Glaube und Tradition

Zwischen Himmelfahrt und Höllensturz

Redaktion am 29.04.2024

2024 04 27 pb alb christi himmelfahrt1 Foto: Roswitha Dorfner
Christi Himmelfahrts-Darstellung in der Kirche St. Jakob in Straubing.

An Christi Himmelfahrt feiert die Kirche die Rückkehr des Gottessohnes zu seinem Vater im Himmel. Rund um das katholische Hochfest 40 Tage nach Ostern hat sich allerlei Brauchtum und Aberglaube ausgebildet – manches ist bis heute erhalten geblieben.

Not­ärz­te und Poli­zei wis­sen, was sie zu erwar­ten haben, am Vater­tag, ist er doch der trau­ri­ge Höhe­punkt alko­hol­be­ding­ter Ver­kehrs­un­fäl­le im Jah­res­lauf. In der Früh zieht das angeb­lich so star­ke Geschlecht schon los, mit Lei­ter­wa­gen, auf Fahr­rä­dern oder zu Fuß, ger­ne im leich­ten Bier­ge­wand“ wie man iro­nisch die Kom­bi­na­ti­on aus Leder­ho­se und T‑Shirt neu­er­dings modisch kor­rekt bezeich­net. Natür­lich darf die ent­spre­chen­de Bevor­ra­tung an küh­len Hop­fen­ge­trän­ken auf die­ser Par­tie nicht feh­len. Es geht tra­di­tio­nell raus ins Grü­ne. Ziel ist aber meist nur ein nahe­ge­le­ge­ner Bier­gar­ten oder Grill­platz, man mei­det heu­te alle Anstren­gung, denn ordent­li­cher Trunk ist das Tages­mot­to. Wer annimmt, dass die­se Her­ren­par­tien oder Schink­entou­ren Macho­ge­ha­be oder gar rei­ne Aus­wüch­se eines säku­la­ren Umgangs mit dem Hoch­fest Chris­ti Him­mel­fahrt sein könn­ten, soll­te ein­mal einen Blick in die Ver­gan­gen­heit und auf das über­lie­fer­te Brauch­tum zum Auf­fahrts­tag des Herrn wagen. 

Unse­re Vor­fah­ren im Grenz­ge­biet zwi­schen Räti­en und Nori­cum, den bei­den römi­schen Pro­vin­zen, die Alt­bay­ern wohl am bes­ten geo­gra­phisch beschrei­ben, ver­an­stal­te­ten in den letz­ten Früh­lings­ta­gen fest­li­che Flur­um­gän­ge und ‑umrit­te. Sie baten, je nach Nei­gung und Her­kunft, den ger­ma­ni­schen Gott Thor, Herr über Blitz und Don­ner, um eine gute Ern­te oder die römi­sche Göt­tin Ceres dar­um, Scha­den von Feld und Flur abzu­weh­ren. Mit fei­er­li­chen Dank- und Bitt­op­fern, beglei­tet von Umtrunk, Musik und Tanz, ver­such­te man, sich der über­na­tür­li­chen Für­spra­che zu ver­si­chern. Die­se Bitt­gän­ge wur­den erst um 800 von Papst Leo III. end­gül­tig in die römi­sche Lit­ur­gie über­nom­men. Einer sei­ner Vor­gän­ger, Papst Gre­gor der Gro­ße, hat­te früh ihre spi­ri­tu­el­le Bedeu­tung für das Chris­ten­tum erkannt und sie noch zere­mo­ni­ell durch das Absin­gen der Aller­hei­li­gen­li­ta­nei aus­ge­baut. Viel­fach wird auch die Mei­nung ver­tre­ten, dass die­se Umzü­ge den Gang der elf Jün­ger zum Ölberg zum Zweck ihrer Aus­sendung nach­ahm­ten. Die Lit­ur­gie­re­form des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils schaff­te die Bitt­pro­zes­sio­nen 1969 ab. Klei­ne Bitt­gän­ge zu Kapel­len der himm­li­schen Wet­ter­her­ren wie der Som­mer-Hansl“ (Johan­nes der Täu­fer, 24. Juni) oder Petrus und Pau­lus (29. Juni) auch genannt wer­den, fin­den aber auf dem Land immer noch statt. 

