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„Revolution is!“
„Revolution is!“
„Revolution is!“
Kommentar. Viele Stürme hat die katholische Kirche ausgehalten. Nehmen wir die aufklärerischen Gesetze von Joseph II., 1765 bis 1790 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Er verbot Wallfahrten, das Wetterläuten, die Verehrung des Heiligen Grabes, ließ Weihnachtskrippen aus Kirchen und Klöstern entfernen. Bei Zuwiderhandlung drohten Geldstrafen, Gefängnis oder Stockhiebe. Damals wurden die Gläubigen vom Staat drangsaliert – heute hält sich der Staat in Religionsfragen heraus, dafür legt das Kirchenvolk selber die Axt an.
Wenn die Zahlen stimmen, sind hierzulande etwa 90 Prozent der Katholiken zwar formal noch Mitglied der Kirche und zahlen Kirchensteuer, nehmen aber das Angebot der Pfarrei vor Ort nicht wahr. Das Bistum Passau hat diese Entwicklung schon lange kommen sehen und stellt die so notwendigen Weichen für geistliche, pastorale und strukturelle Veränderungen. 
Es ist niemandem mehr gedient, ein altes Ideal von Pfarrei aufrechtzuerhalten. Die Zeitenwende diktiert aus Sicht der Kirche zwei Fragen: Bekommen die Menschen bei uns das, was sie brauchen? Und brauchen sie das, was sie von uns bekommen?
Mit Schwarzmalerei hat das nichts zu tun. Bei all dem Licht, das zweifellos in unserer Diözese noch scheint, muss doch die Wirklichkeit ungeschönt wahrgenommen werden. So erreichte die Bistumsblatt-Redaktion im vorigen Jahr aus einer Pfarrei ein Foto mit der Verabschiedung von Pfarrgemeinderäten. An sich ein „normaler“ Artikel, wären auf dem Bild nicht gleich zehn Pfarrgemeinderäte gewesen, die nach nur einer Amtsperiode (4 Jahre)
nicht mehr weitergemacht haben! Anfang des Jahres warb ein Pfarrer aus dem Bayerischen Wald um Verständnis, dass – aufgrund Personalmangels – die Sternsinger nicht mehr in jedes Dorf ihren Segen bringen können. Ja, sogar Kirchenchöre und Frauen-
bundvereine geben auf, weil der Nachwuchs fehlt. Das macht auch deutlich: Wir haben einen Mangel an Priestern und Ordensleuten, weil wir zuallererst einen Mangel an Gläubigen haben. 
Das Heer der Individualisten wird immer größer. Auch die modernen Kommunikationsmittel verändern die Gesellschaft – und damit kirchliches Leben. Parallelen zur Erfindung des Buchdrucks vor über 500 Jahren tun sich auf. Viele Nutzer sind medienmächtig, aber leider nicht immer medienmündig. 
Es gibt im Netz eines dieser verblüffenden Vorher-nachher-Bilder, das Menschen beim Konklave 2005 und 2013 zeigt. 2005, als Kardinal Joseph Ratzinger zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, warteten die Menschen gebannt auf dem Petersplatz. 2013, nach der Wahl Jorge Bergoglios zum Papst, stand da eine Menschenmenge, die ein Meer von Smartphones in den römischen Nachthimmel hielt. Und die Bildschirmmeere bei Konzerten oder Feiern sind nur ein Oberflächenphänomen eines viel tiefer greifenden Strukturwandels.
Wenn man will, kann man das auch „Revolution“ nennen. Es muss nur richtig darauf reagiert werden, nicht dass es einem so ergeht, wie dem bayerischen König Ludwig III.: „Majestät, gengs S‘ heim, Revolution is!“ Mit diesen Worten wurde der Monarch am Spätnachmittag des 7. November 1918 auf einem Spaziergang im Englischen Garten in München von Arbeitern zum ersten Mal auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht. Papst Franziskus spricht davon, an die Ränder zu gehen. Das ist richtig, aber beileibe nicht die einzige Baustelle. Es scheint, dass die Kirche auch in der Mitte renovierungsbedürftig ist.
 


Autor: Werner Friedenberger
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