Glaube und Tradition

Mit den Augen fasten

Redaktion am 20.03.2026

Fastentuch am linken Seitenaltar in der Altöttinger Stiftspfarrkirche. Info Icon Foto: Roswitha Dorfner
Fastentuch am linken Seitenaltar in der Altöttinger Stiftspfarrkirche.

Über die Rückkehr des Fastentuchs, einer ursprünglich mittelalterlichen Form der Volksfrömmigkeit, als Kunstform in die Kirchen

Irgend­wann schei­nen sie nicht nur aus der lit­ur­gi­schen Mode gekom­men zu sein. Sie waren schlicht­weg zu lang­wei­lig gewor­den. Ihr spe­zi­el­les sinn­li­ches Moment erschloss sich den Gläu­bi­gen in der Fas­ten­zeit nicht mehr. Das dra­ma­ti­sche Glit­zern und Fun­keln der Hei­li­gen Grä­ber wärm­te in der Pas­si­ons­zeit Auge und Herz mehr. Sicher­lich spiel­ten auch kon­ser­va­to­ri­sche Grün­de eine Rol­le. In den meist kal­ten und feuch­ten Kir­chen­räu­men schim­mel­ten die Fas­ten- oder Hun­ger­tü­cher ein­fach vor sich hin, die Stoff­bah­nen bra­chen, weil sie nicht fach- und sach­ge­recht auf­be­wahrt wer­den konn­ten, muss­ten immer wie­der geklebt wer­den und gin­gen wegen ihrer Grö­ße auch ein­fach nur im Weg um.

Viel­fach wur­den sie durch klein­tei­li­ge­re Bild­tü­cher ersetzt, die in 14 Sta­tio­nen den Lei­dens­weg Chris­ti dar­stell­ten und meist nicht mehr im Altar­raum auf­ge­stellt wur­den, son­dern in alten Kreuz­gän­gen und Sei­ten­ka­pel­len. Spä­tes­tens in der Zeit der Auf­klä­rung galt das Tex­til der Fas­ten­zeit als Plun­der. Heu­bal­len wur­den mit der einst­mals sakra­len Lein­wand umwi­ckelt, um sie vor der Näs­se zu schüt­zen, Altar­blät­ter und gan­ze Altar­auf­bau­ten von hin­ten damit beklebt, eben­falls als Näs­se­schutz, oder Sze­nen aus­ge­schnit­ten, die man an Decken und Wän­de von Kir­chen und Kapel­len anbrach­te, als kos­ten­güns­ti­gen Ersatz für teu­re Fres­ken­ma­le­rei. Die meis­ten der Fas­ten­tü­cher ver­schwan­den aber auf den Dach­bö­den der Kir­chen oder wur­den, ger­ne auch frag­men­ta­risch, Teil der im spä­ten 18. Jahr­hun­dert ent­ste­hen­den Kunst­samm­lun­gen und Muse­en. Luther, der sich vehe­ment gegen Fas­ten, Palm­tag und Mar­ter­wo­chen“ und das Hun­ger­tuch als Gau­kel­werk“ aus­sprach, konn­te sich inter­es­san­ter­wei­se aber in eini­gen evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­den mit sei­ner For­de­rung nicht durch­set­zen, das Pas­si­ons­tuch abzu­hän­gen oder zu zerschneiden.

Fastentuch in der Pfarrkirche St. Georg in Freising. Info Icon Foto: Roswitha Dorfner
Fastentuch in der Pfarrkirche St. Georg in Freising.

