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Eltern mit Helikopter
Eltern mit Helikopter
Eltern mit Helikopter
Kommentar. Unter die Haut gegangen ist mir in diesen Tagen ein Foto, das den achtjährigen Wang Fuman aus China zeigt: Als er morgens in der Schule ankommt, sind seine schwarzen Haare zu Eisspitzen gefroren, seine Wangen knallrot, die Hände durch den Frost zerklüftet. Nach einem fünf Kilometer langen Fußmarsch bei neun Grad Minus sieht Wang aus wie ein kleiner Schneemann.
Das Bild von dem Buben knipste Direktor Fu Heng und veröffentlichte es. Er wollte damit auf die Situation vieler armer Kinder aufmerksam machen, die große Strapazen auf sich nehmen, um zu lernen. „Es war der erste Tag der Jahresschlussprüfungen und er wollte sie nicht verpassen“, sagte der Direktor. Der Achtjährige, der mit seiner Schwester bei der Großmutter lebt, wisse, dass er der Armut nur mit einem guten Schulabschluss entfliehen kann. Er gehöre zu der riesigen Gruppe von zurückgelassenen Kindern.
Wie Realsatire mutet dagegen ein Blick in so manche unserer Schulen an. Helikopter-Eltern, die 24 Stunden am Tag um ihre Kinder kreisen, machen Lehrern – und vor allem ihrem eigenen Nachwuchs – das Leben schwer. Lena Greiner und Carola Padtberg haben groteske Fälle in ihrem Buch „Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag!“ (Ullstein-Verlag) gesammelt. 
Eine Lehrkraft schildert darin folgenden Fall: „Eines Mittags erhielt ich eine E-Mail von einem Vater, sein Sohn habe demnächst Geburtstag und für diesen Tag die halbe Klasse zu einer Feier eingeladen. Nun gebe es leider ein Problem: Am Tag darauf werde ja die Deutscharbeit geschrieben. Die könne man doch getrost verschieben. Sonst sei die Laune des Geburtstagskinds und der Gäste – also der gesamte Geburtstag – verdorben. Ich antwortete freundlich, dass so etwas nicht möglich sei. Wenige Stunden später rief mich die Elternvertreterin an – mit just demselben Anliegen. Ich machte also auch sie darauf aufmerksam, dass ich wegen diverser Geburtstagsfeiern von 25 Zweitklässlern keine Arbeiten verschieben kann.“ 
Helikopter-Eltern ziehen ihre Kreise überall – auch, wenn es um die Erstkommunion geht. Ein Pfarrer aus unserem Bistum wollte im Vorfeld mit den Mädchen und Buben übers Wochenende in ein Jugendhaus. Kaum war der Plan verkündet, hagelte es Bedenken. „Mein Kind hat noch nie außer Haus geschlafen!“ Oder: „Mein Kind ist Nahrungsverweigerer!“ Über die „sozialen“ Kommunikationsmittel liefen dann einige Eltern – Prinzip Schneeball – zur Hochform auf. Dem Pfarrer reichte es – er blies das Vorhaben ab.
Helikopter-Eltern lassen ihre Kinder nie erwachsen werden. Beispiele gibt es zuhauf: 
 
  • Den Ort der Klassenfahrt schon mal vorab auskundschaften, damit sich das Kind auch wohlfühlt und zurechtfindet. 
  • Oder den Fahrlehrer fragen, ob sie (die Eltern) bei der Prüfung des Sprößlings im Fonds des Wagens sitzen dürfen. 
  • Oder den Nachwuchs sogar bis in den Hörsaal der Uni begleiten.
 
Man stelle sich vor, eines Tages stehen Freund oder Freundin dieser jungen Erwachsenen vor der Haustür. Na, dann gute Nacht!
Den kleinen Wang Fuman aus China werde ich wohl nie in meinem Leben treffen. Aber wenn ich ihm begegnete, würde ich ihm sagen, dass ich riesigen Respekt vor ihm habe und ihn für einen ganz Großen halte, der mit seinen acht Jahren bereits mit beiden Beinen im Leben steht. Sein Kompass geht richtig. Hierzulande spielt er bei manchen Leuten verrückt. 
 


Autor: Werner Friedenberger
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