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Höhenrausch
Höhenrausch
Höhenrausch
Sir Edmund Hillary und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay waren die ersten Menschen, die auf dem Gipfel des Mount Everest standen. Als man den Neuseeländer einmal fragte, warum er immer wieder auf hohe Berge steigt, antwortete er lapidar: „Weil sie da sind.“ Aber reicht das schon als Antwort? Eine gute Bekannte brachte mich unlängst ins Grübeln. Sümpfe seien auch einfach da, entgegnete sie,  aber nur ganz wenige kämen auf die Idee, sie freiwillig zu betreten. Da muss noch etwas anderes da sein; ein kleines Geheimnis, das nur Gipfelstürmer kennen.  
Ich bin weder schwindelfrei noch mit der Begabung und dem Können gesegnet, auf steilen Felsen festen Halt zu finden. Die einzige Art, mich dort fortzubewegen, wäre der Absturz. Aber ich liebe die Gipfel, die man erwandern oder erradeln kann. Die schönsten Touren, die am längsten in Erinnerung bleiben, sind immer auch eine Herausforderung. Der Schweiß fließt in Strömen, die Muskeln brennen, die Beine werden schwer und müde. Aber irgendwann steht man dann oben – und es ist der pure Genuss. In aller Stille gleitet der Blick über den Horizont, haltlos, ziellos, grenzenlos. Und in dem Moment fällt jeglicher Ballast ab und die Seele tanzt, leicht wie eine Feder im Wind. Natürlich geht das nur, weil die Last schon beim Aufstieg mit jedem Schritt ein wenig kleiner geworden ist. 
Leiden und Euphorie, Qual und Freude sind auf dem Berg keine Gegensätze. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat das so formuliert: „Ohne den guten Willen zum Schmerze würden wir allzu viele Freuden fahren lassen müssen.“
Nicht immer muss es der stundenlange Aufstieg sein. Manchmal reicht die abendliche Wanderung auf den mittelgebirgigen Hügel vor der Haustür. Der kleine Ausreißer zwischendurch. Der Frustabbauaufstieg. Einfach für ein, zwei Stunden alles hinter sich lassen. Frischluft atmen, das Herz auf Touren bringen, drüber stehen. Stiller werden, freier. Auch dafür hat Nietzsche die treffenden Worte gefunden: „In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat.“
Ist es da ein Wunder, dass es derzeit jedes Wochenende Tausende auf den Dreisessel und viele andere tief verschneite Gipfel im Bayerischen Wald und in den Alpen zieht? Sie alle wollen das Wintermärchen – die im dicken Schneemantel erstarrten Felsen, Bäume und Gipfelkreuze – mit eigenen Augen sehen. Eine andere Welt. Ganz ohne menschliches Zutun. Märchenhaft. Und nach der schweißtreibenden Tour lockt dann ja noch die Einkehr im Wirtshaus: ein wahrhaft himmlisches Vergnügen.
 


Autor: Wolfgang Krinninger
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