Foto: privat
Erst tief drin, dann komplett raus: Unsere freie Mitarbeiterin Lisa Schregle war über lange Zeit sehr intensiv auf den Social-Media-Plattformen Instagram, Facebook, Tiktok und Snapchat unterwegs. Dann hat sie einen radikalen Schnitt gemacht und sich überall abgemeldet. Im Bistumsblatt schildert sie ihre Erfahrungen.
Mein Name ist Lisa, ich bin 32 Jahre alt und ich habe vor längerer Zeit Social Media den Rücken gekehrt.
Mit 32 bin ich nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Eher so dieses „Dazwischen“. Und genau dieser „Generation Dazwischen“ gehöre ich auch an: Wir durften draußen sein, bis es dunkel wurde und doch hatte ich mit 17 auch mein erstes Smartphone. Wir haben damals für Klingeltöne noch Geld bezahlt und kennen und können doch Social Media.
Von einigen Leuten aus meinem Umfeld wurde ich misstrauisch beäugt, als ich sagte, dass ich „das alles“ nicht mehr will. „Das alles“ heißt Instagram, Facebook, Tiktok und Snapchat, wenn ich auch letzteres nur genutzt habe, um Fotos zu verunstalten … ääh zu verändern.
Vielleicht wurden insgeheim auch irgendwo Wetten abgeschlossen, wie lang ich es diesmal schaffe; ich habe nämlich schon mehrere Anläufe hinter mir. Der „Rekord“ lag bei drei Wochen ohne Facebook und ich fühlte mich damals, als hätte ich die Welt verpasst. Das war auch die Frage, die Leute aus meinem Umfeld am häufigsten stellten: ob ich denn keine Angst hätte, etwas zu verpassen. Ob ich das aushalten würde.
Heute – zehn Monate ohne Facebook und TikTok und sieben Monate ohne Instagram und Snapchat später – frage ich mich, wie ich es so lange auf diesen Plattformen ausgehalten habe.
Ich gestehe, ich war eine Viel-Nutzerin, die immer irgendwie dazugehören wollte. Leider habe ich mich zunehmend auch mit dem Dasein von perfekt gestylten Influencern und Influencerinnen befasst, sie beneidet um ihr „glückliches Leben“, verfolgt, wie eine steinreiche Familie eine Weltreise mit dem Schiff machte oder Geburtstagpartys für Dreijährige mit 150 Gästen veranstaltet wurden.
Teilweise habe ich mir ein, zwei Stunden am Tag Kurzvideos von mir bekannten und unbekannten Menschen reingezogen – heute weiß ich, dass es eher das Dopamin war, das mich dazu brachte, das Gerät nicht mehr aus der Hand zu legen. Vor lauter Scrollen habe ich ein Leben komplett hinten angestellt: meins.
„Ich bereue diesen Schritt nicht und habe nicht geplant, zu diesen Netzwerken zurückzukehren, denn in der Realität lebt es sich einfach besser – ohne Filter.”
Ich weiß den genauen Zeitpunkt nicht mehr, ab dem all das mich langsam regelrecht anzuwidern begann, doch dieser Ekel hält bis heute. Diese permanente Selbstdarstellung von Menschen in immer denselben Posen mit einem immer ähnlichen Gesichtsausdruck. Diese 100 Glückwünsche jedes Jahr an der Pinnwand, aber auf der Straße würden die wenigsten stehen bleiben und mehr zu einem sagen als einen kurzen Gruß. Wenn überhaupt. Falls man die Leute ohne zwanzig Filter über dem Gesicht überhaupt noch erkennen würde.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass die „sozialen“ Plattformen zum großen Teil künstlich erzeugte Orte sind, an denen Leute – meist geschützt hinter „Benutzernamen“ – nur von sich zeigen, was sie zeigen wollen. Mit Realität hat das nichts oder nur ganz wenig zu tun.
Was ich persönlich auch noch grenzwertig finde, sind die sogenannten „Spoonies“ – chronisch kranke Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die über ihre Krankheiten berichten und aufklären. Natürlich ist das in gewisser Hinsicht sinnvoll. Schlimm wird dann aber der „Wettbewerb“, wer die stärkeren Symptome hat, wer schlimmer betroffen ist. Auch das findet man auf den sozialen Plattformen, die in mancher Hinsicht dann auch asozial werden können.
Ja, aber was hat nun meine Abstinenz bislang mit mir gemacht? Die große innere Ruhe habe ich nicht gefunden, werde ich in meinem Fall auch nicht. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich die für mich relevanten Neuigkeiten immer noch mitbekomme – oft sogar persönlich. Und alles, was ich „verpasse“, ist auch nicht wichtig. Ich hatte bisher keinen Tag „Entzugserscheinungen“, viel mehr empfinde ich immer noch Ekel, wenn ich an manche Beiträge zurückdenke.
Natürlich frage ich mich manchmal, wie es irgendwelchen Leuten geht, zu denen dadurch der Kontakt abgebrochen ist oder ohnehin persönlich nie bestanden hat – und merke dann einmal mehr, wer und was in meinem Leben wirklich wichtig ist: nämlich die Leute, die auch dann da sind, wenn das Smartphone ausgeschaltet in der Ecke liegt.
Ich bereue diesen Schritt nicht und habe nicht geplant, zu diesen Netzwerken zurückzukehren, denn in der Realität lebt es sich einfach besser – ohne Filter.
Text: Lisa Schregle