Über die Ursprün­ge des Fas­ten­tuchs, das in der Roma­nik und im frü­hen Mit­tel­al­ter in ganz Euro­pa wäh­rend der Fas­ten­zeit als Cor­ti­na“ in den Kir­chen hing, weiß man wenig. Inter­pre­tiert wird über bis ins 17. Jahr­hun­dert hin­ein erhal­te­nes Brauch­tum, das die Ver­hül­lung des Altars, des Altarr­e­ta­bels oder auch des gesam­ten lit­ur­gi­schen Bereichs des Altars den Tem­pel­vor­hang, das velum templi“, simu­liert, der in der Todes­stun­de Jesu von oben bis unten ent­zwei“ riss. Beschrie­ben wird, dass man am Mitt­woch vor Grün­don­ners­tag zwei­ge­teil­te Fas­ten­tü­cher mit gro­ßem Getö­se zu Boden fal­len ließ, beglei­tet von höl­zer­nen Schlä­gen auf Kir­chen­bän­ke und dem Klap­pern der Chor­bü­cher. Das Fas­ten­tuch ver­än­der­te durch das Ver­hül­len des Altars ab dem Ascher­mitt­woch gewohn­te Sicht­ach­sen und Seh­wei­sen, es mach­te die Augen­kom­mu­ni­on“, die als das wich­tigs­te Ele­ment der Mes­se galt, unmög­lich – das Auge muss­te fas­ten. Der Gläu­bi­ge wur­de auf sei­ne Sünd­haf­tig­keit zurück­ge­wor­fen; erst mit dem Blick auf den Altar am Grün­don­ners­tag und der Ein­set­zung des Abend­mahls gehör­te“ er wie­der dazu.

Als Vor­läu­fer des Fas­ten­tuchs gilt das soge­nann­te Pas­si­ons­velum: ein ein­far­bi­ges, meist vio­let­tes, aber auch schwar­zes Lei­nen- oder Sei­den­tuch, das Gold glän­zen­de Kru­zi­fi­xe, präch­tig ver­zier­te Reli­qui­en­schrei­ne und bestimm­te Bild­nis­se wäh­rend der vier­zig­tä­gi­gen Fas­ten­zeit verhüllte.

Frü­he Zeug­nis­se aus dem 9. und 10. Jahr­hun­dert, etwa aus Groß­bri­tan­ni­en und der Schweiz, berich­ten bereits über die Ver­hül­lungs­pra­xis und beschrei­ben auch das Aus­se­hen die­ser teil­wei­se orna­men­tal bestick­ten Tücher, die wohl noch kei­ne lit­ur­gi­schen Tapis­se­rien gewe­sen sein dürf­ten. In St. Ulrich und Afra in Augs­burg waren seit dem 12. Jahr­hun­dert vier groß­for­ma­ti­ge bemal­te Fas­ten­tü­cher in Gebrauch, die 1493 bis in die kleins­te Ein­zel­heit bild­lich wie­der­ge­ge­ben wur­den und so einen Ein­druck geben, wel­che lit­ur­gi­schen The­men das Wesen des Fas­tens mit den Augen für des Lesens unkun­di­ge Men­schen aus­mach­ten: Das Leben und Ster­ben der Kir­chen­pa­tro­ne, die Welt­ge­schich­te von Adam bis zu Gre­gor und Maria, Dar­stel­lun­gen aus dem Alten und Neu­en Tes­ta­ment und zuletzt auf dem vier­ten Tuch Alle­go­rien, die mah­nend an die sie­ben leib­li­chen und sie­ben geis­ti­gen Wer­ke erin­ner­ten. Auf­fal­lend ist die sze­ni­sche Anord­nung der Bil­der, die in klei­nen Fel­dern ein­ge­teilt sind und the­ma­tisch unter­schied­li­che Lese­rich­tun­gen“ mit didak­ti­scher Wir­kung auf­wei­sen – ganz so wie in den frü­hen Comic Strips aus den 1930er-Jah­ren. So zeigt das 80 Qua­drat­me­ter gro­ße Fas­ten­tuch in der Basi­li­ka zu Gurk in Kärn­ten – 1458 gefer­tigt – 108 bibli­sche Sze­nen in 99 Bild­fel­dern; das berühm­te Gro­ße Zit­tau­er Fas­ten­tuch, fast zeit­gleich ent­stan­den, in 90 Bil­dern die Geschich­te Got­tes mit den Men­schen; das Klei­ne Zit­tau­er Fas­ten­tuch die Kreu­zi­gung Chris­ti, umrahmt von 30 Sym­bo­len sei­ner Pas­si­on. Das monu­men­ta­le Moment der Bild­ge­wal­tig­keit ist beson­ders nach­voll­zieh­bar beim Frei­bur­ger Fas­ten­tuch, das mit einer Flä­che von 12,25 Meter auf 10,14 Meter und einem Gewicht von 300 Kilo­gramm als das größ­te Hun­ger­tuch – übri­gens im deutsch­spra­chi­gen Raum die Ori­gi­nal­be­zeich­nung für das Tex­til der Fas­ten­zeit – der Welt gilt.

