icons / 24px / close
Einstellungen erfolgreich gespeichert

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen die bestmögliche Erfahrung zu bieten. Mehr erfahren

Weite Wege wandern

Werner Friedenberger am 13.04.2021

S12 Wanderin PB info-icon-20px Fotos: Peter von Felbert
Christine Thürmer über Christine Thürmer: „Als ich 1967 in Forchheim geboren wurde, wies nichts darauf hin, dass ich einmal die meistgewanderte Frau der Welt werden würde. Ganz im Gegenteil war ich schon immer in Sport eine Niete. Und so machte ich nach dem Studium erst mal Karriere als Managerin, bevor ich 2004 nach einer unfreiwilligen Berufspause meine erste Langstreckenwanderung antrat. 2007 habe ich meinen Job endgültig an den Nagel gehängt und seitdem über 53.000 Kilometer zu Fuß, 30.000 Kilometer mit dem Rad und 6.500 Kilometer mit dem Boot zurückgelegt.“

Im Sport war sie nach eigenem Bekunden eine Niete. Jetzt ist Christine Thürmer die meistgewanderte Frau der Welt: 53.000 Kilometer zu Fuß, 30.000 Kilometer mit dem Rad, 6.500 Kilometer mit dem Boot. Was bei diesen Touren wichtig ist, erzählt die außergewöhnliche Frau im Gespräch mit dem Passauer Bistumsblatt.

53.000 Kilo­me­ter zu Fuß, 30.000 Kilo­me­ter mit dem Rad, 6500 Kilo­me­ter mit dem Kajak – mehr als zwei Erd­um­run­dun­gen. War­um machen Sie das?
Chris­ti­ne Thür­mer: Allei­ne über die­se eine Fra­ge könn­te ich ein gan­zes Buch fül­len! Und es ist auch nicht nur ein Fak­tor, son­dern vie­le Fak­to­ren. Aber um es kurz zu machen: das Out­door­le­ben ver­senkt die Glück­schwel­le! Wenn Sie sich stän­dig auf das abso­lu­te Mini­mum redu­zie­ren müs­sen, dann wird jedes klei­ne biss­chen, das über die­se Grund­be­dürf­nis­se hin­aus­geht, zum tota­len Luxus und löst unwahr­schein­li­che Glücks­ge­füh­le aus. Für Sie ist es wahr­schein­lich ganz nor­mal, in einem Bett zu schla­fen und mor­gens zu duschen. Ich hin­ge­gen lie­ge fast immer auf einer dün­nen Iso­mat­te in mei­nem Zelt und habe maxi­mal ein­mal die Woche eine Wasch­ge­le­gen­heit. Nach einer Woche wan­dern bin ich meist regel­recht paniert mit einer Schicht aus Son­nen­creme, Schweiß und Dreck. Wenn ich das dann unter der Dusche end­lich abspü­len kann, bin ich dabei so glück­lich, dass ich vor Freu­de laut sin­gen könnte!

S13 Buch PB

WEITE WEGE WANDERN. Die Bibel des Langstreckenwanderns.

Christine Thürmer gilt als die Expertin fürs Langstreckenwandern und hat Antworten auf alle Fragen rund ums Weitwandern: Warum bereite ich mich besser am Computer als im Fitnessstudio auf eine Tour vor? Wieso sollte ich keine Unterhose, aber einen Müllsack mitnehmen? Und was an…

Das Buch im Onlineshop des Domladens kaufen

Woher kommt Ihre Ener­gie, wo laden Sie Ihre Bat­te­rien fürs Unter­wegs­sein auf?
Chris­ti­ne Thür­mer: Das Lang­stre­cken­wan­dern zehrt mich ja nicht aus, son­dern gibt mir ganz im Gegen­teil genau die­se Energie! 

Sie haben Ihren Beruf auf­ge­ge­ben, um nur“ noch zu wan­dern? Was haben Sie sich dafür ein­ge­tauscht“?
Chris­ti­ne Thür­mer: Den letz­ten Anstoß zum Leben als Weit­wan­de­rin hat die Erkran­kung und der Tod eines nahen Bekann­ten gege­ben. Durch sein tra­gi­sches Schick­sal wur­de mir klar: die wich­tigs­te Res­sour­ce im Leben ist nicht Geld, son­dern Lebens­zeit. Denn im Gegen­satz zu Geld ist Lebens­zeit weder plan­bar noch ver­mehr­bar. Wenn ich etwas wirk­lich machen will, dann muss ich es jetzt tun, denn nichts und nie­mand kann mir garan­tie­ren, dass ich in ein paar Jah­ren oder womög­lich bei Ren­ten­be­ginn noch dazu in der Lage sein wer­de. Kurz­um habe ich also Zeit gegen Geld getauscht.

