Glaube und Tradition

„Holder Knabe im lockigen Haar“

Redaktion am 18.12.2023

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Fatschenkindl und Gnadenkindl: Jesuskind, in alten Fatschen gefatscht, um 1800, Schrein: 48x37x27 cm.

Fatschenkindl und Gnadenkindl: Die Verehrung des Christkinds in der Volksfrömmigkeit

Schma­le gol­de­ne oder sil­ber­ne Strei­fen aus dünns­tem Papier auf­ge­rollt und zu Blü­ten und Blät­tern gewi­ckelt, win­zi­ge Per­len und klei­ne bun­te Halb­edel­stei­ne auf­ge­fä­delt auf fei­nem Sil­ber- und Gold­draht, glit­zern­de Lit­zen, sei­de­ne Bor­dü­ren, kunst­voll gehä­kel­te fei­ne Bor­ten, bunt leuch­ten­des Sei­den­pa­pier, bestick­te Stof­fe, Pail­let­ten, win­zi­ge Spie­gel und herr­li­cher Samt – die fili­gra­nen Klos­ter­ar­bei­ten, mit denen Non­nen ursprüng­lich Reli­qui­en gefasst und seit der Barock­zeit die Altä­re in unge­heiz­ten Kir­chen mit einer Blü­ten­pracht aus Metall, Glas und Stoff zum Strah­len gebracht hat­ten, bezau­bern und fas­zi­nie­ren noch heu­te. Vie­le der Tech­ni­ken sind längst ver­ges­sen und zahl­rei­che Klös­ter, die berühmt waren für ihre prä­zi­se und sorg­fäl­ti­ge Aus­füh­rung und ihren legen­dä­ren Sinn für Geschmack und Stil, exis­tie­ren nicht mehr.

Die Fran­zis­ka­ne­rin­nen des Klos­ters Reut­berg in Sach­sen­kam – es liegt in der Nähe von Bad Tölz – gehör­ten zu den bekann­tes­ten Pro­du­zen­tin­nen von Klos­ter­wa­ren weit über Bay­ern hin­aus. Beson­ders berühmt waren sie nicht nur für die Her­stel­lung ihrer kost­ba­ren Fat­schen- und Gna­den­kindl, die man am typi­schen Reut­ber­ger Kopf“ erken­nen konn­te, son­dern auch für ihre über­aus rei­che Samm­lung an Kunst­schät­zen reli­giö­ser Volks­kunst. Das Klos­ter war von der Säku­la­ri­sa­ti­on ver­schont geblie­ben, Ordens­frau­en auf­ge­lös­ter Klös­ter such­ten dort Unter­schlupf und brach­ten ihre See­len­kin­der oder Trös­ter­lein“ mit nach Reut­berg. Es war seit vie­len Jahr­hun­der­ten Brauch der Ange­hö­ri­gen den Novi­zin­nen bei der Ein­klei­dung oder Pro­fess Figu­ren des Jesus­kin­des aus Holz, Wachs oder Elfen­bein zu schen­ken. Es war ihr ein­zi­ger per­sön­li­cher Besitz, der ihnen den schmerz­li­chen Ver­lust einer eige­nen Mut­ter­schaft täg­lich bewusst­wer­den lie­ßen; ent­spre­chend präch­tig ver­zier­ten sie das Gewand die­ser Ersatz­kin­der“ mit Klos­ter­ar­bei­ten. Um es zu schüt­zen, leg­te oder stell­te man es in ein kost­ba­res Käst­chen aus Holz oder Glas. Auf die­se Wei­se haben sich zwei Dar­stel­lun­gen des Jesus­kin­des ent­wi­ckelt: das in der Krip­pe lie­gen­de Wickel­kind, mit brei­ten Sei­den­bän­dern gefatscht – und der seg­nen­de Jesus in Gestalt eines ste­hen­den Kleinkinds.

