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Schenken, so heißt es, macht Freude. Kein Wunder also, dass es auch beim größten Familienfest des Jahres im Mittelpunkt steht. Warum aber bescheren wir uns ausgerechnet am Heiligen Abend?
Weihnachten“, weiß der Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs, der dem Heiligabend ein ganzes Buch gewidmet hat, „ist das „Geschenkfest“ schlechthin.“ Allerdings noch gar nicht so lange, wie ein Blick in seine Geschichte zeigt. Schon in der Antike überreichten sich Erwachsene zum Jahresanfang gern kleine Geschenke oder luden zum gemeinsamen Essen und Trinken. Zu römischen Zeiten war es zudem üblich, Bediensteten zum Jahreswechsel besonders zu danken. Eine Sitte, die sich bis heute erhalten hat, wenn man Müllabfuhr, Briefträger, Hausmeister oder anderen Dienstleistern mit kleinen Geschenken für ihre Arbeit dankt.
Weihnachten selbst war bis weit ins zweite Jahrtausend kein offizieller Geschenktermin. Der war im nördlichen Teil Europas am 6. Dezember, zum Fest des Heiligen Nikolaus. Oder wie heute noch in vielen mediterranen Ländern der Dreikönigstag, der 6. Januar. Theologische Gründe hatte das, waren es doch die später als „Heilige Drei Könige“ bezeichneten Magier, die mit Gold, Weihrauch und Myrrhe dem Jesuskind drei symbolische Gaben überreichten: Gold für die Königsherrschaft Jesu, Weihrauch für seine Heiligkeit und Göttlichkeit – und Myrrhe für sein späteres Leiden.
Die Bescherung am Nikolaustag wurzelte in Legenden um seine Person, nach der er drei junge Frauen vor der Prostitution bewahrte, indem er ihrem verarmten Vater Goldklumpen zukommen ließ, so dass der seine Töchter nicht verkaufen musste. Es war eine Geschichte, die vielerorts Anlass wurde, am Vorabend seines Gedenktages kleine Gaben in die Schuhe der Kinder zu stecken. Noch populärer war die Schülerlegende. Sie erzählte, wie der Heilige Nikolaus drei ermordete Schüler aus einem Salzfass wieder zum Leben erweckte. Sie ließ im Mittelalter an den Klosterschulen Umzüge zwischen Weihnachten und Neujahr entstehen, die ein sogenannter Schülerbischof anführte, der jährlich neu bestimmt und entsprechend ausgestattet wurde. Der Mummenschanz diente den jungen Leuten zum Einsammeln von Geschenken, artete aber oft schnell aus, so dass ihn die Kirche immer wieder verbot.
Bis weit ins Mittelalter aber blieb der Jahreswechsel Anlass zum Schenken, das oft nur ein gemeinsames Trinken war. Das jedenfalls legt das althochdeutsche Verb „skenken“ nahe, das auf das schräge Halten eines Gefäßes beim Einschenken verwies. Im zweiten Jahrtausend aber erlangte das Wort neue Bedeutung, wurde aus der ursprünglichen Bewirtung das heutige Schenken. Wer nichts verschenke, hieß es damals zudem gern, werde unglücklich. Ein Aberglaube, der die Verteilung von Gaben beförderte.
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Mit der Reformation trat an die Stelle des Gabenbringers Nikolaus der Heilige Christ, eine gewöhnlich weibliche, weiß gekleidete Lichtgestalt. Noch 1535 bescherte im Haus Martin Luthers der Nikolaus, wenig später aber schon der Heilige Christ, an den noch heute die alte Bezeichnung „Christbeschertag“ für den Heiligen Abend erinnert. Folglich war der neue Gabenbringer nicht mehr am Nikolaustag, sondern an Weihnachten unterwegs – oft zusammen mit weiteren Umzugsgestalten wie Maria und Joseph samt Jesuskind und anderen Figuren.
