Listen mag ich, denn sie führen ganz offensichtlich ein Eigenleben. Zettel mit Listen stapeln sich auf meinem Schreibtisch, wirbeln über den Wohnzimmerboden, lassen auf sich herumkritzeln und sich falten und knüllen, verschaffen mir Überblick, verraten viel über meine Gewohnheiten, locken mit neuen Entdeckungen, begleiten mich in der Hosentasche durch den Tag – und enden oft in der Waschmaschine.
Meine „To-Do-Liste“ erwacht jeden Tag aufs Neue und will offenbar ewig leben – kaum ist ein Punkt gestrichen, schon kommen zwei neue hinzu. Ich liebe es, auf Tagesordnungen die Punkte zu streichen und sie TOP für TOP ihrem verdienten Ende zuzuführen, denn kaum etwas finde ich schlimmer, als nicht enden wollende Sitzungen. Meine Passwort-Liste ist mittlerweile eine Anhäufung zahlloser Zettel, die ich in einem Buch versteckt habe. Auf Top-10-Listen neuer Bücher, die ich unbedingt lesen möchte, oder neuer Songs, die ich mir anhören will, passe ich besonders gut auf. Nur der Blick auf die Fußball-Bundesliga-Tabelle macht mir immer weniger Freude – die Meisterschaft langweilig und „mein FC St. Pauli“ mitten im Abstiegskampf.
Jedenfalls macht es für mich Sinn, eine Top-Auswahl an Listen in einem Buch zu verewigen. Autorin Katrin Wilkens liefert 50: ob Lese‑, Haushalts- oder Alltagstipps – ihre Listen sind praktisch, persönlich und bewusst unvollständig, damit Leser sie ergänzen oder lustvoll darüber streiten können, wie Sie auf unserer „Rat-und Hilfe“-Seite lesen können-
Und hat uns nicht sogar Gott höchstselbst Listen an die Hand gegeben? Wohl kaum eine Liste hat die westliche Werteordnung so geprägt wie die Zehn Gebote. Sie sprechen von Grenzen und Verantwortung, von Gott und Mitmensch – und dienen als Richtschnur im Leben. Und weil die Kirche uns Menschen gut kennt, hat sie auch gleich noch eine Liste mit sieben Todsünden erstellt – als Mahnung zur menschlichen Selbstkritik gedacht, ist sie in Kunst, Literatur und Musik zu einem echten Dauerbrenner geworden.
Auf der anderen Seite hat Jesus seine Jünger als „Menschenfischer“ ausgesandt (Mt 4,19). So wie Simon-Petrus und Andreas als Fischer ihre Netze auswarfen, sollten sie von nun an ein Netz aus Beziehungen knüpfen, Vertrauen gewinnen, eine Gemeinschaft aufbauen, den Glauben weitergeben. Aufgaben, die viel Verständnis und Mitgefühl erfordern – und bei denen eine To-do-Liste eher nicht weiterhilft.
Vor kurzem war ich zusammen mit meiner jüngeren Schwester beim Einkaufen für die Caritas Nachbarschaftshilfe: Während ich den sehr langen Einkaufszettel und die zwei vollen Einkaufswägen fest im Blick habe, kümmert sich meine Schwester an der Kasse um das Kuvert mit dem Geld – und hat eine junge Frau im Blick, die hinter uns wartet und nur ein paar Kleinigkeiten auf dem Arm trägt. Sie bietet ihr an, sich vor uns einzureihen; ein Angebot, das die junge Frau gerne annimmt. Noch bevor sie an der Kasse dran ist, eilt sie in die Süßwarenabteilung und bringt mir und meiner Schwester als Dankeschön für unsere Freundlichkeit je eine kleine Packung „Yogurette – Kleine Alltagsfreuden“.
Fest steht: Das wäre nicht passiert, wäre ich alleine gewesen und hätte weiterhin nur auf Einkaufsliste und Einkaufswägen geblickt. Fest steht auch: auf der „Top-10-Liste“ meiner herzlichsten Erlebnisse der letzten Wochen steht die Geste der jungen Frau ganz weit oben. Denn das war echt top!



