Glaube und Tradition

Gut aufgehoben

Redaktion am 18.05.2026

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Das Pfingstvogelsingen oder Pfingstsingen ist im Bayerischen Wald ein weit verbreiteter Brauch.

Das Pfingstvogelsingen oder Pfingstsingen ist im Bayerischen Wald ein weit verbreiteter Brauch. Unser Autor des Editorials der aktuellen Ausgabe 21/22-2026 verbindet es mit ganz besonderen Erinnerungen.

Es eska­liert. Immer. Das gehört zum Ritus. Das Pfingst­vo­gel­sin­gen oder Pfingst­sin­gen ist im Baye­ri­schen Wald ein weit ver­brei­te­ter Brauch. Beson­ders zele­briert wird er im Haus mei­ner Schwie­ger­el­tern, wo sich am Pfingst­sonn­tag die Groß­fa­mi­lie trifft. Tan­ten, Onkel, Nich­ten, Nef­fen – alle har­ren hin­ter Haus­wän­den oder Sträu­chern aus, mit Was­ser gefüll­te Eimer in Griff­wei­te. Sobald der Vor­sän­ger Mia san so bresl­drucka wia a Ofen­lug­ga“ anstimmt, pfeift der Haus­herr, und alle stür­men aus ihren Ver­ste­cken, um die Sän­ger abzu­schüt­ten. Die Was­ser­schlacht ist erst zu Ende, wenn auch die schüt­ten­den Fami­li­en­mit­glie­der patsch­nass sind und der gro­ße Gra­nit­trog im Gar­ten völ­lig leer ist. Dann beginnt das eigent­li­che Fami­li­en­fest. Das Rat­schen, Erzäh­len und Aus­tau­schen von Neu­ig­kei­ten, das Genie­ßen all der kuli­na­ri­schen Köst­lich­kei­ten am Buf­fet. All das, was in der Sum­me Wär­me und Nähe erfahr­bar macht – über Gene­ra­tio­nen und Ver­wandt­schafts­gra­de hinweg.

Ein afri­ka­ni­sches Sprich­wort besagt, es brau­che ein gan­zes Dorf, um ein Kind groß­zu­zie­hen. Oder eben eine gro­ße Fami­lie. Tan­ten und Onkel sind dabei die stil­len Schät­ze. Eltern müs­sen erzie­hen, Gren­zen set­zen, Ent­schei­dun­gen tref­fen. Für Leich­tig­keit fehlt da manch­mal der Platz. Tan­ten und Onkel dage­gen haben Zeit für Geschich­ten und klei­ne Aben­teu­er, und sie haben ein offe­nes Ohr für die Nöte der Kin­der. Dadurch ent­steht eine Nähe, die frei von Erwar­tungs­druck ist – ein Raum, der für Nich­ten und Nef­fen von unschätz­ba­rem Wert sein kann.

Der Wie­ner Psy­cho­lo­ge Harald Werneck rät Fami­li­en, die­se Res­sour­ce gezielt zu nut­zen. Tan­ten und Onkel kön­nen ihre Nich­ten und Nef­fen nicht nur kon­kret unter­stüt­zen – etwa mit dem Besuch beim Fuß­ball oder bei der Ver­mitt­lung einer Woh­nung. Wenn Kin­der schon früh mit Tan­te oder Onkel in Ver­bin­dung ste­hen, ler­nen sie zudem, mit unter­schied­li­chen Cha­rak­te­ren umzu­ge­hen und ent­spre­chend zu reagie­ren – die Psy­cho­lo­gie nennt das Dif­fe­renz­er­fah­rung“.

Tan­ten und Onkel schen­ken außer­dem das Gefühl eines grö­ße­ren Net­zes. Kin­der ler­nen durch sie, dass Lie­be nicht nur aus der Kern­fa­mi­lie kommt: Da ist noch jemand, der stolz ist, wenn man mutig war. Noch jemand, der an Geburts­ta­ge denkt. Noch jemand, der sagt: Du gehörst zu uns!“ Die­ses Wis­sen trägt – auch durch schwe­re Zeiten.

Man­che Tan­ten und Onkel wer­den sogar zu Weg­wei­sern. Sie zei­gen ande­re Lebens­ent­wür­fe, ande­re Beru­fe, ande­re Träu­me. Viel­leicht ist es die rei­se­lus­ti­ge Tan­te, die einem Kind die Welt öff­net. Oder der ruhi­ge Onkel, der Geduld vor­lebt und zeigt, dass Stär­ke nichts mit Laut­stär­ke zu tun hat. Kin­der beob­ach­ten sehr genau, wie Erwach­se­ne leben. Und manch­mal ent­de­cken sie durch Tan­ten und Onkel Sei­ten des Lebens, die ihnen sonst ver­bor­gen geblie­ben wären.

Und oft mer­ken Nich­ten und Nef­fen erst als Erwach­se­ne, wie sehr die­se Men­schen sie geprägt haben. Dann erin­nern sie sich an Som­mer­nach­mit­ta­ge, an heim­li­che Geld­ge­schen­ke, an Gesprä­che im Auto oder an das siche­re Gefühl, immer will­kom­men zu sein. Und wer es erlebt hat, erin­nert sich bestimmt immer dar­an, wer die bes­te Stra­te­gie beim pfingst­li­chen Was­ser­vo­gel­sin­gen hat­te und selbst nie nass wur­de. Es sind klei­ne Momen­te – und doch bau­en sie ein Fun­da­ment fürs Leben.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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