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Aus dem Leben: Luise Kinseher spricht über ihr Gottvertrauen

Redaktion am 04.04.2022

2022 04 04 pb alb luise kinseher2 Foto: Martina Bogdahn
Luise Kinseher.

Sie spricht über Geld, Freiheit und Glück: Die Kabarettistin Luise Kinseher scheut keine großen Themen. Ihr Gottvertrauen gibt ihr dazu die Sicherheit. Mit ihrer Kirche hat sie oft gehadert, an ihrem Glauben aber nie gezweifelt.

Vor fünf Jah­ren hat Lui­se Kin­se­her dar­über nach­ge­dacht, aus der Kir­che aus­zu­tre­ten. Damals wur­de das Aus­maß des Miss­brauchs bei den Regens­bur­ger Dom­spat­zen bekannt. Als ich lesen muss­te, wie viel man­che Kin­der dort lei­den muss­ten, wie viel Böses ihnen pas­siert ist, da habe ich rich­tig wei­nen müs­sen“, sagt sie. Das habe sie sehr mit­ge­nom­men, weil sie Chor­mu­sik so mag und mit der Musik der Dom­spat­zen auf­ge­wach­sen ist. Und doch ist sie in der Kir­che geblie­ben. Die Leh­re Jesu Chris­ti, mein Glau­be, ist so tief in mir ver­an­kert. Das gehört zu mei­ner Per­son, zu mei­nem Mensch­sein und geht auch nicht wie­der raus“, sagt sie. 

Die Kaba­ret­tis­tin Kin­se­her (53) lebt in Mün­chen und tritt auf Büh­nen in ganz Deutsch­land und im Fern­se­hen auf. Sie spricht über Geld und Glück, Frei­heit und Hei­mat. Sie nimmt die baye­ri­sche Poli­tik aufs Korn und schaut mit einem lie­be­voll-iro­ni­schen Blick auf mensch­li­che Schwä­chen und die Absur­di­tä­ten des All­tags. Ein­zig über den Glau­ben spricht sie in ihren Stü­cken nicht. Reli­gi­on und Glau­be gehen so tief in die See­le des Men­schen. Dar­über möch­te ich kei­ne Wit­ze machen“, sagt Kin­se­her. Die Gefahr, dass ich jeman­den ver­let­ze, ist dabei viel zu groß.“

Die Leh­re Jesu Chris­ti, mein Glau­be, ist so tief in mir ver­an­kert. Das gehört zu mei­ner Per­son, zu mei­nem Mensch­sein und geht auch nicht wie­der raus.”

Luise Kinseher, Kabarettistin

Natür­lich kri­ti­sie­re sie den Papst oder die Insti­tu­ti­on Kir­che, aber die Spi­ri­tua­li­tät selbst eig­ne sich nicht fürs Kaba­rett, sagt sie. Für ihre inne­re Hal­tung auf der Büh­ne aber sei­en ihre Spi­ri­tua­li­tät und ihr Glau­be ihr wich­tig, sagt sie. Sie will nicht sar­kas­tisch, zynisch oder bis­sig auf­tre­ten: Ich möch­te ana­ly­tisch, zwei­felnd, manch­mal ein biss­chen ankla­gend, aber immer lie­be­voll auf unse­re Unzu­läng­lich­kei­ten, unse­re Bemü­hun­gen, unser Tun und Schei­tern blicken.“ 

2022 04 04 pb alb luise kinseher1 Foto: Martina Bogdahn
Luise Kinseher.

Auf­ge­wach­sen ist sie in Gei­sel­hö­ring, süd­öst­lich von Regens­burg. Als Kind bin ich ein rich­ti­ger Jesus-Fan gewe­sen“, sagt sie. Immer sonn­tags sei sie mit den Eltern in den Got­tes­dienst gegan­gen. Und ich habe damals schon im Her­zen etwas gespürt, das mich zur Kir­che zog. Etwas, das ich ein­fach gut fand, das mich begeis­tert hat. Die­ser Gedan­ke, dass ich da jeman­den habe, zu dem ich beten kann, hat mir Trost und Sicher­heit gegeben.“

Als sie älter wur­de, habe sich in ihr aber immer mehr Wider­stand gegen die Kir­che auf­ge­baut. Es gab eine gro­ße Dis­kre­panz zwi­schen dem, was ich als Kind an Lie­be gegen­über Gott und Jesus emp­fand, und dem, was ich mit Ordens­schwes­tern und Pfar­rern im Kin­der­gar­ten und in der Schu­le erlebt habe“, sagt Kin­se­her. Damals, Mit­te der 70er Jah­re, hät­ten Geist­li­che Kin­der noch gezüch­tigt und geschlagen.

Sie selbst hat als Kin­der­gar­ten­kind ein Bestra­fungs­ri­tu­al durch­ma­chen müs­sen. Ich war ja so Jesus-infil­triert und woll­te immer Gutes tun“, erin­nert sie sich. Als sie sah, dass ein jün­ge­res Kind auf einen Tisch klet­tern woll­te, half sie ihm. Doch das Kind fing an zu wei­nen. Die Klos­ter­schwes­ter dach­te, ich hät­te dem Kind mut­wil­lig weh­ge­tan“, sagt Kinseher.

