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Mehr als ein Berg

Redaktion am 29.08.2022

S29 Matterhorn S. Kössler

Die Schweiz ist nicht groß. Und doch kommt der aufmerksame Reisende in diesem kleinen Land nicht aus dem Staunen heraus.

Rund ums Mat­ter­horn – Zer­matt – Gor­n­er­grat – Aletsch­glet­scher, so hieß es in der Aus­schrei­bung unse­rer Bis­tums­blatt Bus-Wan­der­rei­se. Schon die Namen klin­gen ver­hei­ßungs­voll. Und wir soll­ten nicht ent­täuscht werden.

Grä­chen im Wal­lis war das Ziel unse­rer Rei­se. Die Bewoh­ner des Kan­ton Wal­lis sind tra­di­ti­ons­be­wusst und natur­ver­bun­den, heißt es, und ein ganz eige­ner Schlag. Wie sonst könn­te man es erklä­ren, dass man sich schon ab ca. 12.30 Uhr mit Guten Abend“ grüßt. War­um? Weil vor lan­ger Zeit der Bischof erlas­sen hat­te, dass erst abends Alko­hol getrun­ken wer­den darf“, so lau­te­te die Ant­wort unse­rer Gui­des The­si und Heinz.

Aha! Doch das ist längst nicht die ein­zi­ge Beson­der­heit. Neben den tra­di­tio­nel­len Stein­dä­chern und der frü­he­ren Stel­zen­bau­wei­se der Häu­ser lern­ten wir auch die Suo­nen ken­nen. Das sind die his­to­ri­schen Bewäs­se­rungs­ka­nä­le des Wal­lis. Sie bestehen aus offe­nen Grä­ben, die das Was­ser von den Gebirgs­bä­chen auf die tro­cke­nen Wei­den und Äcker, in die Wein­ber­ge oder auf die Obst­plan­ta­gen brin­gen. Vie­le der Suo­nen sind heu­te noch in Betrieb und wer­den sorg­fäl­tig unter­hal­ten. Bei 300 Son­nen­ta­gen pro Jahr müs­sen die Wie­sen bewäs­sert wer­den, wenn etwas wach­sen soll.

Man grüßt sich schon ab ca. 12.30 Uhr mit Guten Abend“. War­um? Weil vor lan­ger Zeit der Bischof erlas­sen hat­te, dass erst abends Alko­hol getrun­ken wer­den darf“”

Nächs­te Sta­ti­on: Aletsch­glet­scher. Mit der Seil­bahn ging es hin­auf zur Berg­sta­ti­on Rie­der­alp, von wo aus es mit Wan­der­gui­de Wen­zel wei­ter­ging zur Moos­fluh auf 2.333 Metern Höhe. Hier hat man einen fan­tas­ti­schen Aus­blick auf den Gro­ßen Aletsch­glet­scher, der mit sei­nen 23 Kilo­me­tern Län­ge der längs­te Eis­s­trom der Alpen ist. Unse­re Wan­de­rung tal­wärts führ­te über den Grat Rich­tung Hoh­fluh und durch den geschütz­ten Alet­sch­wald mit sei­nen uralten Arven (so hei­ßen in der Schweiz die Zir­ben) bis zur Rie­der­fur­ka mit der his­to­ri­schen Vil­la Cas­sel. Die­se Vil­la war das pri­va­te Feri­en­haus von Sir Ernest Cas­sel. Der deutsch­stäm­mi­ge Ban­kier und Finanz­be­ra­ter König Edwards VII. hat­te sich die­se Vil­la bau­en las­sen, um dort – bis zum Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs – die Som­mer zu ver­brin­gen. Die gut erhal­te­ne Vil­la ist heu­te der Sitz des Pro Natu­ra Zen­trums Aletsch, das sich für den Schutz der ein­zig­ar­ti­gen Natur in der Alet­sch­re­gi­on ein­setzt. Auf unse­rem Weg erfuh­ren wir von Wen­zel viel über die Flo­ra und Fau­na des Alet­sch­wal­des. Die Wir­kung der Arven bzw. Zir­ben auf Atem­we­ge und Blut­druck sind ja den meis­ten bekannt. Aber wie ist es mög­lich, dass Arven auf Fel­sen wach­sen? Das ist das Werk des Tan­nen­hä­hers. Der ver­steckt die Ker­ne als Win­ter­vor­rat in Fels­spal­ten und aus den­je­ni­gen, die er ver­gisst oder nicht mehr braucht, wach­sen dann eben die Bäume.

Doch auch hier inmit­ten die­ser groß­ar­ti­gen Land­schaft kommt man am The­ma Kli­ma­wan­del nicht vor­bei. Die war­men Som­mer machen auch den Glet­schern schwer zu schaf­fen. Das Mat­ter­horn, auf das man wie­der den einen oder ande­ren Blick erha­schen konn­te, hat Wen­zel noch nie so dun­kel erlebt wie die­ses Jahr.

