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Das Pfingstvogelsingen oder Pfingstsingen ist im Bayerischen Wald ein weit verbreiteter Brauch. Unser Autor des Editorials der aktuellen Ausgabe 21/22-2026 verbindet es mit ganz besonderen Erinnerungen.
Es eskaliert. Immer. Das gehört zum Ritus. Das Pfingstvogelsingen oder Pfingstsingen ist im Bayerischen Wald ein weit verbreiteter Brauch. Besonders zelebriert wird er im Haus meiner Schwiegereltern, wo sich am Pfingstsonntag die Großfamilie trifft. Tanten, Onkel, Nichten, Neffen – alle harren hinter Hauswänden oder Sträuchern aus, mit Wasser gefüllte Eimer in Griffweite. Sobald der Vorsänger „Mia san so bresldrucka wia a Ofenlugga“ anstimmt, pfeift der Hausherr, und alle stürmen aus ihren Verstecken, um die Sänger abzuschütten. Die Wasserschlacht ist erst zu Ende, wenn auch die schüttenden Familienmitglieder patschnass sind und der große Granittrog im Garten völlig leer ist. Dann beginnt das eigentliche Familienfest. Das Ratschen, Erzählen und Austauschen von Neuigkeiten, das Genießen all der kulinarischen Köstlichkeiten am Buffet. All das, was in der Summe Wärme und Nähe erfahrbar macht – über Generationen und Verwandtschaftsgrade hinweg.
Ein afrikanisches Sprichwort besagt, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Oder eben eine große Familie. Tanten und Onkel sind dabei die stillen Schätze. Eltern müssen erziehen, Grenzen setzen, Entscheidungen treffen. Für Leichtigkeit fehlt da manchmal der Platz. Tanten und Onkel dagegen haben Zeit für Geschichten und kleine Abenteuer, und sie haben ein offenes Ohr für die Nöte der Kinder. Dadurch entsteht eine Nähe, die frei von Erwartungsdruck ist – ein Raum, der für Nichten und Neffen von unschätzbarem Wert sein kann.
Der Wiener Psychologe Harald Werneck rät Familien, diese Ressource gezielt zu nutzen. Tanten und Onkel können ihre Nichten und Neffen nicht nur konkret unterstützen – etwa mit dem Besuch beim Fußball oder bei der Vermittlung einer Wohnung. Wenn Kinder schon früh mit Tante oder Onkel in Verbindung stehen, lernen sie zudem, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen und entsprechend zu reagieren – die Psychologie nennt das „Differenzerfahrung“.
Tanten und Onkel schenken außerdem das Gefühl eines größeren Netzes. Kinder lernen durch sie, dass Liebe nicht nur aus der Kernfamilie kommt: Da ist noch jemand, der stolz ist, wenn man mutig war. Noch jemand, der an Geburtstage denkt. Noch jemand, der sagt: „Du gehörst zu uns!“ Dieses Wissen trägt – auch durch schwere Zeiten.
Manche Tanten und Onkel werden sogar zu Wegweisern. Sie zeigen andere Lebensentwürfe, andere Berufe, andere Träume. Vielleicht ist es die reiselustige Tante, die einem Kind die Welt öffnet. Oder der ruhige Onkel, der Geduld vorlebt und zeigt, dass Stärke nichts mit Lautstärke zu tun hat. Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene leben. Und manchmal entdecken sie durch Tanten und Onkel Seiten des Lebens, die ihnen sonst verborgen geblieben wären.
Und oft merken Nichten und Neffen erst als Erwachsene, wie sehr diese Menschen sie geprägt haben. Dann erinnern sie sich an Sommernachmittage, an heimliche Geldgeschenke, an Gespräche im Auto oder an das sichere Gefühl, immer willkommen zu sein. Und wer es erlebt hat, erinnert sich bestimmt immer daran, wer die beste Strategie beim pfingstlichen Wasservogelsingen hatte und selbst nie nass wurde. Es sind kleine Momente – und doch bauen sie ein Fundament fürs Leben.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur
