Das glauben wir

Mein Leben ohne Filter

Redaktion am 24.08.2026

Info Icon Foto: privat

Erst tief drin, dann komplett raus: Unsere freie Mitarbeiterin Lisa Schregle war über lange Zeit sehr intensiv auf den Social-Media-Plattformen Instagram, Facebook, Tiktok und Snapchat unterwegs. Dann hat sie einen radikalen Schnitt gemacht und sich überall abgemeldet. Im Bistumsblatt schildert sie ihre Erfahrungen.

Mein Name ist Lisa, ich bin 32 Jah­re alt und ich habe vor län­ge­rer Zeit Social Media den Rücken gekehrt.

Mit 32 bin ich nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Eher so die­ses Dazwi­schen“. Und genau die­ser Gene­ra­ti­on Dazwi­schen“ gehö­re ich auch an: Wir durf­ten drau­ßen sein, bis es dun­kel wur­de und doch hat­te ich mit 17 auch mein ers­tes Smart­phone. Wir haben damals für Klin­gel­tö­ne noch Geld bezahlt und ken­nen und kön­nen doch Social Media.

Von eini­gen Leu­ten aus mei­nem Umfeld wur­de ich miss­trau­isch beäugt, als ich sag­te, dass ich das alles“ nicht mehr will. Das alles“ heißt Insta­gram, Face­book, Tik­tok und Snap­chat, wenn ich auch letz­te­res nur genutzt habe, um Fotos zu ver­un­stal­ten … ääh zu verändern.

Viel­leicht wur­den ins­ge­heim auch irgend­wo Wet­ten abge­schlos­sen, wie lang ich es dies­mal schaf­fe; ich habe näm­lich schon meh­re­re Anläu­fe hin­ter mir. Der Rekord“ lag bei drei Wochen ohne Face­book und ich fühl­te mich damals, als hät­te ich die Welt ver­passt. Das war auch die Fra­ge, die Leu­te aus mei­nem Umfeld am häu­figs­ten stell­ten: ob ich denn kei­ne Angst hät­te, etwas zu ver­pas­sen. Ob ich das aus­hal­ten würde.

Heu­te – zehn Mona­te ohne Face­book und Tik­Tok und sie­ben Mona­te ohne Insta­gram und Snap­chat spä­ter – fra­ge ich mich, wie ich es so lan­ge auf die­sen Platt­for­men aus­ge­hal­ten habe.

Ich geste­he, ich war eine Viel-Nut­ze­rin, die immer irgend­wie dazu­ge­hö­ren woll­te. Lei­der habe ich mich zuneh­mend auch mit dem Dasein von per­fekt gestyl­ten Influen­cern und Influen­ce­rin­nen befasst, sie benei­det um ihr glück­li­ches Leben“, ver­folgt, wie eine stein­rei­che Fami­lie eine Welt­rei­se mit dem Schiff mach­te oder Geburts­tag­par­tys für Drei­jäh­ri­ge mit 150 Gäs­ten ver­an­stal­tet wurden.

Teil­wei­se habe ich mir ein, zwei Stun­den am Tag Kurz­vi­de­os von mir bekann­ten und unbe­kann­ten Men­schen rein­ge­zo­gen – heu­te weiß ich, dass es eher das Dopa­min war, das mich dazu brach­te, das Gerät nicht mehr aus der Hand zu legen. Vor lau­ter Scrol­len habe ich ein Leben kom­plett hin­ten ange­stellt: meins.

Ich bereue die­sen Schritt nicht und habe nicht geplant, zu die­sen Netz­wer­ken zurück­zu­keh­ren, denn in der Rea­li­tät lebt es sich ein­fach bes­ser – ohne Filter.”

Lisa Schregle

Ich weiß den genau­en Zeit­punkt nicht mehr, ab dem all das mich lang­sam regel­recht anzu­wi­dern begann, doch die­ser Ekel hält bis heu­te. Die­se per­ma­nen­te Selbst­dar­stel­lung von Men­schen in immer den­sel­ben Posen mit einem immer ähn­li­chen Gesichts­aus­druck. Die­se 100 Glück­wün­sche jedes Jahr an der Pinn­wand, aber auf der Stra­ße wür­den die wenigs­ten ste­hen blei­ben und mehr zu einem sagen als einen kur­zen Gruß. Wenn über­haupt. Falls man die Leu­te ohne zwan­zig Fil­ter über dem Gesicht über­haupt noch erken­nen würde.

Ich habe lan­ge gebraucht, um zu ver­ste­hen, dass die sozia­len“ Platt­for­men zum gro­ßen Teil künst­lich erzeug­te Orte sind, an denen Leu­te – meist geschützt hin­ter Benut­zer­na­men“ – nur von sich zei­gen, was sie zei­gen wol­len. Mit Rea­li­tät hat das nichts oder nur ganz wenig zu tun.
Was ich per­sön­lich auch noch grenz­wer­tig fin­de, sind die soge­nann­ten Spoo­nies“ – chro­nisch kran­ke Kin­der, Jugend­li­che und Erwach­se­ne, die über ihre Krank­hei­ten berich­ten und auf­klä­ren. Natür­lich ist das in gewis­ser Hin­sicht sinn­voll. Schlimm wird dann aber der Wett­be­werb“, wer die stär­ke­ren Sym­pto­me hat, wer schlim­mer betrof­fen ist. Auch das fin­det man auf den sozia­len Platt­for­men, die in man­cher Hin­sicht dann auch aso­zi­al wer­den können.

Ja, aber was hat nun mei­ne Abs­ti­nenz bis­lang mit mir gemacht? Die gro­ße inne­re Ruhe habe ich nicht gefun­den, wer­de ich in mei­nem Fall auch nicht. Aller­dings habe ich fest­ge­stellt, dass ich die für mich rele­van­ten Neu­ig­kei­ten immer noch mit­be­kom­me – oft sogar per­sön­lich. Und alles, was ich ver­pas­se“, ist auch nicht wich­tig. Ich hat­te bis­her kei­nen Tag Ent­zugs­er­schei­nun­gen“, viel mehr emp­fin­de ich immer noch Ekel, wenn ich an man­che Bei­trä­ge zurückdenke.

Natür­lich fra­ge ich mich manch­mal, wie es irgend­wel­chen Leu­ten geht, zu denen dadurch der Kon­takt abge­bro­chen ist oder ohne­hin per­sön­lich nie bestan­den hat – und mer­ke dann ein­mal mehr, wer und was in mei­nem Leben wirk­lich wich­tig ist: näm­lich die Leu­te, die auch dann da sind, wenn das Smart­phone aus­ge­schal­tet in der Ecke liegt.

Ich bereue die­sen Schritt nicht und habe nicht geplant, zu die­sen Netz­wer­ken zurück­zu­keh­ren, denn in der Rea­li­tät lebt es sich ein­fach bes­ser – ohne Filter.

Text: Lisa Schregle 

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