Maria gebar ihren ers­ten Sohn und wickel­te ihn in Win­deln und leg­te ihn in eine Krip­pe“, heißt es im Lukas-Evan­ge­li­um. Seit dem 3. Jahr­hun­dert wird das Jesus­kind als in Win­deln gewi­ckelt dar­ge­stellt, einer seit der Anti­ke übli­chen Art der Kin­der­pfle­ge neu­ge­bo­re­ner Säug­lin­ge. Das Baye­ri­sche ver­wen­det für das Wickel­band das latei­ni­sche Lehn­wort fascia“ und mach­te dar­aus Fat­sche. Das Fat­schen­kind ist also im wört­li­chen Sin­ne ein Wickel­kind, ein Baby in Win­deln, das von Ita­li­en her beson­ders im Alpen­raum zum Mit­tel­punkt beson­de­rer weih­nacht­li­cher Volks­fröm­mig­keit wurde.

Berich­tet wird, dass es bereits im Mit­tel­al­ter den Brauch des Kin­del­wie­gens in den Kir­chen an Weih­nach­ten gab; dabei wur­de für das Christ­kind von Kin­dern gesun­gen und getanzt. Ein­fa­che Andachts­bil­der, mit dem gefatsch­ten Jesus aus Wachs geformt oder mit bemal­tem Holz, sind eben­falls bereits für die­se Zeit datiert – wie übri­gens auch Gebild­bro­te. Wei­te Ver­brei­tung fan­den auch Fat­schen­kin­der, gegos­sen aus Eisen, Zinn- oder Sil­ber­blech, die als Votiv­ga­ben bei uner­füll­tem Kin­der­wunsch, Angst vor schwe­rer Nie­der­kunft oder aus Sor­ge um ein kran­kes Klein­kind bei dafür bekann­ten Wall­fahrts­or­ten dar­ge­bracht wur­den. Erst im Barock ent­wi­ckel­te sich die Ver­eh­rung des Fat­schen­kindl in all sei­ner Pracht und Lieb­lich­keit, die uns ver­zückt stau­nen lässt. Beson­ders im Ober­land, wohl unter dem nahen Ein­fluss der ein­zig­ar­ti­gen Reut­ber­ger Klos­ter­ar­bei­ten, kann man in den Weih­nachts­ta­gen die schö­nen Kindln“ bewundern.

Es ist zucker­süß und zau­ber­haft anzu­schau­en, das Fat­schen­kind in sei­nem Glas­käst­chen mit dem geschnitz­ten baro­cken Gold­rah­men (Bild oben), auf dem roten Samt­pols­ter, in Win­deln aus wei­ßer und gol­de­ner Spit­ze gewi­ckelt, mit kost­ba­ren Posa­men­ten und einem klei­nen koral­len­far­bi­gen Per­len­herz ver­ziert, mit sei­nem Wachs­köpf­chen, den Paus­bäck­chen und dem locki­gen Haar. Klei­ne Engel schwe­ben an der Rück­wand sei­nes Glas­stur­zes. Es gehört zu einer ein­zig­ar­ti­gen Samm­lung von Jesus­kin­dern, Fat­schen- und Votiv­kindln der Pfar­rei St. Bene­dikt im ober­baye­ri­schen Bene­dikt­beu­ern. Gott­lob hat das Kind­lein das schlim­me Hagel­un­wet­ter, dass die Gemein­de im Töl­zer Land Ende August ver­wüs­tet hat­te, unbe­scha­det überstanden.

2023 12 18 pb alb fatschnkindl2 Foto: Pfarrei St. Benedikt, Benediktbeuern-Bichl
Salzburger Jesulein, holzgeschnitzt, vergoldet, alt gekleidet, Wachsköpfchen, grüner Steinschmuck und Blätter, Hochrokoko, 34,5 cm hoch (Loreto-Kind).

Die ältes­ten Kin­der­dar­stel­lun­gen stam­men aus dem Barock und gehör­ten einst­mals der ehe­ma­li­gen Bene­dik­ti­ner­ab­tei, ande­re gelang­ten durch Stif­tun­gen in den Kir­chen­schatz, die jün­ge­ren Figu­ren wer­den dem 19. Jahr­hun­dert zuge­rech­net“, berich­tet Chris­ti­an Höck. Als Basi­li­ka-Mes­ner hütet er die präch­ti­gen Klos­ter­ar­bei­ten für sei­nen Pfarr­ver­band, zu denen zwölf Fat­schen­kindl in Glas­käst­chen und drei soge­nann­te Gna­den­kin­der gehö­ren, wie die ste­hen­den und seg­nen­den Jesus­kin­der in der reli­giö­sen Volks­kunst genannt wer­den. Nur mehr ein­mal im Jahr ver­las­sen die klei­nen Kost­bar­kei­ten für weni­ge Stun­den ihren siche­ren Auf­be­wah­rungs­ort in der Sakris­tei. Der Ein­fach­heit hal­ber stel­len wir für die Dau­er der Christ­mes­se nur die Jesus­kin­der auf. Sie ste­hen dann auf den Sei­ten­al­tä­ren der Kir­che“, sagt Höck.

In Nie­der­bay­ern trifft man viel­fach Fat­schen­kindl an, die auf dem Kreuz schla­fen, ver­son­nen lächelnd, nur mit einem Len­den­tuch bedeckt. Das Kreuz liegt dabei auf reich ver­zier­tem und üppig gepols­ter­tem Samt: Hier lieg ich als Kind, bis ich als Rich­ter komm und straf die Sünd“. Eben­falls ganz beson­ders ist auch das Reut­ber­ger Kindl selbst, es stammt ursprüng­lich aus Beth­le­hem und wur­de in der Weih­nachts­zeit sei­nes Bro­kats ent­klei­det und nackt auf Stroh in die Krip­pe gebettet.

Das bekann­tes­te und am meis­ten kopier­te Fat­schen­kindl über­haupt – Repli­ken sind in vie­len Kir­chen und Klös­tern über­all im Alpen­raum zu fin­den – dürf­te das soge­nann­te Augus­ti­ner­kindl der Maria­ni­schen Kon­gre­ga­ti­on in der Münch­ner Bür­ger­saal­kir­che sein. In der Weih­nachts­zeit ver­lässt es sei­nen musea­len Schutz und wird in der Obe­ren Kir­che zur Ver­eh­rung auf­ge­stellt – bis zu Mariä Licht­mess, und das seit 1817/18. Es liegt auf einem gut gepols­ter­ten Prunk­bett­chen und wen­det sei­nen Blick direkt dem Betrach­ten­den zu. Man erzählt sich, dass es ein­mal nach einem Sturz aus­ein­an­der­ge­bro­chen sei und sich selbst wie­der zusam­men­ge­setzt habe. Das brach­te ihm den Ruf eines Gna­den­kindls ein, dem die Münch­ner teu­re Klein­ode und Geschmei­de stifteten.

Ganz in der Nähe, eigent­lich fast in der Nach­bar­schaft, wird seit eini­gen Jah­ren wie­der ein zwei­tes legen­dä­res Gna­den­kindl beher­bergt: das Semi­na­rikindl aus der ehe­ma­li­gen St.-Gregor-Kirche, dem heu­ti­gen Alber­ti­num. Es galt mehr als 200 Jah­re als ver­schol­len und zeigt das Jesus­kind zwi­schen Rosen sit­zend mit dem durch­sto­ße­nem Herz Jesu.

2023 12 18 pb alb fatschnkindl3 Foto: Pfarrei St. Benedikt, Benediktbeuern-Bichl
Fatschenkindl und Gnadenkindl: Verschmitzt. Christkind, stehend, Wachs, neu bekleidet, Sockel Empire, Metall Gold, Silber?, 52 cm hoch.

Zu den Schät­zen des Bene­dikt­beu­rer Pfarr­ver­bands gehört auch eine ori­gi­nal­ge­treue Kopie des gna­den­rei­chen Salz­bur­ger Lore­to­kind­leins“, einer klei­nen, zehn Zen­ti­me­ter hohen, zier­li­chen ste­hen­den Elfen­bein­fi­gur, kost­bar geklei­det in einem mit Per­len und Edel­stei­nen ver­zier­ten Röck­chen. Auch die­ses Jesus­kind soll der Legen­de nach nicht nur zer­bro­chen sein und sich selbst wie­der zusam­men­ge­setzt haben, es soll sich sogar selbst auf den Weg machen kön­nen. Das Hoch­fest sei­ner Ver­eh­rung ist der 3. Janu­ar, der Tag des Fes­tes des aller­hei­ligs­ten Namens Jesu. Seit 1650 ist es, ver­mut­lich aus dem Elsaß stam­mend, in Salz­burg im Klos­ter St. Maria Lore­to beheimatet.

