Atmen und dankbar sein

Redaktion am 08.07.2024

2024 07 08 pb alb alter Foto: Wolfgang Krinninger

Es ist eine Binsenweisheit: Alt werden wollen alle, alt sein will niemand. Dabei kommt keiner daran vorbei. Und das ist kein Grund zum Trübsal blasen, denn auch das Leben im Alter hat seine schönen Seiten, meint unser Autor im Editorial der aktuellen Ausgabe (29-2024).

In den kom­men­den Jah­ren wird das Alt-Wer­den in Deutsch­land gar zu einem Mas­sen­phä­no­men: 24 Mil­lio­nen Baby­boo­mer schlit­tern in die soge­nann­te drit­te Lebens­pha­se, wie die Zeit­span­ne ab dem 55. Lebens­jahr genannt wird. Die­se demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung stellt unse­re Gesell­schaft vor neue, gewal­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen. Ob Gesund­heits­ver­sor­gung, Woh­nungs­bau oder Pfle­ge – die gesam­te sozia­le Infra­struk­tur muss auf die vie­len neu­en Alten aus­ge­rich­tet wer­den. Und das bit­te­schön so, dass der jun­gen Gene­ra­ti­on noch Luft zum Atmen bleibt.

Frei­lich darf man auch nicht über­se­hen: Die Senio­ren von heu­te sind anders als die Alten von ges­tern. Ich erin­ne­re mich noch gut an mei­ne Groß­el­tern: Sie saßen in den 70er- und 80er-Jah­ren oft stun­den­lang am Fens­ter, schau­ten hin­aus und war­te­ten. Wor­auf? Ich weiß es nicht. Auf irgend­ein Ereig­nis, auf ein Zei­chen, auf den Tod?

50 Jah­re spä­ter hat sich viel geän­dert. Die Lebens­er­war­tung ist mit etwa 83 Jah­ren bei Frau­en und 79 Jah­ren bei Män­nern gestie­gen. For­scher haben zudem her­aus­ge­fun­den, dass sich die Leu­te im Schnitt auch noch 10 bis 15 Jah­re jün­ger füh­len, als sie sind, beson­ders jen­seits der 60 Jah­re. Und der Groß­teil der Frau­en und Män­ner will die­se ver­blei­ben­de Lebens­span­ne auch ent­spre­chend nut­zen. Es geht in die­ser Pha­se nicht mehr um Macht, Erfolg und Ein­fluss (US-Prä­si­den­ten aus­ge­nom­men). Doch es geht sehr wohl dar­um, aktiv und pro­duk­tiv zu blei­ben – eine Chan­ce, die es zu nut­zen gilt.

Für alle, die den­noch mit ein wenig Bam­mel dem Herbst des Lebens ent­ge­gen­bli­cken, hat Anselm Grün eine knap­pe Hand­lungs­an­wei­sung for­mu­liert: anneh­men und los­las­sen! Will hei­ßen: bewusst altern, die eige­ne End­lich­keit akzep­tie­ren und die Vor­tei­le die­ser Lebens­pha­se aus­schöp­fen. Viel­leicht bleibt in die­sem Lebens­ab­schnitt end­lich Zeit für all das, was in der Hek­tik zwi­schen 25 und 55 auf der Stre­cke blieb: für Spi­ri­tua­li­tät, für das Aus­le­ben von Träu­men, für das Ler­nen einer Spra­che, für ein sinn­vol­les Ehren­amt, für die Wei­ter­ga­be all der kri­sen­er­prob­ten Erfah­run­gen, die sich im Lau­fe der Jahr­zehn­te ange­sam­melt haben.

Elke Hei­den­reich (81) schreibt in ihrem neu­en Buch Altern“, dass die Ver­gan­gen­heit schön sei, gera­de wenn man alt ist. Doch wich­tig sei es vor allem, die Gegen­wart mit Sinn aus­zu­fül­len: Und das ist nicht war­ten auf den Tod und in einer Ecke sit­zen und die Kat­ze strei­cheln.“ Die Autorin hat fest­ge­stellt, dass in ihrem Alter das meis­te völ­lig unwich­tig gewor­den sei. Ihre Devi­se: Man soll­te ein­fach atmen und dank­bar sein.“

Wolfgang krinninger

Wolfgang Krinninger

Chefredakteur

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