Fastentuch in der Pfarrkirche St. Martin in Eichendorf. Info Icon Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Fastentuch in der Pfarrkirche St. Martin in Eichendorf.

Tra­di­tio­nel­le regio­na­le Unter­schie­de in der tex­ti­len Gestal­tung der Fas­ten­tü­cher flie­ßen bis heu­te in die mitt­ler­wei­le als eige­ne Kunst­form anzu­se­hen­den Fas­ten­tü­cher ein. Wäh­rend in Süd­deutsch­land und hier vor allem im Alpen­raum fes­te, in Bah­nen ver­näh­te Lein­wän­de mit Was­ser- oder Tem­pe­ra­far­ben oder sogar Wachs­mal­stif­ten bemalt wur­den, ver­wen­de­te man in Nord- und West­deutsch­land zuerst gaze­ar­tig wir­ken­de wei­ße Lei­nen­stof­fe, die zum Teil auch orna­men­tal bestickt wur­den. Sie gaben anders als im Süden den Blick auf den Altar oder das Kru­zi­fix frei. Die Tech­nik ver­än­der­te sich dann zu einer Art Fli­cken­tep­pich, den ame­ri­ka­ni­schen Quilts ähnelnd, mit Lei­nen­ste­gen zwi­schen den ein­zel­nen bestick­ten Fel­dern. Das Fas­ten­tuch in der Alt­öt­tin­ger Stift­s­pfarr­kir­che St. Phil­ipp und Jakob, das vom Katho­li­schen Frau­en­bund gestickt wur­de, steht ganz in die­ser, eher nord­deut­schen, Tradition.

Fastentuch in der Wiener Jesuitenkirche. Info Icon Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Fastentuch in der Wiener Jesuitenkirche.

Aus der Barock­zeit stammt die bis heu­te gän­gi­ge Pra­xis, mono­the­ma­ti­sche Bil­der in den Mit­tel­punkt des Fas­ten­tuchs zu set­zen, die meist die Idee der Pas­si­on Chris­ti auf­grei­fen. Seit den 1970er-Jah­ren erle­ben die Fas­ten­tü­cher eine Renais­sance in den Kir­chen, aber auch in pri­va­ten Haus­hal­ten. In Deutsch­land wur­de das Fas­ten­tuch durch die Fas­ten­tuch­ak­ti­on von Mise­re­or, die das Fas­ten­al­mo­sen damit neu inter­pre­tiert, bekannt gemacht; im benach­bar­ten Öster­reich durch Auf­trags­ar­bei­ten bekann­ter Pfar­rei­en wie der Michae­ler­kir­che, der Dom­pfar­re St. Ste­phan und der Jesui­ten­kir­che in Wien an zeit­ge­nös­si­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler, deren Motiv­wahl auf­hor­chen ließ und lässt. Eine neue, viel­leicht aber auch die tat­säch­lich ursprüng­li­che Ein­schrei­bung in den Brauch, mit einem Fas­ten­tuch, den Hoch­al­tar völ­lig zu ver­hän­gen und den Blick in Zei­ten exis­ten­ti­el­ler Bedro­hung auf das Inne­re, auf das Wesent­li­che der Heils- und Lei­dens­ge­schich­te zu redu­zie­ren, war wäh­rend des ers­ten Coro­na­lock­downs im Dom zu Osna­brück zu sehen. Maß­stabs­ge­treu ver­hüll­te das Gro­ße Zit­tau­er Fas­ten­tuch den Altar­raum, das bei den Video­über­tra­gun­gen der Mes­sen im Fokus stand. Sei­ne fast ver­blass­ten, an Dra­ma­tik nicht zu über­bie­ten­den Bil­der des Lei­dens Jesu, gesell­ten sich zu den Bil­dern aus Ber­ga­mo, die eben­falls sequen­zi­ell das Ster­ben von Men­schen zeig­te. Das Ver­hüll­te ent­hüll­te die Lebens­wirk­lich­keit – so wie bereits vor mehr als 1000 Jahren.

Text: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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