Glaube und Tradition

Morgen kommt das Christkind − oder der ...

Redaktion am 15.12.2025

Weihnachtsgeschenke. Info Icon Foto: Pexels
Brauch mit Geschichte: Wir Menschen beschenken einander gerne zu verschiedenen Anlässen − der Höhepunkt war dabei längst nicht immer Heiligabend (an dem es oft genug überhand nimmt).

Schenken, so heißt es, macht Freude. Kein Wunder also, dass es auch beim größten Familienfest des Jahres im Mittelpunkt steht. Warum aber bescheren wir uns ausgerechnet am Heiligen Abend?

Weih­nach­ten“, weiß der Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler Gui­do Fuchs, der dem Hei­lig­abend ein gan­zes Buch gewid­met hat, ist das Geschenk­fest“ schlecht­hin.“ Aller­dings noch gar nicht so lan­ge, wie ein Blick in sei­ne Geschich­te zeigt. Schon in der Anti­ke über­reich­ten sich Erwach­se­ne zum Jah­res­an­fang gern klei­ne Geschen­ke oder luden zum gemein­sa­men Essen und Trin­ken. Zu römi­schen Zei­ten war es zudem üblich, Bediens­te­ten zum Jah­res­wech­sel beson­ders zu dan­ken. Eine Sit­te, die sich bis heu­te erhal­ten hat, wenn man Müll­ab­fuhr, Brief­trä­ger, Haus­meis­ter oder ande­ren Dienst­leis­tern mit klei­nen Geschen­ken für ihre Arbeit dankt.

Weih­nach­ten selbst war bis weit ins zwei­te Jahr­tau­send kein offi­zi­el­ler Geschenk­ter­min. Der war im nörd­li­chen Teil Euro­pas am 6. Dezem­ber, zum Fest des Hei­li­gen Niko­laus. Oder wie heu­te noch in vie­len medi­ter­ra­nen Län­dern der Drei­kö­nigs­tag, der 6. Janu­ar. Theo­lo­gi­sche Grün­de hat­te das, waren es doch die spä­ter als Hei­li­ge Drei Köni­ge“ bezeich­ne­ten Magi­er, die mit Gold, Weih­rauch und Myr­rhe dem Jesus­kind drei sym­bo­li­sche Gaben über­reich­ten: Gold für die Königs­herr­schaft Jesu, Weih­rauch für sei­ne Hei­lig­keit und Gött­lich­keit – und Myr­rhe für sein spä­te­res Leiden.

Die Besche­rung am Niko­laus­tag wur­zel­te in Legen­den um sei­ne Per­son, nach der er drei jun­ge Frau­en vor der Pro­sti­tu­ti­on bewahr­te, indem er ihrem ver­arm­ten Vater Gold­klum­pen zukom­men ließ, so dass der sei­ne Töch­ter nicht ver­kau­fen muss­te. Es war eine Geschich­te, die vie­ler­orts Anlass wur­de, am Vor­abend sei­nes Gedenk­ta­ges klei­ne Gaben in die Schu­he der Kin­der zu ste­cken. Noch popu­lä­rer war die Schü­ler­le­gen­de. Sie erzähl­te, wie der Hei­li­ge Niko­laus drei ermor­de­te Schü­ler aus einem Salz­fass wie­der zum Leben erweck­te. Sie ließ im Mit­tel­al­ter an den Klos­ter­schu­len Umzü­ge zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr ent­ste­hen, die ein soge­nann­ter Schü­ler­bi­schof anführ­te, der jähr­lich neu bestimmt und ent­spre­chend aus­ge­stat­tet wur­de. Der Mum­men­schanz dien­te den jun­gen Leu­ten zum Ein­sam­meln von Geschen­ken, arte­te aber oft schnell aus, so dass ihn die Kir­che immer wie­der verbot.

Bis weit ins Mit­tel­al­ter aber blieb der Jah­res­wech­sel Anlass zum Schen­ken, das oft nur ein gemein­sa­mes Trin­ken war. Das jeden­falls legt das alt­hoch­deut­sche Verb sken­ken“ nahe, das auf das schrä­ge Hal­ten eines Gefä­ßes beim Ein­schen­ken ver­wies. Im zwei­ten Jahr­tau­send aber erlang­te das Wort neue Bedeu­tung, wur­de aus der ursprüng­li­chen Bewir­tung das heu­ti­ge Schen­ken. Wer nichts ver­schen­ke, hieß es damals zudem gern, wer­de unglück­lich. Ein Aber­glau­be, der die Ver­tei­lung von Gaben beförderte.

Stand am Altöttinger Christkindlmarkt mit Weihnachtsgeschenken. Info Icon Foto: Roswitha Dorfner
Weihnachtsgeschenke sind heute ein fester Brauch − daran erinnert auch ein Stand am Altöttinger Christkindlmarkt im Advent.

Mit der Refor­ma­ti­on trat an die Stel­le des Gaben­brin­gers Niko­laus der Hei­li­ge Christ, eine gewöhn­lich weib­li­che, weiß geklei­de­te Licht­ge­stalt. Noch 1535 bescher­te im Haus Mar­tin Luthers der Niko­laus, wenig spä­ter aber schon der Hei­li­ge Christ, an den noch heu­te die alte Bezeich­nung Christ­be­scher­tag“ für den Hei­li­gen Abend erin­nert. Folg­lich war der neue Gaben­brin­ger nicht mehr am Niko­laus­tag, son­dern an Weih­nach­ten unter­wegs – oft zusam­men mit wei­te­ren Umzugs­ge­stal­ten wie Maria und Joseph samt Jesus­kind und ande­ren Figuren.

Um den Über­gang der Besche­rung vom Niko­laus­tag auf Weih­nach­ten zu fes­ti­gen, orga­ni­sier­ten pro­tes­tan­ti­sche Geist­li­che anfangs Fei­ern in der Kir­che, bei denen Eltern die Geschen­ke für ihre Kin­der mit­zu­brin­gen hat­ten. Die klei­nen Söh­ne und Töch­ter der Chris­ten erwar­ten gewöhn­lich mit gro­ßer Sehn­sucht, meist im Abend­got­tes­dienst am Jesus­ge­burts­fest, die Geschen­ke des Christ, von dem man hier glaubt, er kom­me mit einem schwer bepack­ten Wagen durch Dächer und Fens­ter hin­ein dem Don­ner gleich“, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1584. Zusam­men mit Engeln war er meist von Haus zu Haus gezo­gen. Wenn er dort fin­det, dass die Kin­der artig sind und die christ­li­chen Gebe­te kön­nen, so teilt er ihnen ver­schie­dent­li­che Geschen­ke aus.“

Mit der Ver­schie­bung des Geschenk­ter­mins auf Weih­nach­ten ent­stand so im Lauf der Jah­re die heu­ti­ge Besche­rung, die in den Mit­tel­punkt des neu­en Fami­li­en­fes­tes Weih­nach­ten rück­te. Aller­dings war sie anfangs nicht wie heu­te die Häu­fung von Geschen­ken vor fest­lich beleuch­te­tem Weih­nachts­baum, son­dern ein von grü­nen Zwei­gen gekrön­tes Gaben-Bün­del, das man damals Christ­bür­de“ nann­te. Für das 16. Jahr­hun­dert gibt es Bele­ge, dass grü­ne Bäu­me oder Zwei­ge mit Nüs­sen und Süßig­kei­ten geschmückt wur­den, die die Kin­der plün­dern durf­ten“, sagt die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Bet­ti­na Keß, Lei­te­rin des Refe­rats für Kul­tur und Muse­en beim Bezirk Ober­bay­ern, die selbst zur Geschich­te des Schen­kens geforscht hat. Das waren womög­lich die ers­ten Geschen­ke, die tat­säch­lich mit dem Weih­nachts­fest ver­bun­den waren.“

Der Sit­te, sich an Weih­nach­ten zu besche­ren, ver­dank­ten auch die ers­ten mit­tel­al­ter­li­chen Märk­te ihre Ent­ste­hung. Mode aber wur­den Weih­nachts- oder Christ­kind­leins­märk­te wie in Nürn­berg erst im 17. Jahr­hun­dert. Da ist nahe­zu der gan­ze Platz voll Holz­bu­den, die für Zeit auf­ge­baut sind und in denen aller Art Waren. .. nur zum Gebrauch und Ver­gnü­gen der Kin­der, ja sogar der Erwach­se­nen … zu ver­kau­fen steht“, hiel­ten einst Augen­zeu­gen in ihren Erin­ne­run­gen fest. Die auch ver­mel­de­ten, dass die klei­nen Kin­der Nürn­bergs über­zeugt sei­en, dass das Christ­kind hier die Sachen kau­fe, die es nach­her in der Nacht zum Weih­nachts­ta­ge unter sie aus­tei­len wolle.“

Christkind. Info Icon Foto: Imago
Tradition: Ob das Christkind im Süden ...
Weihnachtsmann. Info Icon Foto: Pexels
... oder Weihnachtsmann im Norden, Freude bereiten die Gabenbringer immer.

Im Febru­ar 1737 habi­li­tier­te sich der Wit­ten­ber­ger Pri­vat­do­zent Karl Gott­fried Kiß­ling mit einer in Latein ver­fass­ten Arbeit, der er den deut­schen Unter­ti­tel Von heil. Christ-Geschen­cken“ gab. Es war ein stark empi­risch gepräg­tes Werk, das zeig­te, wie im frü­hen 18. Jahr­hun­dert in Kiß­lings Hei­mat­stadt Zit­tau beschert wur­de. Zwar gab es dort noch immer am Hei­lig­abend umher­zie­hen­de Mas­ken­grup­pen, wel­che das eine oder ande­re Geschenk ins Haus brach­ten oder abhol­ten, mehr und mehr aber wur­den die Geschen­ke für die Kin­der jetzt von den Eltern auf gro­ßen Tischen ausgelegt.

