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Chronist des Kirchenlebens und wandelndes Stadtwissen

Redaktion am 22.03.2022

2022 03 21 pb alb peter becker im redaktionsbuero Foto: Archiv Altöttinger Liebfrauenbote
30 Jahre und 1600 Ausgaben: Peter Becker hat auch als Chefredakteur des Altöttinger Liebfrauenboten eine Ära geprägt. Das Bild zeigt ihm im Rdeaktionsbüro.

Zum Tod von Peter Becker, dem einstigen Chefredakteur des Altöttinger Liebfrauenboten, Stadtrat und Kulturreferenten.

In Todes­an­zei­gen wird oft das Franz Kaf­ka zuge­schrie­be­ne Wort zitiert, dass man die Son­ne lang­sam unter­ge­hen sehe und doch erschre­cke, wenn es plötz­lich dun­kel wird. Für alle, die ihm nahe­stan­den, war Peter Becker so eine Son­ne. Jahr­zehn­te­lang hat­te er ihnen mit sei­ner Klug­heit, sei­nem schnel­len Witz und sei­ner Leut­se­lig­keit das Leben erhellt. Obwohl sie ahn­ten, dass es für ihn an der Zeit war, aus die­sem Leben lang­sam in ein ande­res hin­über­zu­ge­hen, sehen sie sich nun doch mit Schre­cken in einer dunk­le­ren Welt zurück­ge­las­sen. Am Sams­tag­abend, 19. März, ist er im Alter von 77 Jah­ren gestorben.

Alt­öt­ting ist um einen Mann ärmer gewor­den, den man als einen Bür­ger in der umfas­sends­ten Bedeu­tung des Wor­tes in Erin­ne­rung behal­ten wird. Peter Becker war ja kei­ner, der sozu­sa­gen den Herr­gott einen guten Mann sein ließ und behag­lich dabei zusah, wie ande­re sich mit den Belan­gen des Gemein­we­sens abmüh­ten. Sich nicht wich­tig­tue­risch, wohl aber sinn­voll und zweck­mä­ßig ein­zu­mi­schen: Dabei war alle­mal mit ihm zu rech­nen, und da es in sei­ner glück­li­chen Natur lag, wich­ti­ge und oft auch strit­ti­ge Din­ge sowohl geist­reich als auch auf der Basis einer umfas­sen­den Bil­dung vor­zu­tra­gen, nahm man sei­ne Inter­ven­tio­nen auch dann gern zur Kennt­nis, wenn sie mit der ihm stets ver­füg­ba­ren Pri­se Sar­kas­mus gewürzt waren.

Mühl­dorf war sei­ne Geburts­stadt, aber da die Eltern mit den fünf Kin­dern bald nach dem Krieg hier­her­zo­gen, wur­de Alt­öt­ting sei­ne Hei­mat – eine Hei­mat, der er umso treu­er ver­bun­den war, als er in ihrem klei­nen Kos­mos die rei­che Geschich­te des Lan­des und die Grö­ße der Katho­li­schen Kir­che mus­ter­haft reprä­sen­tiert sah. Sei­ne weit aus­grei­fen­de huma­nis­ti­sche Bil­dung erwarb er sich bei den Bene­dik­ti­nern in Met­ten und am Kur­fürst-Maxi­mi­li­an-Gym­na­si­um Burg­hau­sen. Nach dem Abitur 1963 wand­te er sich in Mün­chen dem Stu­di­um der baye­ri­schen Geschich­te und der Kunst­ge­schich­te zu und häuf­te dabei einen Wis­sens­schatz auf, aus dem er zur eige­nen Freu­de und zum Nut­zen sei­nes Publi­kums zeit­le­bens schöpfte.

Bil­der von links: Peter Becker mit Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger. // Peter Becker mit Pas­saus Bischof Anto­ni­us Hof­mann († 11. März 2000) und Kapu­zi­ner­pa­ter Sieg­fried Huber. // Peter Becker mit Rein­hard Ernst beim Pfarr­fa­mi­li­en­abend in Altötting.

Fotos: Hil­de­gard Pollety

Sein Publi­kum: Das waren in ers­ter Linie die Lese­rin­nen und Leser des Alt­öt­tin­ger Lieb­frau­en­bo­ten, des Boten“, wie das Blatt in Aner­ken­nung sei­ner kün­den­den Funk­ti­on all­ge­mein genannt wur­de. Dort war Peter Beckers Vater Hein­rich schon Chef­re­dak­teur gewe­sen, und als es mit des­sen Gesund­heit nicht zum Bes­ten stand, rück­te der Sohn, der inzwi­schen beim Trie­rer Volks­freund volon­tiert hat­te, an sei­ne Stelle.

Betrach­tet man die Geschich­te die­ses katho­li­schen und spe­zi­ell maria­ni­schen Wochen­blatts, so kann man Peter Beckers Ära, ohne ande­ren Epo­chen etwas weg­zu­neh­men, als des­sen Gol­de­nes Zeit­al­ter bezeich­nen. Es waren 1600 Aus­ga­ben, die Becker in die­sen gut drei­ßig Jah­ren nicht nur zu ver­ant­wor­ten hat­te, son­dern auch dadurch adel­te, dass er die meis­ten der Bild­ar­ti­kel“ sel­ber schrieb: kunst‑, reli­gi­ons- und lan­des­ge­schicht­li­che Repor­ta­gen, die ihn glei­cher­ma­ßen als Wort- wie als Foto­künst­ler aus­wie­sen. Wür­de man die­se Arbei­ten in Bücher zusam­men­fas­sen, ergä­be das ein ein­zig­ar­ti­ges Kom­pen­di­um der Bava­ria sancta“.