Um den Übergang der Bescherung vom Nikolaustag auf Weihnachten zu festigen, organisierten protestantische Geistliche anfangs Feiern in der Kirche, bei denen Eltern die Geschenke für ihre Kinder mitzubringen hatten. „Die kleinen Söhne und Töchter der Christen erwarten gewöhnlich mit großer Sehnsucht, meist im Abendgottesdienst am Jesusgeburtsfest, die Geschenke des Christ, von dem man hier glaubt, er komme mit einem schwer bepackten Wagen durch Dächer und Fenster hinein dem Donner gleich“, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1584. Zusammen mit Engeln war er meist von Haus zu Haus gezogen. „Wenn er dort findet, dass die Kinder artig sind und die christlichen Gebete können, so teilt er ihnen verschiedentliche Geschenke aus.“
Mit der Verschiebung des Geschenktermins auf Weihnachten entstand so im Lauf der Jahre die heutige Bescherung, die in den Mittelpunkt des neuen Familienfestes Weihnachten rückte. Allerdings war sie anfangs nicht wie heute die Häufung von Geschenken vor festlich beleuchtetem Weihnachtsbaum, sondern ein von grünen Zweigen gekröntes Gaben-Bündel, das man damals „Christbürde“ nannte. „Für das 16. Jahrhundert gibt es Belege, dass grüne Bäume oder Zweige mit Nüssen und Süßigkeiten geschmückt wurden, die die Kinder plündern durften“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Bettina Keß, Leiterin des Referats für Kultur und Museen beim Bezirk Oberbayern, die selbst zur Geschichte des Schenkens geforscht hat. „Das waren womöglich die ersten Geschenke, die tatsächlich mit dem Weihnachtsfest verbunden waren.“
Der Sitte, sich an Weihnachten zu bescheren, verdankten auch die ersten mittelalterlichen Märkte ihre Entstehung. Mode aber wurden Weihnachts- oder Christkindleinsmärkte wie in Nürnberg erst im 17. Jahrhundert. „Da ist nahezu der ganze Platz voll Holzbuden, die für Zeit aufgebaut sind und in denen aller Art Waren. .. nur zum Gebrauch und Vergnügen der Kinder, ja sogar der Erwachsenen … zu verkaufen steht“, hielten einst Augenzeugen in ihren Erinnerungen fest. Die auch vermeldeten, dass die kleinen Kinder Nürnbergs überzeugt seien, dass das Christkind hier die Sachen kaufe, „die es nachher in der Nacht zum Weihnachtstage unter sie austeilen wolle.“
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Im Februar 1737 habilitierte sich der Wittenberger Privatdozent Karl Gottfried Kißling mit einer in Latein verfassten Arbeit, der er den deutschen Untertitel „Von heil. Christ-Geschencken“ gab. Es war ein stark empirisch geprägtes Werk, das zeigte, wie im frühen 18. Jahrhundert in Kißlings Heimatstadt Zittau beschert wurde. Zwar gab es dort noch immer am Heiligabend umherziehende Maskengruppen, welche das eine oder andere Geschenk ins Haus brachten oder abholten, mehr und mehr aber wurden die Geschenke für die Kinder jetzt von den Eltern auf großen Tischen ausgelegt.
Auch in der Mainstadt Frankfurt waren bis Ende des Jahrhunderts noch „verkleydete Engel und Teuffel“ am Christabend unterwegs, die in den Häusern danach fragten, ob die Kinder fleißig und fromm seien. Wenn die Jüngsten dies bejahten und betend niederknieten, legten Vater oder Mutter ihnen ihre Geschenke auf den Stubentisch, versehen mit dem Hinweis, dass Gott sie ihnen aus dem Himmel geschickt habe.
Im 19. Jahrhundert aber verschwanden die weihnachtlichen Umzüge relativ schnell, verlagerte sich die Bescherung ganz in die Familien. Schuld daran hatte der Weihnachts- bzw. Christbaum, der anfangs nur in der wohlhabenden Oberschicht aufgestellt wurde. Spätestens Ende des Jahrhunderts aber konnten sich den Lichterbaum auch viele andere Familien leisten. „Das Entzünden der Kerzen des Weihnachtsbaumes hinter verschlossener Tür im Kreis der Kleinfamilie“, beschrieb die Marburger Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann einmal diesen Prozess, „entsprach dem Bedürfnis nach Intimität und Abschließung nach außen, das kennzeichnend war für das bürgerliche Familienleben des 19. Jahrhunderts“.
Als neuer Gabenbringer gesellte sich zum Christkind schließlich der Weihnachtsmann. „Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben“, hatte der Texter der Deutschen Nationalhymne, Hoffmann von Fallersleben 1835 in einem populären Kinderlied gereimt, „doch du weißt ja unsern Wunsch, kennst ja unsre Herzen. Kinder, Vater und Mama, auch sogar der Großpapa, alle, alle sind wir da, warten dein mit Schmerzen.“ Meist ausgestattet mit weißem Rauschebart, rotem Gewand und einem Geschenksack hatte der Weihnachtsmann genauer betrachtet die Rolle des Nikolaus übernommen. Allerdings war er nicht mehr die bischöfliche Gestalt des Mittelalters, sondern eine im Lauf der Jahrzehnte mehr und mehr amerikanisch geprägte Figur, die dem Santa Claus gleichkam, dem Gabenbringer in den Vereinigten Staaten.
Um das Jahr 1930, ergab eine wissenschaftliche Umfrage damals, teilten sich in Deutschland Christkind und Weihnachtsmann die Rolle als Gabenbringer. Sie waren aber keine im Trupp auftretenden Umzugsfiguren mehr wie ihre Ahnen, sondern Einzelgestalten aus dem familiären Umfeld mit pädagogischem Auftrag – zuletzt mehr und mehr auch entlohnte Brauchgestalter, welche die Arbeitsämter bis heute vermitteln. Publikumsfavorit ist der Weihnachtsmann, an den nach einer repräsentativen Umfrage aus dem Vorjahr noch jeder vierte Deutsche glaubt. Etwas weniger Freunde hat das Christkind, dessen Fürsprecher vor allem im Süden Deutschlands zuhause sind.
Immer mehr Bürger aber können mit diesen Gabenbringern gar nichts mehr anfangen. Zunehmend auch engagierte Christen, die sehen, wie die Weihnachtsabende zum Austausch von Gutscheinen oder gar Bargeldzahlungen verkommen. Es ist eine Entwicklung, fürchten sie, die das Fest mehr und mehr in den Alltag einreiht und den eigentlichen Grund des weihnachtlichen Schenkens verdrängt: Die Freude über die Geburt des Erlösers.
Text: Günter Schenk