Auch in der Main­stadt Frank­furt waren bis Ende des Jahr­hun­derts noch ver­kley­de­te Engel und Teuf­fel“ am Christ­abend unter­wegs, die in den Häu­sern danach frag­ten, ob die Kin­der flei­ßig und fromm sei­en. Wenn die Jüngs­ten dies bejah­ten und betend nie­der­knie­ten, leg­ten Vater oder Mut­ter ihnen ihre Geschen­ke auf den Stu­ben­tisch, ver­se­hen mit dem Hin­weis, dass Gott sie ihnen aus dem Him­mel geschickt habe.

Im 19. Jahr­hun­dert aber ver­schwan­den die weih­nacht­li­chen Umzü­ge rela­tiv schnell, ver­la­ger­te sich die Besche­rung ganz in die Fami­li­en. Schuld dar­an hat­te der Weih­nachts- bzw. Christ­baum, der anfangs nur in der wohl­ha­ben­den Ober­schicht auf­ge­stellt wur­de. Spä­tes­tens Ende des Jahr­hun­derts aber konn­ten sich den Lich­ter­baum auch vie­le ande­re Fami­li­en leis­ten. Das Ent­zün­den der Ker­zen des Weih­nachts­bau­mes hin­ter ver­schlos­se­ner Tür im Kreis der Klein­fa­mi­lie“, beschrieb die Mar­bur­ger Volks­kund­le­rin Inge­borg Weber-Kel­ler­mann ein­mal die­sen Pro­zess, ent­sprach dem Bedürf­nis nach Inti­mi­tät und Abschlie­ßung nach außen, das kenn­zeich­nend war für das bür­ger­li­che Fami­li­en­le­ben des 19. Jahrhunderts“.

Als neu­er Gaben­brin­ger gesell­te sich zum Christ­kind schließ­lich der Weih­nachts­mann. Mor­gen kommt der Weih­nachts­mann, kommt mit sei­nen Gaben“, hat­te der Tex­ter der Deut­schen Natio­nal­hym­ne, Hoff­mann von Fal­lers­le­ben 1835 in einem popu­lä­ren Kin­der­lied gereimt, doch du weißt ja unsern Wunsch, kennst ja uns­re Her­zen. Kin­der, Vater und Mama, auch sogar der Groß­pa­pa, alle, alle sind wir da, war­ten dein mit Schmer­zen.“ Meist aus­ge­stat­tet mit wei­ßem Rau­sche­bart, rotem Gewand und einem Geschenk­sack hat­te der Weih­nachts­mann genau­er betrach­tet die Rol­le des Niko­laus über­nom­men. Aller­dings war er nicht mehr die bischöf­li­che Gestalt des Mit­tel­al­ters, son­dern eine im Lauf der Jahr­zehn­te mehr und mehr ame­ri­ka­nisch gepräg­te Figur, die dem San­ta Claus gleich­kam, dem Gaben­brin­ger in den Ver­ei­nig­ten Staaten.

Um das Jahr 1930, ergab eine wis­sen­schaft­li­che Umfra­ge damals, teil­ten sich in Deutsch­land Christ­kind und Weih­nachts­mann die Rol­le als Gaben­brin­ger. Sie waren aber kei­ne im Trupp auf­tre­ten­den Umzugs­fi­gu­ren mehr wie ihre Ahnen, son­dern Ein­zel­ge­stal­ten aus dem fami­liä­ren Umfeld mit päd­ago­gi­schem Auf­trag – zuletzt mehr und mehr auch ent­lohn­te Brauch­ge­stal­ter, wel­che die Arbeits­äm­ter bis heu­te ver­mit­teln. Publi­kums­fa­vo­rit ist der Weih­nachts­mann, an den nach einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge aus dem Vor­jahr noch jeder vier­te Deut­sche glaubt. Etwas weni­ger Freun­de hat das Christ­kind, des­sen Für­spre­cher vor allem im Süden Deutsch­lands zuhau­se sind.

Immer mehr Bür­ger aber kön­nen mit die­sen Gaben­brin­gern gar nichts mehr anfan­gen. Zuneh­mend auch enga­gier­te Chris­ten, die sehen, wie die Weih­nachts­aben­de zum Aus­tausch von Gut­schei­nen oder gar Bar­geld­zah­lun­gen ver­kom­men. Es ist eine Ent­wick­lung, fürch­ten sie, die das Fest mehr und mehr in den All­tag ein­reiht und den eigent­li­chen Grund des weih­nacht­li­chen Schen­kens ver­drängt: Die Freu­de über die Geburt des Erlösers.

Text: Gün­ter Schenk

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