Irgendwann scheinen sie nicht nur aus der liturgischen Mode gekommen zu sein. Sie waren schlichtweg zu langweilig geworden. Ihr spezielles sinnliches Moment erschloss sich den Gläubigen in der Fastenzeit nicht mehr. Das dramatische Glitzern und Funkeln der Heiligen Gräber wärmte in der Passionszeit Auge und Herz mehr. Sicherlich spielten auch konservatorische Gründe eine Rolle. In den meist kalten und feuchten Kirchenräumen schimmelten die Fasten- oder Hungertücher einfach vor sich hin, die Stoffbahnen brachen, weil sie nicht fach- und sachgerecht aufbewahrt werden konnten, mussten immer wieder geklebt werden und gingen wegen ihrer Größe auch einfach nur im Weg um.
Vielfach wurden sie durch kleinteiligere Bildtücher ersetzt, die in 14 Stationen den Leidensweg Christi darstellten und meist nicht mehr im Altarraum aufgestellt wurden, sondern in alten Kreuzgängen und Seitenkapellen. Spätestens in der Zeit der Aufklärung galt das Textil der Fastenzeit als Plunder. Heuballen wurden mit der einstmals sakralen Leinwand umwickelt, um sie vor der Nässe zu schützen, Altarblätter und ganze Altaraufbauten von hinten damit beklebt, ebenfalls als Nässeschutz, oder Szenen ausgeschnitten, die man an Decken und Wände von Kirchen und Kapellen anbrachte, als kostengünstigen Ersatz für teure Freskenmalerei. Die meisten der Fastentücher verschwanden aber auf den Dachböden der Kirchen oder wurden, gerne auch fragmentarisch, Teil der im späten 18. Jahrhundert entstehenden Kunstsammlungen und Museen. Luther, der sich vehement gegen „Fasten, Palmtag und Marterwochen“ und das Hungertuch als „Gaukelwerk“ aussprach, konnte sich interessanterweise aber in einigen evangelischen Kirchengemeinden mit seiner Forderung nicht durchsetzen, das Passionstuch abzuhängen oder zu zerschneiden.
Foto: Roswitha Dorfner
Über die Ursprünge des Fastentuchs, das in der Romanik und im frühen Mittelalter in ganz Europa während der Fastenzeit als „Cortina“ in den Kirchen hing, weiß man wenig. Interpretiert wird über bis ins 17. Jahrhundert hinein erhaltenes Brauchtum, das die Verhüllung des Altars, des Altarretabels oder auch des gesamten liturgischen Bereichs des Altars den Tempelvorhang, das „velum templi“, simuliert, der in der Todesstunde Jesu „von oben bis unten entzwei“ riss. Beschrieben wird, dass man am Mittwoch vor Gründonnerstag zweigeteilte Fastentücher mit großem Getöse zu Boden fallen ließ, begleitet von hölzernen Schlägen auf Kirchenbänke und dem Klappern der Chorbücher. Das Fastentuch veränderte durch das Verhüllen des Altars ab dem Aschermittwoch gewohnte Sichtachsen und Sehweisen, es machte die „Augenkommunion“, die als das wichtigste Element der Messe galt, unmöglich – das Auge musste fasten. Der Gläubige wurde auf seine Sündhaftigkeit zurückgeworfen; erst mit dem Blick auf den Altar am Gründonnerstag und der Einsetzung des Abendmahls „gehörte“ er wieder dazu.
Als Vorläufer des Fastentuchs gilt das sogenannte Passionsvelum: ein einfarbiges, meist violettes, aber auch schwarzes Leinen- oder Seidentuch, das Gold glänzende Kruzifixe, prächtig verzierte Reliquienschreine und bestimmte Bildnisse während der vierzigtägigen Fastenzeit verhüllte.