Alle Kin­der hät­ten sich in einem Kreis auf­ge­stellt und sie habe sich in die Mit­te stel­len müs­sen. Die Schwes­ter hat mich geschüt­telt, beschimpft, auf den Boden geschmis­sen. Ich muss­te auf­ste­hen und sie hat mich wie­der auf den Boden gewor­fen“, sagt Kin­se­her. Das hat sich in mein Gedächt­nis ein­ge­brannt und geht nie wie­der weg.“

Sie sei der Ordens­frau nicht böse, aber das Erleb­te ver­fol­ge sie bis heu­te. Seit­dem bin ich vor­sich­tig gewor­den. Ich habe immer im Kopf, dass ich für Hand­lun­gen bestraft wer­den könn­te, die ich nicht began­gen habe. Inso­fern bin ich davon trau­ma­ti­siert“, sagt Kinseher.

Und den­noch hat sie an ihrem Glau­ben nie gezwei­felt: Ich weiß unver­rüt­tel­bar: Gott ist da. Ich kann das nicht wis­sen­schaft­lich bewei­sen. Das kann jeder nur in sich selbst fin­den.“ Des­we­gen ist es ihr auch egal, wenn Men­schen an nichts oder an ande­re Din­ge glau­ben: Auch wenn wir es sel­ber nicht erken­nen, ist Gott da. Selbst wenn wir es gar nicht ver­mu­ten oder wol­len. Da ver­traue ich ganz auf ihn.“

Mit die­ser Gewiss­heit geht sie auch auf die Büh­ne. Mein Gott­ver­trau­en hilft mir und hat ganz viel mit mei­ner inne­ren Sicher­heit, mit Gelas­sen­heit und Ruhe zu tun“, sagt Kin­se­her. Gleich zu Beginn ihrer Büh­nen­kar­rie­re sei ihr ein Pro­gramm völ­lig miss­lun­gen. Ich war da auf einem Ego-Trip, woll­te mich sel­ber ver­wirk­li­chen und habe nicht an das Publi­kum gedacht. Es waren völ­lig ver­kopf­te Stü­cke. Das hat über­haupt nicht funk­tio­niert“, sagt Kin­se­her. In die­ser Zeit habe sie oft geweint, vor den Auf­trit­ten, in der Pau­se, danach: Aber ich blieb dabei. Und ich glau­be, dass mich in die­sen dunk­len Zei­ten der Geist von Jesus Chris­tus geführt hat.“

Ich weiß unver­rüt­tel­bar: Gott ist da. Ich kann das nicht wis­sen­schaft­lich bewei­sen. Das kann jeder nur in sich selbst finden.”

Luise Kinseher, Kabarettistin

Gera­de arbei­tet sie an einem neu­en Pro­gramm, das im Herbst fer­tig sein soll. Dar­in will sie eine gesell­schaft­li­che Bestands­auf­nah­me schaf­fen: Wo kom­men wir her – wo gehen wir hin? Es geht um Ver­än­de­rung und Trans­for­ma­ti­on, um Ego­is­mus und Soli­da­ri­tät, um den Kli­ma­wan­del, das Arten­ster­ben und die Fra­ge, was wir aus der Pan­de­mie gelernt haben“, sagt Kinseher. 

Einen Wan­del beob­ach­tet sie auch beim Kaba­rett. Frü­her habe man etwas aus­ein­an­der­ge­nom­men und sati­risch nie­der­ge­macht. Das Kaba­rett der Zukunft müs­se eine ande­re Auf­ga­be erfül­len. Es darf nicht tren­nen, son­dern muss ver­bin­den. Es muss humor­voll sein und dafür sor­gen, dass wir gemein­sam über uns lachen kön­nen. Das hat etwas Befrei­en­des und öff­net die Her­zen“, sagt Kin­se­her. Momen­tan sind wir noch zwi­schen­drin – mit einem Fuß im Alten, mit dem ande­ren schon im Neu­en. Das ist auch gut so. Wir pro­bie­ren aus. Wich­tig ist nur, dass sich was ändert.“

Das wünscht sie sich auch für die katho­li­sche Kir­che. Die Kir­che hat sich von den Men­schen ent­fernt“, sagt Kin­se­her. Es gehe nicht nur um die vie­len Miss­brauchs­fäl­le und den fal­schen Umgang mit den Tätern: Die Men­schen ver­ste­hen die Kir­che nicht mehr, ihre Spra­che, ihre Ritua­le und ihre Struk­tur.“ Kin­se­her wünscht sich, dass es gelingt, die­ses Sys­tem zu erneu­ern, dass die Kir­che offen und ein­la­dend für alle Men­schen wird. Wenn ich mit mei­ner Auf­ga­be als Kaba­ret­tis­tin fer­tig wäre, dann wür­de ich, wenn ich dürf­te, Pfar­re­rin wer­den“, sagt sie und lacht. Aber ich glau­be, da müss­te ich 300 Jah­re alt wer­den, um das zu schaffen.“

Text: Kers­tin Osten­dorf, Foto: Mar­ti­na Bogdahn