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Als sei nichts gewesen
Als sei nichts gewesen
Als sei nichts gewesen
Eigentlich wollte ich nur unsere große Tochter zur Chorprobe bringen und dann weiterfahren zur Geburtstagsfeier eines Freundes. Aber ein paar Minuten Zeit hab ich noch. Noch ein Blick aufs Grab meiner Mutter. Ein Vaterunser, ein paar Worte, Erinnerungen, Gedanken, ein Kreuzzeichen. Meine Mutter hat keines meiner Kinder mehr im Arm gehalten. Sie starb eineinhalb Jahre vor der Geburt unserer Ältesten. Das ist traurig. Und vielleicht rührt es auch daher, dass ich ihr Grab fast nie ohne eine kindliche Bitte verlasse: „Mama, Du weißt, ich baue auf Dich! Schau auf unsere Kinder!“ Manchmal gedacht, manchmal gesagt, manchmal mit einem konkreten Anliegen verbunden. 
Die letzten Sonnenstrahlen streicheln die Gräber. Ein milder Abend. Es zieht mich noch nicht weg. Der Friedhof liegt wunderschön auf einer Anhöhe. Vom Osten grüßen die Böhmerwald-Berge herüber, das „Steinerne Meer“ glitzert rötlich, der Christus auf dem großen Friedhofskreuz strahlt golden in der untergehenden Sonne. An zwei Gräbern verweile ich ein paar Augenblicke. Bei Hieronymus Haydn, unserem Pfarrer, und bei meinem Freund Anselm. „Hieron“ begleitete mit Güte und Nachsicht, mit Witz und Weisheit, mit Freundlichkeit und Frömmigkeit unsere ungestüme Landjugendzeit. Vor allem durch ihn erfuhr ich Katholisch-Sein selbst in wilden Jugendjahren als Bereicherung. Und blieb dabei, auch wenn die Bindung manchmal lose wurde. Anselm, schreinernder Freigeist und buchvernarrter Künstler, starb mit 86 Jahren. Gezeichnet von mehreren Schlaganfällen lehrte er mich, dass kein Handicap zu groß ist, um dem Leben nicht doch noch ein paar verrückte Augenblicke abzuluchsen. In Gedanken stoße ich mit einem Gläschen seines geliebten Eierlikörs mit ihm an. 
Schließlich gehe ich zurück Richtung Auto. Die Sonne ist fast verschwunden am Horizont. Kurz vor dem Ausgang treffe ich an einem der Gräber eine Bekannte. A. stammt aus meinem Heimatort, ist aber schon vor langer Zeit weggezogen. Wir reden lange. Sie erzählt mir von ihrer Mutter. Und ich habe das Bild sofort wieder vor mir. Eine kleine, resolute Frau. Allein zog sie die zwei Kinder auf, alleine bewirtschaftete sie die winzige Landwirtschaft an einem steilen Hügel. Die Milchkanne schleppte sie viele Jahre händisch, mit dem Schubkarren oder mit dem Schlitten zur mehr als einen Kilometer entfernten Hauptstraße. Sommers wie winters. Ein hartes Leben. Doch geklagt hat sie nur selten. Und Angst vor dem Tod hatte sie nie. Schon Jahre bevor sie starb, hatte sie die Hose ausgesucht, mit der sie beerdigt werden wollte. Sie wurde 92 Jahre alt. Ihr Tod kam zu früh für die Tochter, den Sohn, die Enkel. Für die ist es immer zu früh. Und fast ein wenig verschämt gesteht mir A., dass sie ihrer Mutter noch heute, Jahre später, Sachen erzählen will und dann feststellt, dass sie ja nicht mehr da ist. 
Als ich das gusseiserne Friedhofstor hinter mir schließe, ist eine Stunde vergangen. 60 kostbare Minuten. Und das Leben geht weiter. Als sei nichts gewesen. 
 


Autor: Wolfgang Krinninger
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