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Eine Quelle für spirituelle Snacks
Eine Quelle für spirituelle Snacks
Eine Quelle für spirituelle Snacks
Ob das klassische „Lobe den Herrn“, das moderne „Laudato si“ oder zur Abwechslung einmal Preußens Gloria als Wallfahrtsweckruf. Der junge Organist Ludwig Martin Jetschke (28) aus Bamberg hat sich als „Lingualpfeife“ zu einem gefragten Social-Media-Star entwickelt. Seine Videos, beispielsweise auf YouTube, gelten in Kirchenmusikerkreisen als Geheimtipp. Der Lehramtsstudent ist überzeugt: Die Kirche von heute muss mit der Zeit gehen, auch medial. Die Menschen sehnen sich nach „digitaler Seelsorge“, nach „spirituellen Snacks“, sagt er im Interview. 
 
Herr Jetschke, Sie veröffentlichen im Internet Videos rund um die Kirchenmusik. Worum geht es darin und wie sind Sie darauf gekommen so etwas anzubieten?
Jetschke: Angefangen hat alles mit dem neuen Gotteslob 2013. Die meisten Lieder aus der alten Ausgabe waren abgefrühstückt und es war Zeit für Neues. Viele Kollegen, aber auch ich selbst haben gemerkt: man muss sich erst einmal durcharbeiten. Und da dachte ich mir, wenn ich mich selbst einarbeiten muss, warum das Ganze nicht aufnehmen und öffentlich machen; dann haben alle etwas davon. Ich habe angefangen, den Gottesdienst mitzuschneiden, gute Ideen weiterzugeben und einzelne Lieder auf YouTube hochzuladen. Und das hat eingeschlagen.
 
Worin liegt der Erfolg?
Jetschke: Bei vielen Interessierten scheitert es daran, dass sie gerne neue Lieder einüben würden, diese aber selbst nicht kennen. Sie brauchen zunächst eine Vorlage. Wenn es die aber nicht gibt, ist es schwer sich vorzustellen, wie das Lied in der Praxis klingen soll. Mit meinen Aufzeichnungen kann ich dem entgegentreten.
 
Welches Video ist denn am beliebtesten?
Jetschke: „Großer Gott, wir loben Dich“ mit 140.000 Klicks. Wenn man es googelt, landet man entweder bei einer Papstmesse oder bei mir. Das liegt aber vor allem an der Platzierung auf YouTube.
 
Wie sind die Rückmeldungen zu Ihren Videos?
Jetschke: Sehr vielfältig. Ich bekomme sehr viele positive Rückmeldungen, auch Anfragen zu bestimmten Liedern oder Dienstleistungen. Natürlich gibt es aber auch negative Anmerkungen. Ärgerlich finde ich den Neid zwischen Organisten, der sich auch auf meinen Plattformen immer wieder zeigt. 
Also ist die Internetpräsenz der Kirche unabdingbar?
Jetschke: Auf jeden Fall. Viele Leute meinen, die Verbindung von Digitalisierung und Kirche, vor allem im Bereich der sozialen Medien,  sei nicht nötig. Dabei ist es eigentlich schon fünf nach zwölf. Die Kirche hat hier einiges aufzuholen. Die Grenzen haben sich schlichtweg verschoben: Früher gab es Pfarreigrenzen. Es war klar, man geht dort in den Gottesdienst. Heute ist das anders: Menschen gehen in diesen oder jenen Gottesdienst, weil sie hier den Priester toll finden, oder ihnen dort die Musik besser gefällt, ganz nach Interessenslagen. Besonders junge Leute gehen zu eventähnlichen Angeboten, wie MEHR oder BnP (Believe and Pray-Gebetskreis, die Redaktion), die alle ihre Legitimation haben und auch wichtig sind, weil sie den Bedürfnissen der Leute gerecht werden. Und das Ganze repliziert sich auch im Internet. Dort werden auch die Inhalte nach Neigungen rezipiert. Deswegen ist es absolut notwendig dieses Feld der Seelsorge und Verkündigung zu pflegen. 
 