Wenn Sie wan­dern, sind Sie Tag und Nacht in Got­tes frei­er Natur unter­wegs. Wel­chen Moment genie­ßen Sie am meis­ten?
Chris­ti­ne Thür­mer: Der schöns­te Moment des Tages ist meist abends, wenn ich mich nach dem Essen auf mei­ner Iso­mat­te zum Schla­fen aus­stre­cke und den Tag noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­se. Dabei bin ich meist so dank­bar über die vie­len wun­der­ba­ren Erleb­nis­se, dass ich vor lau­ter Glück laut Dan­ke! Dan­ke! Dan­ke!“ schrei­en könnte.

Unter 1000 Kilo­me­ter mache ich nix“, sagen Sie. Was muss bei sol­chen Unter­neh­mun­gen fit­ter sein, der Kopf oder der Kör­per? Chris­ti­ne Thür­mer: Ob man eine sol­che Wan­de­rung schafft, ent­schei­det sich zu 80 % im Kopf und nur zu 20 % in den Füßen. Fit wird man beim Wan­dern auto­ma­tisch, aber die rich­ti­ge Ein­stel­lung soll­te man schon von vorn­her­ein mitbringen.”

Christine Thürmer

Mit einem schö­nen Urlaub haben sol­che Mara­thon-Tou­ren wohl wenig zu tun. Es ist ein Leben im Dreck. Man kocht im Dreck, man isst im Dreck und man schläft im Dreck“, so heißt es bei­spiels­wei­se in ihrem aktu­el­len Buch Wei­te Wege wan­dern“. Da räu­men Sie aber mit dem Mythos vom roman­ti­schen Out­door-Leben gehö­rig auf, oder…?
Chris­ti­ne Thür­mer: Ja, und das ist auch mei­ne Absicht! Denn die meis­ten Men­schen bre­chen Wan­de­run­gen ab, weil ihre (fal­schen) Erwar­tun­gen nicht erfüllt wur­den. Ich möch­te ein rea­lis­ti­sches Bild vom Out­door­le­ben zeich­nen, um sol­che Ent­täu­schun­gen zu vermeiden.

Was gehört in den Ruck­sack, was soll­te zuhau­se blei­ben?
Chris­ti­ne Thür­mer:
Der ent­schei­den­de Fak­tor für den Erfolg an der Lang­stre­cken­wan­de­rung ist ein mög­lichst nied­ri­ges Ruck­sack­ge­wicht! Der gesam­te Ruck­sack (aus­ge­nom­men Was­ser und Pro­vi­ant) soll­te maxi­mal 5 kg wie­gen. Ein so nied­ri­ges Gewicht schafft man nur, wenn man gna­den­los redu­ziert. Aus Gewichts­grün­den tren­ne ich sogar die Eti­ket­ten aus der Klei­dung und säge mei­ne Zahn­bürs­te ab.

Noch ein paar prak­ti­sche Tipps: Wie schaut’s denn mit der Ver­pfle­gung aus, wenn Sie auf Tour sind?

Chris­ti­ne Thür­mer:
Auch in die­sem Punkt gibt es lei­der vie­le fal­sche Vor­stel­lun­gen: Spe­zi­el­le gefrier­ge­trock­ne­te Trek­king­nah­rung oder Ener­gie­rie­gel wie in der Wer­bung esse ich eigent­lich nie. Das wäre auf Dau­er ers­tens viel zu teu­er und zwei­tens gibt es so etwas unter­wegs ein­fach nicht zu kau­fen. Ich muss das essen, was es in den Super­märk­ten und Tan­te-Emma-Läden am Weg gibt. Manch­mal muss ich sogar in Tank­stel­len ein­kau­fen, weil es sonst kei­ne ande­ren Läden gibt. Und so ernäh­re ich mich haupt­säch­lich von Müs­li, sehr viel Scho­ko­la­de und Tüten­ge­rich­ten.

Und was jeder Wan­de­rer wis­sen will: Was machen Sie, um an den Füßen kei­ne Bla­sen zu bekom­men?

