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Religiöse Kunst?!
Religiöse Kunst?!
Religiöse Kunst?!
Johannes Nepomuk, Hiob, die zehn Geheimnisse Mariens, Mariä Himmelfahrt, Bruder Konrad von Parzham, der Kreuzweg – eindeutig religiöse Figuren und Themen. Doch Künstler Christian Zeitler hat sie auf ganz eigene Weise umgesetzt, denn für ihn ist weniger manchmal eben doch mehr.
 
Sandbach. Eine ungewöhnliche Ausstellung konnten Kunstliebhaber kürzlich in der Alten Kirche Sandbach auf sich wirken lassen. Christian Zeitler, 2016 mit dem Kulturpreis des Landkreises Passau gewürdigt, zeigte unter dem Motto „Religiöse Kunst“ Arbeiten, die die Betrachter – in durchaus provokativer Weise – herausforderten, sich mit zentralen Themen und Gestalten des Glaubens zu befassen. 
Dr. Herbert W. Wurster, der die Ausstellung eröffnete, stellte den Künstler als einen Mann vor, der sich in besonderer Weise auf die Rohstoffe einzulassen vermag, mit denen er arbeitet: „Christian Zeitler ist fasziniert von seinen Materialien, einmal von Metallen, Eisen vor allem, zum anderen von den Gesteinen, und schließlich vom Papier, das er für seine Entwürfe braucht. Wenn er einen Stein auswählt, ist ihm bewusst, dass er einen Stein in seiner Natur annehmen muss. Gesteine sind unendlich vielseitig – die Materie, die Schichtung, die Form, das Aussehen reizen Christian Zeitler. Das ist ein Teil der künstlerischen Aussage, die also zunächst auf der Natur und dann auf der handwerklichen Meisterschaft aufbaut; und danach formt die Intention des Künstlers das Kunstwerk.“ 
Auf diese Weise hat er sich verschiedenen Heiligen angenähert und er hat zentrale Ereignisse des Kirchenjahres verbildlicht. Doch manch einem, der die Ausstellung besuchte, blieben die Bezüge zunächst verborgen. Dr. Wurster lud die Menschen ein, genauer hinzuschauen: „Sie sehen nur Steine, Holz, Kronkorken, sehr abstrakt. Und auf dem Papier erkennen Sie doch Zeichnungen mit einer Botschaft, also Kunst. Wo ist sie also in dieser Ausstellung, die religiöse Kunst? Nun, da ist ein Kreuz bei dem Hauptexponat der Ausstellung. Wir wissen alle, das ist das Zeichen der Kirche. Aber wieso ist es am Boden? Fällt das Kreuz? Ist es also ein Zeichen, dass ein Mensch stürzt? Wenn wir nun die beiden konkav-konvexen Granitplatten ins Auge nehmen – und dabei wissen wir, dass der Künstler oft Menschen so darstellt – dann begreifen wir die Szene neu. Das Kreuz als Attribut eines Heiligen! Da kommt mir die Assoziation vom hl. Franziskus, doch der passt nicht in das Bild eines fallenden Kreuzes. Sehen wir nun den zweiten Teil aus Holz an, der oben auf der plastischen Darstellung ist – keine Krone, kein Birett. Er schaut organisch aus – das ist eine Zunge! Damit haben wir unseren Heiligen identifiziert – es ist der hl. Johann Nepomuk. Denn das sind seine beiden Attribute, das Kreuz als Zeichen seiner Frömmigkeit und die Zunge als Zeichen dafür, dass er das Beichtgeheimnis gewahrt hat, selbst unter der Folter.“ 
Abstrakte Kunst, das vermochte der Laudator zu zeigen, lässt sich mit ein wenig Vorwissen durchaus deuten, sofern man bereit ist, sich auf sie einzulassen. 
Dass gerade die mit der enormen Reduktion abstrakter Kunst einhergehende Provokation mitunter dazu geeignet sein kann, zentrale Aussagen in einer sonst nicht zu erreichenden Weise zu verdichten, zeigte Wurster am Beispiel des Kreuzweges, den Christian Zeitler für die Ausstellung geschaffen hat: „Es ist keine repräsentative, würdevolle Kunst – nicht so wie der Kreuzweg der Alten Kirche aus dem 19. Jahrhundert. Der Zeitlerische Kreuzweg ist wie eine Miniatur, wie unter einer Lupe – das Mittel dazu sind die Kronkorken, die ganz unauffällig sind, obwohl die Botschaft unglaublich groß ist. Schauen Sie auf die tröstliche Geste der Veronika, auf die Dramatik des Kreuzes, auf all die Details.“
Auch den „Bruder Konrad“ brachte er den Gästen näher: „Beim ersten Hinschauen dachte ich, das ist ein ‚Ecce homo‘ oder ein Jesus an der Geißelsäule. Beim zweiten Hinschauen wurde mir klar, dass das ein Irrtum war. Hier gab mir der Titel den Weg meiner Interpretation vor. Ich sah nun eine Treppe, die auf eine enge Tür hinführt – also die kleine Pforte, an der Bruder Konrad seinen Dienst als Pförtner tat. Die kleine Pforte ist etwas versteckt in der Architektur, und erscheint als Zeichen, dass der Zugang zum Himmel eine Aufgabe ist. Diese große Aufgabe wird zur menschlich bewältigbaren Aufgabe dadurch, dass ein Fuß, der Fuß von Bruder Konrad, die strenge Architektur öffnet.“
 
Foto: Wurster


Autor: Dr. H. W. Wurster/B. Osdarty
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