Frühe Zeugnisse aus dem 9. und 10. Jahrhundert, etwa aus Großbritannien und der Schweiz, berichten bereits über die Verhüllungspraxis und beschreiben auch das Aussehen dieser teilweise ornamental bestickten Tücher, die wohl noch keine liturgischen Tapisserien gewesen sein dürften. In St. Ulrich und Afra in Augsburg waren seit dem 12. Jahrhundert vier großformatige bemalte Fastentücher in Gebrauch, die 1493 bis in die kleinste Einzelheit bildlich wiedergegeben wurden und so einen Eindruck geben, welche liturgischen Themen das Wesen des Fastens mit den Augen für des Lesens unkundige Menschen ausmachten: Das Leben und Sterben der Kirchenpatrone, die Weltgeschichte von Adam bis zu Gregor und Maria, Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament und zuletzt auf dem vierten Tuch Allegorien, die mahnend an die sieben leiblichen und sieben geistigen Werke erinnerten. Auffallend ist die szenische Anordnung der Bilder, die in kleinen Feldern eingeteilt sind und thematisch unterschiedliche „Leserichtungen“ mit didaktischer Wirkung aufweisen – ganz so wie in den frühen Comic Strips aus den 1930er-Jahren. So zeigt das 80 Quadratmeter große Fastentuch in der Basilika zu Gurk in Kärnten – 1458 gefertigt – 108 biblische Szenen in 99 Bildfeldern; das berühmte Große Zittauer Fastentuch, fast zeitgleich entstanden, in 90 Bildern die Geschichte Gottes mit den Menschen; das Kleine Zittauer Fastentuch die Kreuzigung Christi, umrahmt von 30 Symbolen seiner Passion. Das monumentale Moment der Bildgewaltigkeit ist besonders nachvollziehbar beim Freiburger Fastentuch, das mit einer Fläche von 12,25 Meter auf 10,14 Meter und einem Gewicht von 300 Kilogramm als das größte Hungertuch – übrigens im deutschsprachigen Raum die Originalbezeichnung für das Textil der Fastenzeit – der Welt gilt.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Traditionelle regionale Unterschiede in der textilen Gestaltung der Fastentücher fließen bis heute in die mittlerweile als eigene Kunstform anzusehenden Fastentücher ein. Während in Süddeutschland und hier vor allem im Alpenraum feste, in Bahnen vernähte Leinwände mit Wasser- oder Temperafarben oder sogar Wachsmalstiften bemalt wurden, verwendete man in Nord- und Westdeutschland zuerst gazeartig wirkende weiße Leinenstoffe, die zum Teil auch ornamental bestickt wurden. Sie gaben anders als im Süden den Blick auf den Altar oder das Kruzifix frei. Die Technik veränderte sich dann zu einer Art Flickenteppich, den amerikanischen Quilts ähnelnd, mit Leinenstegen zwischen den einzelnen bestickten Feldern. Das Fastentuch in der Altöttinger Stiftspfarrkirche St. Philipp und Jakob, das vom Katholischen Frauenbund gestickt wurde, steht ganz in dieser, eher norddeutschen, Tradition.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Aus der Barockzeit stammt die bis heute gängige Praxis, monothematische Bilder in den Mittelpunkt des Fastentuchs zu setzen, die meist die Idee der Passion Christi aufgreifen. Seit den 1970er-Jahren erleben die Fastentücher eine Renaissance in den Kirchen, aber auch in privaten Haushalten. In Deutschland wurde das Fastentuch durch die Fastentuchaktion von Misereor, die das Fastenalmosen damit neu interpretiert, bekannt gemacht; im benachbarten Österreich durch Auftragsarbeiten bekannter Pfarreien wie der Michaelerkirche, der Dompfarre St. Stephan und der Jesuitenkirche in Wien an zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, deren Motivwahl aufhorchen ließ und lässt. Eine neue, vielleicht aber auch die tatsächlich ursprüngliche Einschreibung in den Brauch, mit einem Fastentuch, den Hochaltar völlig zu verhängen und den Blick in Zeiten existentieller Bedrohung auf das Innere, auf das Wesentliche der Heils- und Leidensgeschichte zu reduzieren, war während des ersten Coronalockdowns im Dom zu Osnabrück zu sehen. Maßstabsgetreu verhüllte das Große Zittauer Fastentuch den Altarraum, das bei den Videoübertragungen der Messen im Fokus stand. Seine fast verblassten, an Dramatik nicht zu überbietenden Bilder des Leidens Jesu, gesellten sich zu den Bildern aus Bergamo, die ebenfalls sequenziell das Sterben von Menschen zeigte. Das Verhüllte enthüllte die Lebenswirklichkeit – so wie bereits vor mehr als 1000 Jahren.
Text: Maximiliane Heigl-Saalfrank

