig­keit abzu­hel­fen. Auf das Pflan­zen soll­te an die­sem Tag bes­ser ver­zich­tet wer­den, denn die Wuchs­pe­ri­ode blieb eben­falls sie­ben Wochen aus. Man glaub­te auch zu wis­sen, dass der­je­ni­ge, der am Sie­ben­schlä­fer­tag bis sie­ben Uhr mor­gens schlief, das gan­ze Jahr ver­schla­fen wür­de und dass an Sie­ben­schlä­fer gebo­re­ne Kin­der nicht alt würden.

Doch wer waren die­se Sie­ben­schlä­fer? Die ers­te schrift­li­che Über­lie­fe­rung der Legen­de stammt aus dem 5. Jahr­hun­dert von Bischof Jakob von Serugh, der im heu­ti­gen Süd­ost­ana­to­li­en behei­ma­tet war. Gre­gor von Tours über­setz­te die Geschich­te nur wenig spä­ter ins Latei­ni­sche und mach­te sie so in Euro­pa popu­lär. Es wird berich­tet, dass der römi­sche Kai­ser Deci­us (249251) im letz­ten Jahr sei­ner Regent­schaft Chris­ten, dar­un­ter sie­ben Brü­der, in Ephe­sus ver­fol­gen ließ. Um sich in Sicher­heit zu brin­gen, lie­ßen sich die jun­gen Män­ner in eine Höh­le ein­mau­ern. Dort fie­len sie in einen tie­fen Schlaf, der 195 Jah­re dau­ern soll­te. Am 27. Juni 446, mitt­ler­wei­le regier­te der christ­li­che Kai­ser Theo­dosi­us, wur­den die Schla­fen­den befreit. Ein Mann woll­te die Höh­le als Schaf­stall nut­zen, ent­fern­te das Mau­er­werk und fand die erwa­chen­den Brü­der vor. Einer von ihnen will Brot kau­fen, er fin­det sich in sei­ner Stadt nicht mehr zurecht. Als er zah­len woll­te, fiel dem Bäcker auf, dass auf der Mün­ze Deci­us abge­bil­det war. Man rief den Bischof, der die Brü­der besuch­te, sich ihre Geschich­te anhör­te und dann ihr Ster­ben beobachtete.

1926 wur­de im tür­ki­schen Sel­çuk bei Gra­bun­gen eine Bestat­tungs­an­la­ge der Sie­ben­schlä­fer ent­deckt, die heu­te Mus­li­me ger­ne besu­chen – der Islam wür­digt in der 18. Korans­ure die Sie­ben­schlä­fer auf ganz beson­de­re Wei­se. Theo­lo­gisch ord­net das west­li­che Chris­ten­tum die Sie­ben­schlä­fer­le­gen­de heu­te als eine Art Pro­pa­gan­da­stück ein, woll­te sich Ephe­sus im 5. Jahr­hun­dert in Kon­kur­renz zu Jeru­sa­lem kir­chen­po­li­tisch eben­falls als Ort der Auf­er­ste­hung eta­blie­ren. Ein Zusam­men­hang mit der Syn­ode von Ephe­sus im Jahr 449 ist nicht von der Hand zu weisen.

Kreuz­rit­ter und Jeru­sal­em­pil­ger brach­ten die Geschich­te der Sie­ben Schlä­fer nach Mit­tel­eu­ro­pa. Sie wur­de schnell sehr popu­lär, die Begeis­te­rung für ein Ende gut, alles gut“ ist wohl so alt wie die Mensch­heit. Im Zuge der Tür­ken­krie­ge erleb­te der Sie­ben­schlä­fer­kult eine neue Blü­te, ins­be­son­de­re im Bis­tum Pas­sau. Dort wer­den bis weit ins 18. Jahr­hun­dert Wall­fahr­ten zu den Hei­li­gen Sie­ben­schlä­fern abge­hal­ten, nach Eichen­dorf, Pil­den­au und nach Rott­hof bei Ruhstorf an der Rott. Das baro­cke Klein­od im Land­kreis Pas­sau ist eine von welt­weit nur drei Kir­chen, die den Sie­ben­schlä­fern geweiht ist. Dem Patro­zi­ni­um liegt ein his­to­ri­scher Irr­tum zugrun­de. Als 1506 der Kir­chen­bau begon­nen wur­de, fand man dort römi­sche Grab­stei­ne mit Abbil­dun­gen von jeweils drei bzw. vier Per­so­nen. Man schluss­fol­ger­te, dass es sich dabei um Maxi­mi­an, Malch­us, Mar­ti­ni­an, Dio­ny­si­us, Johan­nes, Sera­pi­on und Con­stan­tin – wie die sie­ben Brü­der gemäß der west­li­chen Hei­li­gen­le­gen­de hei­ßen – han­deln müs­se. Die anti­ken Epi­ta­phe sind an der Außen­mau­er der Kir­che zu sehen. 1757/58 fer­tig­te Johann Bap­tist Mod­ler den Hoch­al­tar, der die Sie­ben­schlä­fer in ihrer Grot­te lie­gend zeigt, ein ein­zig­ar­ti­ges Altar­bild. Der 27. Juni wäre Anlass genug, den Patro­nen gegen Schlaf­lo­sig­keit und Fie­ber einen Besuch abzu­stat­ten, egal bei wel­chem Wetter.

Text: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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