Für die Stadt setz­te Becker sich auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ein. 18 Jah­re saß er für die CSU im Stadt­rat, zeit­wei­se auch als Kul­tur­re­fe­rent, in wel­cher Posi­ti­on er die Grün­dung des Kunst­ver­eins vor­an­trieb und sich dank sei­ner exzel­len­ten Ver­bin­dun­gen nach Ita­li­en für die Städ­te­part­ner­schaft mit Lore­to stark mach­te. Dass Alt­öt­ting von solch mar­kan­ten Akti­vi­tä­ten pro­fi­tier­te, ver­steht sich, aber noch mehr Nut­zen zog es wahr­schein­lich aus sei­ner ste­ti­gen Ver­füg­bar­keit als das wan­deln­de Lexi­kon stadt­ge­schicht­li­chen Wis­sens und als uner­schöpf­lich spru­deln­der Born hei­mat­kund­li­cher Fak­ten, Mut­ma­ßun­gen und Geschich­ten. Da gab es wenig, was er dank sei­nes phä­no­me­na­len Gedächt­nis­ses nicht aus dem Stand hät­te auf­ru­fen und wie­der­ge­ben kön­nen. Doch was heißt hier wie­der­ge­ben“: Jede sei­ner Schnur­ren war übers tro­cken Anek­do­ti­sche hin­aus ein Meis­ter­stück hei­ter-ver­schmitz­ter Erzählkunst.

Bil­der von links: Peter Becker mit dem Lal­lin­ger Pil­ger­lei­ter Peter Wein­mann sen. // Peter Becker mit Kapu­zi­ner­pa­ter Bar­na­bas im Umgang der Alt­öt­tin­ger Gna­den­ka­pel­le. // Zwei Exper­ten unter sich: Peter Becker im Aus­tausch mit dem lang­jäh­ri­gen Alt­öt­tin­ger Kapel­lad­mi­nis­tra­tor DDr. Robert Bau­er († 15. Juli 2001). Bei­de waren pro­fun­de Ken­ner der (Alt­öt­tin­ger Wallfahrts-)Geschichte.

Fotos: Ros­wi­tha Dorf­ner / Archiv Alt­öt­tin­ger Liebfrauenbote

Um nur an zwei Bege­ben­hei­ten zu erin­nern, die in den Fun­dus hie­si­ger Geschich­ten ein­ge­gan­gen sind, so ist deren eine die, wonach Joseph Ratz­in­ger, kaum dass er zum Papst gewählt wor­den war, den von ihm über­aus geschätz­ten Lieb­frau­en­bo­ten nicht mehr bekam. Sein Büro hielt das Blatt wohl nicht für papst­wür­dig, und so muss­te sich Bene­dikt XVI. den Boten gewis­ser­ma­ßen hin­ter­rücks besor­gen, näm­lich über sei­nen Adla­tus Georg Gäns­wein. (Die Eltern Ratz­in­ger hat­ten sich sei­ner­zeit übri­gens durch eine Hei­rats­an­zei­ge im Boten ken­nen­ge­lernt.) Die ande­re hat mit dem Gol­de­nen Rössl zu tun, Alt­öt­tings wert­volls­tem Klein­od. Als ruch­bar wur­de, dass Ingol­stadt unter Beru­fung auf frü­he­re Zei­ten das Kunst­werk für sich bean­spruch­te, trieb Peter Becker den Ingol­städ­tern mit einem vir­tu­os his­to­ri­sie­ren­den Spott- und Schand­bryef“ die­se Flau­sen aus.

Als Peter Becker 70 wur­de, wür­dig­te ihn der Pfarr­brief als eine Art Grund­rau­schen unse­rer Pfar­rei“. Damit war gene­rell auf sein nim­mer­mü­des publi­zis­ti­sches Wir­ken ver­wie­sen, näher­hin aber auch auf die musi­ka­li­sche Sei­te sei­ner Exis­tenz. Län­ger als ein hal­bes Jahr­hun­dert gehör­te er dem Alt­öt­tin­ger Pfarr­chor an, des­sen Bass er mit mäch­ti­ger Stim­me absi­cher­te und in dem er dadurch Stau­nen erreg­te, dass er Chor­sät­ze, die nach einer hal­ben Ewig­keit wie­der aufs Pro­gramm gesetzt wur­den, aus­wen­dig sin­gen konn­te, als wären sie ges­tern ein­stu­diert worden.

Sei­ne Lebens­freu­de, die das Leib­li­che eben­so ein­schloss wie das Geis­ti­ge und für die ein guter Sur­bra­ten kei­ne gerin­ge­re Got­tes­ga­be war als ein fei­nes Decken­ge­mäl­de, muss­te sich in den letz­ten Jah­ren damit abfin­den, dass das Schick­sal, das ihn reich mit Talen­ten beschenkt hat­te, auch mit Krank­hei­ten frei­ge­bi­ger ist, als einem lieb sein kann. Wie­wohl ein star­ker und muti­ger Kämp­fer, muss­te er am Ende die Waf­fen stre­cken, und das aus­ge­rech­net am Jose­fi­tag, an dem es dem Volks­glau­ben nach wie­der auf­wärts­ge­hen sollte.

Um Peter Becker trau­ern sei­ne Frau Eva-Maria, sei­ne Toch­ter Bar­ba­ra und sein Sohn Peter mit Fami­li­en. Das Requi­em wird am Mon­tag, 28. März, um 10 Uhr in der Basi­li­ka gefei­ert, anschlie­ßend ist Beer­di­gung auf dem Fried­hof C.

Text: Her­mann Unterstöger