Seit 1731 hat das Gna­den­kindl einen eige­nen Altar, es besitzt auch eine eige­ne Schmuck­scha­tul­le. Zu bestimm­ten Zei­ten ist das Gna­den­bild zur Ver­eh­rung aus­ge­stellt. Auf Wunsch wird das Lore­to-Kindl“ von der dienst­ha­ben­den Pfor­ten­schwes­ter der Kapu­zi­ne­rin­nen dem Ansu­chen­den auf­ge­setzt. Er kniet vor dem Pfor­ten­git­ter, da die Ordens­frau­en in stren­ger Klau­sur leben und hört den Segens­spruch, in dem es unter ande­rem heißt: Mit dei­nem gött­li­chen Kind­lein seg­ne uns, O du aller­reins­te Jung­frau und Mut­ter Maria!“

Die Wun­der­tä­tig­keit des Lore­to­kindl ist seit Jahr­hun­der­ten bis in die Gegen­wart belegt. Das Salz­bur­ger Gna­den­kindl gehört heu­te neben dem legen­dä­ren San­to Bam­bi­no“ in der römi­schen Kir­che S. Maria d‘Aracoeli und dem Pra­ger Jesu­lein, das in der Kar­me­li­ten­kir­che San­ta Maria de Vic­to­ria ver­ehrt wird, zu den bekann­tes­ten Gna­den­kin­dern. Das sind auf­recht­ste­hen­de, seg­nen­de Jesus­kin­der, gekrönt und mit Szep­ter und Kreuz, in lan­gen kost­ba­ren, vom Hoch­adel gestif­te­ten Prunk­ge­wän­dern, die den lit­ur­gi­schen Anläs­sen ent­spre­chend gewech­selt wer­den. Ihre Wirk­macht ent­fal­te­ten sie bei der Bevöl­ke­rung über eine gro­ße Viel­falt von bil­lig zu erwer­ben­den und mas­sen­haft pro­du­zier­ten Devo­tio­na­li­en, vom Andachts­zet­tel, dem Obla­ten- und Schluck­bild­chen bis hin zur Gipsfigur.

See­len­fürst, himm­li­sches Trös­ter­lein, gött­li­cher Prinz – die auf­recht­ste­hen­den paus­bä­cki­gen, oft ver­schmitzt drein­bli­cken­den Jesus­kin­der in ihren präch­tig blit­zen­den Prunkröck­chen tru­gen vie­le Namen. Die Wall­fahr­ten zu ihnen sind meist ver­ges­sen oder erlo­schen, über 50 soll es davon in Alt­bay­ern, Öster­reich, Ita­li­en und Spa­ni­en gege­ben haben, so auch in Schild­thurn im Rot­tal und im ober­baye­ri­schen Mör­moo­sen in der Nähe von Altötting.

Nicht weit davon, in Klos­ter Alten­ho­hen­au süd­lich von Was­ser­burg am Inn, wird bis heu­te ein ganz beson­de­res Gna­den­kindl ver­ehrt: das soge­nann­te Colum­ba-Kindl. Es ist eines von meh­re­ren Christ­kindl­fi­gu­ren, die das Domi­ni­ka­ne­rin­nen­klos­ter besaß, dar­un­ter auch ein neun Zen­ti­me­ter klei­nes Holz­fi­gür­chen mit beweg­li­chen Ärm­chen, das wie das Lore­to-Kindl aus dem Nahen Osten stamm­te. Das bekann­te­re Colum­ba-Kindl trägt sei­nen Namen nach den der Mys­ti­ke­rin Colum­ba Weigl, die dort im 18. Jahr­hun­dert als Non­ne gelebt und sich ganz der Ver­eh­rung der 50 Zen­ti­me­ter hohen Holz­fi­gur ver­schrie­ben hat­te. Sie wur­de Mit­te des 15. Jahr­hun­derts vom Meis­ter von See­on geschnitzt. In der lin­ken Hand hält das Jesus­kind blaue Wein­trau­ben, mit der rech­ten bie­tet es eine der Wein­bee­ren an. Für die­ses Kindl sind bis heu­te pracht­vol­le Gna­den­röckl und sei­de­ne Schüh­chen erhalten.

Dem Lieb­reiz der Fat­schen- und Gna­den­kindl kann sich kei­ner ent­zie­hen, der ihnen ins Ant­litz geblickt hat. Umso wich­ti­ger ist es, sie zu erhalten.

Text: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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