Chris­ti­ne Thür­mer: Ganz ein­fach: Ich lau­fe nie (!) in Wan­der­stie­feln, son­dern immer in leich­ten Trailrun­ning-Schu­hen. In einem robus­ten Wan­der­stie­fel wird der Fuß wie in einem Kor­sett gezwun­gen, bei jedem Schritt ein und die­sel­be Bewe­gung zu machen. Dadurch ermü­det er nicht nur schnel­ler, son­dern bekommt durch die Belas­tung der immer glei­chen Stel­len auch schnell Bla­sen. In Trailrun­ningschu­hen pas­siert das nicht, denn die haben eine fle­xi­ble Soh­le.

Wel­chen Luxus gön­nen Sie sich auf Wan­de­run­gen?
Chris­ti­ne Thür­mer:
Mein Smart­pho­ne! Beim Wan­dern tele­fo­nie­re ich häu­fig mit Freun­den oder höre stun­den­lang Pod­casts und Hörbücher.

S13 Ausruestung PB info-icon-20px Fotos: Peter von Felbert
Überzeugte Ultraleichtwanderin: Für Christine Thürmer wird jedes Gramm Gepäck wichtig, wenn man es jeden Tag monatelang auf dem Rücken schleppen muss. Deswegen wiegt sie alles, was sie auf eine Tour mitnehmen will, genau ab, schneidet Etiketten aus der Kleidung und sägt die Zahnbürste ab.

Wel­chen Platz hat Gott dabei, wenn Sie zwi­schen Him­mel und Erde unter­wegs sind?
Chris­ti­ne Thür­mer: Das Wan­dern hat mich zu einem unwahr­schein­lich glück­li­chen und dank­ba­ren Men­schen gemacht. Und daher dan­ke ich Gott jeden ein­zel­nen Tag für die­ses wun­der­ba­re Leben.

… man­che Men­schen wür­den sich nicht so unbe­küm­mert wie Sie auf den Weg machen. Allei­ne in der Natur  zu über­nach­ten erfor­dert unter ande­rem Mut. Wie erlangt man ihn am bes­ten?
Chris­ti­ne Thür­mer: Durch Erfah­rung und logi­sches Nach­den­ken! In Euro­pa gibt es kei­ne wil­den Tie­re, die einem Wan­de­rer beim Zel­ten gefähr­lich wer­den könn­ten. Und die

Gefahr, einem Gewalt­ver­bre­chen zum Opfer zu fal­len, ist in jeder Groß­stadt höher als nachts im Wald. Ers­tens weiß ja nie­mand, dass und wo ich im Wald ver­steckt zel­te und zwei­tens wür­de sich wohl nie­mand bei Wind und Wet­ter nachts zwi­schen den Bäu­men ver­ste­cken und war­ten, bis end­lich ein poten­zi­el­les Opfer vor­bei­ge­wan­dert kommt.

Neh­men Sie von Ihren Wan­de­run­gen Sou­ve­nirs mit?

Chris­ti­ne Thür­mer:
Nein, die wären viel zu schwer und ich bin ja ultra­leicht unterwegs. 

Wer sich unter­wegs erst selbst fin­den will, hat schon ver­lo­ren!“ Die­ser Satz stammt von Ihnen. Wie mei­nen Sie das? Chris­ti­ne Thür­mer: Vie­le Men­schen glau­ben, dass man sich nur in die Natur bege­ben müs­se und dann fällt die Erleuch­tung wie Man­na vom Him­mel. Letzt­end­lich ist das aber wie­der nur eine Kon­sum­hal­tung, die so nicht funk­tio­niert und nur zur Ent­täu­schung führt. Lang­stre­cken­wan­dern ist kör­per­lich und geis­tig for­dernd. Wer durch eine per­sön­li­che Kri­se bereits vor­be­las­tet ist, wird durch die­se zusätz­li­che Anstren­gung leicht scheitern.”

Christine Thürmer
Friedenberger_Werner

Werner Friedenberger

stellv. Chefredakteur

PS: Chris­ti­ne Thür­mer ist zur Zeit unter­wegs. Des­halb hat sie das Pas­sau­er Bis­tums­blatt fürs Inter­view auf ihrer aktu­el­len Wan­de­rung von Polen nach Finn­land erreicht. Die Weg­stre­cke: 3500 Kilometer.