Das glauben wir

Echt top

Redaktion am 27.04.2026

Info Icon Foto: Hannah Olinger auf Unsplash

Im Editorial der aktuellen Ausgabe 18-2026 stellt unser Autor fest, dass Listen ein Eigenleben führen, und dass Aufzählungen nicht weiterführen, wenn es darum geht, ein Netz aus Beziehungen zu knüpfen.

Lis­ten mag ich, denn sie füh­ren ganz offen­sicht­lich ein Eigen­le­ben. Zet­tel mit Lis­ten sta­peln sich auf mei­nem Schreib­tisch, wir­beln über den Wohn­zim­mer­bo­den, las­sen auf sich her­um­krit­zeln und sich fal­ten und knül­len, ver­schaf­fen mir Über­blick, ver­ra­ten viel über mei­ne Gewohn­hei­ten, locken mit neu­en Ent­de­ckun­gen, beglei­ten mich in der Hosen­ta­sche durch den Tag – und enden oft in der Waschmaschine.

Mei­ne To-Do-Lis­te“ erwacht jeden Tag aufs Neue und will offen­bar ewig leben – kaum ist ein Punkt gestri­chen, schon kom­men zwei neue hin­zu. Ich lie­be es, auf Tages­ord­nun­gen die Punk­te zu strei­chen und sie TOP für TOP ihrem ver­dien­ten Ende zuzu­füh­ren, denn kaum etwas fin­de ich schlim­mer, als nicht enden wol­len­de Sit­zun­gen. Mei­ne Pass­wort-Lis­te ist mitt­ler­wei­le eine Anhäu­fung zahl­lo­ser Zet­tel, die ich in einem Buch ver­steckt habe. Auf Top-10-Lis­ten neu­er Bücher, die ich unbe­dingt lesen möch­te, oder neu­er Songs, die ich mir anhö­ren will, pas­se ich beson­ders gut auf. Nur der Blick auf die Fuß­ball-Bun­des­li­ga-Tabel­le macht mir immer weni­ger Freu­de – die Meis­ter­schaft lang­wei­lig und mein FC St. Pau­li“ mit­ten im Abstiegskampf.

Jeden­falls macht es für mich Sinn, eine Top-Aus­wahl an Lis­ten in einem Buch zu ver­ewi­gen. Autorin Kat­rin Wil­kens lie­fert 50: ob Lese‑, Haus­halts- oder All­tags­tipps – ihre Lis­ten sind prak­tisch, per­sön­lich und bewusst unvoll­stän­dig, damit Leser sie ergän­zen oder lust­voll dar­über strei­ten kön­nen, wie Sie auf unse­rer Rat-und Hilfe“-Seite lesen können-

Und hat uns nicht sogar Gott höchst­selbst Lis­ten an die Hand gege­ben? Wohl kaum eine Lis­te hat die west­li­che Wer­te­ord­nung so geprägt wie die Zehn Gebo­te. Sie spre­chen von Gren­zen und Ver­ant­wor­tung, von Gott und Mit­mensch – und die­nen als Richt­schnur im Leben. Und weil die Kir­che uns Men­schen gut kennt, hat sie auch gleich noch eine Lis­te mit sie­ben Tod­sün­den erstellt – als Mah­nung zur mensch­li­chen Selbst­kri­tik gedacht, ist sie in Kunst, Lite­ra­tur und Musik zu einem ech­ten Dau­er­bren­ner geworden.

Auf der ande­ren Sei­te hat Jesus sei­ne Jün­ger als Men­schen­fi­scher“ aus­ge­sandt (Mt 4,19). So wie Simon-Petrus und Andre­as als Fischer ihre Net­ze aus­war­fen, soll­ten sie von nun an ein Netz aus Bezie­hun­gen knüp­fen, Ver­trau­en gewin­nen, eine Gemein­schaft auf­bau­en, den Glau­ben wei­ter­ge­ben. Auf­ga­ben, die viel Ver­ständ­nis und Mit­ge­fühl erfor­dern – und bei denen eine To-do-Lis­te eher nicht weiterhilft.

Vor kur­zem war ich zusam­men mit mei­ner jün­ge­ren Schwes­ter beim Ein­kau­fen für die Cari­tas Nach­bar­schafts­hil­fe: Wäh­rend ich den sehr lan­gen Ein­kaufs­zet­tel und die zwei vol­len Ein­kaufs­wä­gen fest im Blick habe, küm­mert sich mei­ne Schwes­ter an der Kas­se um das Kuvert mit dem Geld – und hat eine jun­ge Frau im Blick, die hin­ter uns war­tet und nur ein paar Klei­nig­kei­ten auf dem Arm trägt. Sie bie­tet ihr an, sich vor uns ein­zu­rei­hen; ein Ange­bot, das die jun­ge Frau ger­ne annimmt. Noch bevor sie an der Kas­se dran ist, eilt sie in die Süß­wa­ren­ab­tei­lung und bringt mir und mei­ner Schwes­ter als Dan­ke­schön für unse­re Freund­lich­keit je eine klei­ne Packung Yogu­ret­te – Klei­ne Alltagsfreuden“.

Fest steht: Das wäre nicht pas­siert, wäre ich allei­ne gewe­sen und hät­te wei­ter­hin nur auf Ein­kaufs­lis­te und Ein­kaufs­wä­gen geblickt. Fest steht auch: auf der Top-10-Lis­te“ mei­ner herz­lichs­ten Erleb­nis­se der letz­ten Wochen steht die Ges­te der jun­gen Frau ganz weit oben. Denn das war echt top!

Michael
Glaß

Redakteur

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