Über­lie­fert ist, dass nach ger­ma­ni­schem Rechts­emp­fin­den in den Früh­lings­ta­gen jeder Eigen­tü­mer sei­nen Grund­be­sitz umschrei­ten muss­te, um sei­ne Besitz­rech­te zu wah­ren – noch bis zur Lit­ur­gie­re­form und auch dar­über hin­aus steck­ten vie­ler­orts die Bau­ern am Chris­ti Him­mel­fahrts­tag vier klei­ne Holz­kreu­ze an die Ecken ihrer Äcker und Fel­der. Sie soll­ten vor Hagel­schlag und wet­ter­be­ding­ten Ern­te­aus­fäl­len schüt­zen. Dass der Him­mel­fahrts­tag lan­ge im Aber­glau­ben eine beson­de­re Bezie­hung zu Blitz und Don­ner hat­te, davon erzäh­len alte Arbeits­ver­bo­te aus dem bäu­er­li­chen All­tag. So war Näh- und Flick­ar­beit streng unter­sagt, schütz­te man sich doch so vor Gewit­tern. Die Jagd war ver­bo­ten, das Tier im Stall muss­te geschont und sorg­sam behan­delt wer­den, selbst das Blu­men­pflü­cken war unter­sagt, denn davon bekä­me man böse Hän­de. Auch das Bin­den der Mai­bu­s­chen aus den Auf­fahrts­kräut­lein“, die vor Mäu­se­fraß schüt­zen und bei Krank­heit im Stall zum Aus­räu­chern ver­wen­det wur­den, das früh­mor­gend­li­che Sam­meln von Mai­tau – er galt ver­mischt mit Wein als Medi­ka­ment gegen den Schlag­fluss“ (Schlag­an­fall) – sowie das Auf­hän­gen klei­ner Sträu­ße aus Kat­zen­pföt­chen in Haus und Stall las­sen sich nur im Zusam­men­hang mit Vege­ta­ti­ons­ri­tua­len zum Donars­tag“ verstehen.

2024 04 27 pb alb christi himmelfahrt suppenbrunzer Foto: KNA
Heilig-Geist-Taube: An Christi Himmelfahrt und Pfingsten über dem Esstisch hängend sollte die Glaskugel der Familie den Segen des Heiligen Geistes bringen. Kondensierender Wasserdampf führte zum eher derben Spitznamen „Suppenbrunzer“.

Dass zu die­sen auch das Sam­meln und Ver­ab­rei­chen angeb­lich aphro­di­sie­ren­der Pflan­zen wie Bal­dri­an, Biber­nel­le, Lieb­stö­ckel und des gif­ti­gen Aron­stabs gehört, kann man ver­ein­zelt noch lesen. Das passt zu Beschrei­bun­gen aus dem frü­hen Mit­tel­al­ter, als die Kir­che erst­mals gegen die exzes­si­ve feucht­fröh­li­che Fei­er­lau­ne am Chris­ti Him­mel­fahrts­tag ein­schritt; auch das üppi­ge Schmü­cken der Kir­chen und Kapel­len mit roten Blu­men – Rot galt als die Far­be Thors – hat­te von da an zu unter­blei­ben. Erhal­ten hat sich aus vor­christ­li­cher Zeit, dass man an Chris­ti Him­mel­fahrt ger­ne den Tag im Frei­en, im Wald, im Gar­ten und auf den Ber­gen ver­bringt – heu­te sind es Pfarr­fes­te, Feld- und Berg­got­tes­diens­te, die Jesu Ein­tritt in die end­gül­ti­ge Herr­lich­keit Got­tes, sei­ne Anwe­sen­heit und Macht herausstellen.

Bis 370 war Chris­ti Him­mel­fahrt untrenn­bar mit dem Pfingst­fest ver­bun­den gewe­sen. Seit­her ist das Hoch­fest ein eige­ner Fei­er­tag, der 39 Tage nach dem Oster­sonn­tag began­gen wird – am Don­ners­tag nach dem fünf­ten Sonn­tag nach Ostern und zehn Tage vor Pfings­ten, wenn der Oster­fest­kreis endet. Erhal­ten haben sich gera­de in Süd­bay­ern bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein zwei Bräu­che, die wohl noch auf die Ver­bin­dung der bei­den Kir­chen­fes­te zurück­ge­hen. So buk man um die­se Zeit Brot­vö­gel aus Bre­zen- oder Hefe­teig, die dem Sym­bol des Hei­li­gen Geis­tes, der Tau­be ähneln. Sie wur­den an Chris­ti Him­mel­fahrt aus den Hei­lig-Geist-Löchern“ auf das Kir­chen­volk her­ab­ge­wor­fen. Auch das aus­schließ­li­che Zube­rei­ten von flie­gen­dem Fleisch“ – dar­un­ter ver­stand man einst Geflü­gel aller Art, von der Krä­he bis zur Wach­tel, für den Fest­tags­bra­ten am Auf­fahrts­tag, ist ver­mut­lich ein Relikt aus alten Tagen. 

Him­mel­fahrt und Höl­len­sturz – an Dra­ma­tik und Thea­tra­lik konn­te es kein ande­rer Tag im Kir­chen­jahr mit Chris­ti Him­mel­fahrt auf­neh­men. Seit dem Mit­tel­al­ter wird das Auf­zie­hen einer blu­men­ge­schmück­ten, oft lebens­gro­ßen Chris­tus­fi­gur mit Auf­er­ste­hungs­fah­ne durch das Kir­chen­ge­wöl­be in das Hei­lig-Geist-Loch“, wie das Bau­loch in der Kir­chen­de­cke wegen des Him­mel­fahrts­brauchs auch heißt, prak­ti­ziert. Ger­ne über­nahm auch ein mensch­li­cher Dar­stel­ler die Rol­le des Auf­er­ste­hen­den. Sinn­lich beglei­tet durch Fan­fa­ren­stö­ße, lau­tes Orgel­brau­sen und dicke Weih­rauch­schwa­den. Damit sich die höl­zer­ne Figur beim Auf­stieg nicht ver­dreht, wird sie durch zwei bren­nen­de Ker­zen gesi­chert. Das kann auf ver­schie­de­ne Wei­se erfol­gen, ent­we­der durch jeweils seit­lich an der Plas­tik ange­brach­te Ker­zen­leuch­ter in Form von Engeln oder mit­tels zwei­er Minis­tran­ten, die am Start­platz“ mit gro­ßen Ker­zen­stän­der links und rechts vom Auf­zu­er­ste­hen­den die Luft erhit­zen. Ent­fällt die­se Art der Sta­bi­li­sa­ti­on, dann schlin­gert Chris­tus“ beschwingt in Rich­tung Kir­chen­ge­wöl­be und man glaubt so zu erken­nen, aus wel­cher Rich­tung das nächs­te Gewit­ter auf­zieht. Oben ange­kom­men und ver­schwun­den, reg­ne­te es Blu­men, die vor Gewit­ter schüt­zen soll­ten, Lili­en, Rosen aber auch Hos­ti­en, süßes Gebäck und Hei­li­gen­bild­chen von der Decke. Ger­ne flo­gen auch ech­te Tau­ben durch das Kir­chen­rund. Man­chen­orts wur­den die Gläu­bi­gen noch von oben mit reich­lich Weih­was­ser bespritzt. 

Doch damit nicht genug. Jetzt kam der Auf­tritt von Luzi­fer. Bren­nen­de Flachs­bu­schen und Zwei­ge fie­len aus dem Hei­lig-Geist-Loch“. Es roch nach Pech und Schwe­fel, wenn die bren­nen­den Teu­fels­ge­stal­ten aus Papier oder Stoff in das Kir­chen­schiff segel­ten. Um Fet­zen der sata­ni­schen Über­res­te ent­brann­te nicht sel­ten ein hit­zi­ger Kampf, man nahm sie mit nach Hau­se und ver­grub sie in Gar­ten und Feld – als Bann­zei­chen vor dem Bösen. Das Unge­wöhn­li­che des Fest­ta­ges hat­te damit aller­dings noch nicht sein Ende gefun­den. Über dem Küchen­tisch daheim hat­te noch der Hei­li­ge Geist sei­nen gro­ßen Auf­tritt. In einer Glas­ku­gel schweb­te er als holz­ge­schnitz­te Tau­be über dem Küchen­tisch, die Sei­nen vor bösen Geis­tern und dem Teu­fel selbst beim Essen schüt­zend. Sup­pe und Fest­tags­bra­ten dampf­ten, das Glas beschlug sich, Trop­fen für Trop­fen fiel das Kon­dens­was­ser in die Ter­ri­ne zurück – als Segen des Hei­li­gen Geis­tes oder etwas derb im Dia­lekt aus­ge­drückt: in d‘ Sup­pn hod a brunzt“.

Text: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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