Am Frei­tag kam dann das High­light für vie­le. Zusam­men mit unse­rem Gui­de Heinz ging es mit Post­bus und Bahn ins auto­freie Zer­matt am Fuße des Mat­ter­horns. Und schon vom ers­ten Moment an kann man ver­ste­hen, war­um es sich um den meist foto­gra­fier­ten Berg der Welt han­delt. Das Mat­ter­horn mit sei­nen 4.478 Metern, majes­tä­tisch in Allein­stel­lung zu sehen, ist etwas ganz Spe­zi­el­les, das kann man nicht beschrei­ben, das muss man erleben. 

Mit der Zahn­rad­bahn ging‘s dann hin­auf zum Gor­n­er­grat auf 3.089 Meter – und auch wäh­rend der Fahrt konn­te man nicht anders, als den Toble­ro­ne-Berg“ ein­fach immer wie­der anzu­schau­en. Die Gor­n­er­grat-Bahn war die ers­te voll elek­tri­fi­zier­te Zahn­rad­bahn der Schweiz und ist die höchs­te im Frei­en ange­leg­te Zahn­rad­bahn Euro­pas. Der Gor­n­er­grat selbst zählt seit 1898 zu den Top-Aus­flugs­zie­len in der Schweiz. Und das nicht ohne Grund, denn oben ange­kom­men hat man ein wun­der­ba­res Pan­ora­ma: das Mon­te-Rosa-Mas­siv mit dem höchs­ten Schwei­zer Berg (4.634 Meter), einen Blick auf den zweit­größ­ten Glet­scher der Alpen, den Gorn­er­glet­scher, sowie auf 29 Ber­ge, die über 4.000 Meter hoch sind. Ein über­wäl­ti­gen­der Ausblick.

Vom Gor­n­er­grat aus wan­der­ten wir über Stock und Stein tal­wärts zum Rif­fel­see. Man hat tol­le Bil­der im Kopf, wie man sie aus Wer­be­pro­spek­ten und Social Media Kanä­len kennt: vom Horu, wie das Mat­ter­horn von den Ein­hei­mi­schen auch genannt wird, das sich im Son­nen­schein im glit­zern­den See spie­gelt… Lei­der haben wir einen der weni­gen nicht son­ni­gen Tage erwischt. Beim Abstieg wur­de es bewölkt und fing immer wie­der an zu tröp­feln, in eini­ger Ent­fer­nung war auch immer wie­der Don­ner zu hören, was aber die Stim­mung kei­nes­wegs trüb­te. Das Mat­ter­horn spie­gel­te sich trotz­dem, es fehl­te nur Son­nen­schein und Glit­zer. Vom Rif­fel­berg wan­der­ten wir über den Mark Twain Weg zur Rif­fel­alp, um von dort aus die Tal­fahrt anzutreten.

Unten ange­kom­men, blieb noch Zeit für einen Bum­mel durch Zer­matt. Was in Hol­ly­wood der Walk of Fame“, ist hier der Walk of Climb“: Elf Bron­ze­ta­feln erin­nern an die Erst­be­stei­ger des Horu. Sie­ben ehren die Alpi­nis­ten, die am 14. Juli 1865 den Gip­fel erreich­ten, zwei wei­te­re Bron­ze­ta­feln ver­ewi­gen die Namen derer, die den Gip­fel von der ita­lie­ni­schen Sei­te am 17. Juli 1865 erreich­ten. Seit 2019 sind zwei Pla­ket­ten auch zwei Frau­en gewid­met, die als ers­te Frau­en auf dem Mat­ter­horn standen. 

Wir besuch­ten den Berg­stei­ger­fried­hof, der Grab­stei­ne von rund 50 Ver­un­glück­ten aus aller Welt in den Schwei­zer Ber­gen zeigt. Das Grab des unbe­kann­ten Berg­stei­gers“ erin­nert an die über 500 Toten und Ver­miss­ten, die es seit 1865 am Mat­ter­horn gege­ben hat und die nicht oder nicht voll­stän­dig gebor­gen wer­den konn­ten. Und dann gibt es auch noch den Gedenk­stein für die Berg­füh­rer, die in Aus­übung ihres Beru­fes ver­un­glückt sind.

Geseg­net mit vie­len Ein­drü­cken tra­ten wir am Sonn­tag die Heim­rei­se an. Die Schweiz ist viel­leicht nicht groß, aber groß­ar­tig. Tol­le Men­schen, die herr­li­chen Wege, die groß­ar­ti­gen Natur­wun­der wer­den noch lan­ge in Erin­ne­rung blei­ben. Der Vier­wald­stät­ter­see mit sei­nem fast tür­ki­sen Was­ser, die Bärg­ji-Alp, (ein tra­di­tio­nel­les Wal­li­ser Restau­rant, das seit 1932 besteht) zu der wir am Sams­tag, abseits der übli­chen Wege, noch zu Kaf­fee und Kuchen wan­der­ten, oder die Eis­grot­te am Rho­ne­glet­scher sind noch ein paar wei­te­re High­lights der Rei­se, die viel zu schnell wie­der vor­bei war. Auch wenn das Mat­ter­horn schein­bar etwas schüch­tern ist und sich uns nie in vol­ler Pracht gezeigt hat, war es ein unver­gess­li­ches Erleb­nis, dem Wahr­zei­chen“ der Schweiz so nahe zu sein.

Text und Bil­der: Ste­pha­nie Kössler

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