Verstehen Sie ihre Internettätigkeit als moderne Art der Verkündigung?
Jetschke: Ja, sogar in erster Linie. Leute schreiben mich an, dass sie eigentlich nur Orgelmusik hören wollten und auf theologisch inhaltliche Videos von mir gestoßen sind. Das war für viele die Initialzündung, sich immer mehr mit Aspekten des Glaubens, der Liturgie oder anderen Konfessionen, wie der orthodoxen Kirche, zu beschäftigen. 
 
Wäre es also auch auf Pfarreiebene sinnvoll, eine solche Plattform zu betreiben? 
Jetschke: Unbedingt! Heutzutage braucht es einfach die Präsenz der Pfarreien in den sozialen Netzwerken, z.B. auf Facebook. Natürlich macht das über Nacht nicht die Kirche voll. Aber die Menschen wollen ein Live-Bild sehen, von der Osternacht – auf Instagram. Sie wollen vermittelt bekommen: Ich bin mit dabei. Pfarrbriefe können diese Aktualität nicht sicherstellen. Wir denken oft, man muss den Leuten direkt den dicken Braten vorsetzen – Anbetung oder Messe. Dass ihnen aber der Zugang dazu fehlt, wird selten berücksichtigt. Die Nuancen fehlen in unserer Pastoral. Lieber mit einer Vorspeise anfangen und dann häppchenweise aufstocken. Die Sehnsucht der Menschen ist da, nur fehlt uns manchmal die Vorstellung, diese abzurufen. Digitale Seelsorge des 21. Jahrhunderts: eine Facebook-Seite mit spirituellen „Snacks“. Kleine Statements, Videos, Bildimpulse, eben Appetithäppchen. Dafür aktuell, unmittelbar.
 
Sind es vor allem junge Menschen, die Ihren Kanal beziehen?
Jetschke: Ja, besonders Leute zwischen 15 und 40. Genau die Generation, die uns in der Kirche fehlt. Einige schreiben mir, dass sie begonnen haben, Orgel spielen zu lernen und aufgrund meiner Videos überhaupt zur Kirchenmusik gefunden haben. Und es werden tatsächlich immer mehr. Aus dem Nordosten Deutschlands bekam ich aber häufiger die Nachricht, dass dort meine Videos im Gottesdienst per MP3 abgespielt werden, weil kein Organist vorhanden ist. Hier muss sich die Kirche bessere Anreize überlegen. Einen generellen Organistenmangel haben wir also trotzdem noch. Auch deswegen, weil die Orgel häufig zu einem hochheiligen Bereich stilisiert wird, der nur für Profis gemacht sei. Das schreckt junge Leute ab. So etwas ist der Tod der Kirchenmusik und wenn heute die Kirchenmusik tot ist, ist morgen der Glaube tot.
 
Hatten Sie schon einmal eine Art Gotteserfahrung beim Orgeln?
Jetschke: Zuhauf. Orgelspielen ist für mich auch immer eine Form des Gebets, in guten und in schlechten Zeiten. Aber das Gloria der Osternacht ist für mich jedes Jahr aufs Neue ein Befreiungsschlag, eine unbändige Freude. Viel wichtiger ist es für mich aber, durch meine Musik den Menschen eine Gotteserfahrung zu ermöglichen. Gerade bei sehr persönlichen Messen, Taufen, Hochzeiten, aber auch bei einem Requiem: Ich möchte den Ton treffen, den die Menschen in ihrer jeweiligen Situation brauchen, der sie wieder ein Stück näher zu Gott führt. Dann habe ich alles richtig gemacht. Unabhängig von Improvisationen und Präludien.
 
Foto: Katharina Gebauer


Autor: Katharina Stumpf
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