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Müssen wir perfekt sein?
Müssen wir perfekt sein?
Müssen wir perfekt sein?
Kommentar. Sie strampeln, sie schwitzen, sie laufen, sie fasten – und am Ende des Tages zählen sie alles zusammen und setzen sich neue Ziele für den nächsten Tag. Selbstoptimierung nennt sich das Ganze. Es ist eigentlich eine Randerscheinung der Digitaliserung – und doch in aller Munde. Seit die Uhren und Fitnessbänder immer kleiner und die dazugehörigen Apps und Programme immer einfacher und raffinierter werden, hat ein unglaublicher Boom eingesetzt. Eine ganze Industrie hilft denen auf die Sprünge, die das Beste aus ihrem Körper herausholen wollen. 
Stimmt schon: Das gab es früher auch schon. Weight Watchers beispielsweise, ein US-Unternehmen, das eine Methode zur Gewichtsabnahme vermarktet, leitet seit mehr als einem halben Jahrhundert zum Kalorienzählen an – und Millionen machen mit. Läufer und Radfahrer führen häufig eine Art Tagebuch, in das sie jeden gemeisterten Kilometer eintragen. Und der tägliche bange Blick auf die Waage ist auch nicht neu. Nur: Das sind Steinzeit-Methoden im Vergleich zu dem, was heute möglich ist. Moderne Geräte am Handgelenk erfassen jeden Schritt, jeden Herzschlag, jeden Schnarcher. Aus riesigen Datenmengen entstehen Tabellen, Diagramme und Kurven, die zeigen, wo man gestern stand und was man heute anstellen muss, um morgen noch besser zu sein. Eigentlich nette kleine Werkzeuge. Aber es gibt nicht wenige, die darin tatsächlich die Verheißung von Glück sehen. Für die immer größer werdende Bewegung zur Selbstvermessung sieht so das planbare bessere Leben aus. 
Dient diese Technik einer Form des selbstbestimmten Lebens? Oder ist es der Versuch, die grundsätzliche Begrenztheit und Endlichkeit des Menschen zu ignorieren oder zu überschreiten? Das sind die zwei Leitfragen, die der Theologe Jochen Sautermeister in dem Zusammenhang formuliert hat. Er rät dazu, sich von technisch-medizinischen Wegen der Selbstoptimierung nicht unter Druck setzen zu lassen. Gesellschaftlich sind wir da ohnehin auf einem schmalen Grat unterwegs. Wenn die Gesundheit zum Götzen wird, stehen Freiheit und Selbstbestimmung auf dem Spiel. Was, wenn die Krankenversicherungen Zugang zu den Fitnessdaten ihrer Kunden bekämen: Ganz schnell würden all diejenigen zu den Verlierern gehören, die aus irgendwelchen Gründen mit dem Fitnesswahn nicht mithalten können oder die sich weigern ihre Daten herauszugeben. 
Zahlen können zu einem Effizienz- und Optimierungswahn führen. Doch der Mensch ist viel mehr als seine Daten. „Der Mensch ist nicht nur Körper, er hat diesen Körper auch. Er kann ihn benutzen und das Leben gestalten, mit Gefühl und Verstand. Das unterscheidet ihn vom Tier“, hat Christiane Woopen, die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats in einem Interview gesagt. Zahlen stiften keinen Sinn. „Oder können Sie die Liebe zu Ihrer Frau oder die Sorge um Ihre Kinder in Zahlen ausdrücken?“, fragt Woopen. 
Als Christen sind wir aufgerufen, unsere Talente zu nutzen. Aber wir wissen auch: Wir müssen nicht perfekt sein und wir müssen uns nicht perfekt machen, damit unser Leben einen Sinn hat. 
 


Autor: Wolfgang Krinninger
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