Bayern und London. Ganz klar, da geht es einfach, und nicht erst seit Harry Kane, um Fußball. Um die glorreichen Siege der Rotweißen aus München gegen Chelsea oder Arsenal. Royalisten an Isar und Themse werfen sofort ein, nein, es kann sich nur um den Anspruch der Wittelsbacher als direkte Nachfahren der Stuarts auf den englischen Thron handeln, also King Francis II. statt King Charles III. Bleiben wir beim aktuellen Regenten, dem, wie man der britischen Klatschpresse entnehmen konnte, dringend abgeraten wurde, seinen Vornamen auch als Königsnamen zu führen. Denn er brächte kein Glück: Karl I. wurde bekanntlich enthauptet. Noch schwerwiegender allerdings sind die „Verfehlungen“ Karls II. Er zeigte sich während seiner Regentschaft offensichtlich dem verbotenen „Papismus“ zugetan und trat letztlich auf dem Sterbebett zum katholischen Glauben über. Ein Infernal für jeden König und jede Königin nach ihm.
Ein kurzer Blick in die Geschichte: Seit 1558, dem Todesjahr Mary Tudors, der letzten katholischen Königin Englands, hatte sich die Situation der Katholiken verschärft. Mit der Exkommunizierung Königin Elizabeths I. durch Papst Pius V. zwölf Jahre später, begann die gezielte Verfolgung von Katholiken, insbesondere aber des Klerus. Sie wurden des Hochverrats bezichtigt, gefoltert und hingerichtet. Gesetze, die immer detaillierter und schärfer auf die Lebenswirklichkeit von Katholiken abzielten, schlossen sie von allen öffentlichen Ämtern in Verwaltung und Militär aus; sie untersagten ihnen, an Wahlen teilzunehmen oder Waffen zu besitzen. Ihr Landbesitz wurde doppelt besteuert, bei Steuerschulden fiel er sofort an anglikanische Verwandte oder die Krone. Das Abhalten von Messen, die Erteilung von Sakramenten, der Schulbesuch und der Religionsunterricht waren ebenso verboten wie der Besitz von Gebet- und Gesangsbüchern und Reliquien. Katholisch zu sein war ein Überlebenskampf: Um 1760 lebten nur mehr 60.000 Katholiken auf den Inseln, ein Drittel davon allein in London. Staatsräson war es, den katholischen Glauben völlig auszumerzen.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Dies hätte gelingen können, wären da nicht die Gesandtschaften und die engagierten Botschafter katholisch regierter Länder in London gewesen wie die Grafen von Haslang, urbayerischer Adel mit engen Verbindungen zu Tüßling und Burghausen. Die Botschaft des Kurfürstentums Baiern lag in Soho, am Golden Square 23 und 24 – heute mitten in einem lebendigen Ausgehviertel in der Innenstadt, unweit des Piccadilly Circus.
Ursprünglich vom Königreich Portugal angemietet, ging das Areal der Botschaft 1747 an die Wittelsbacher über. Sie unterhielten seit 1692 diplomatische Beziehungen zum Hof von St. James. Zur neuen bayerischen Vertretung in London gehörte auch eine im Jahr 1724 errichtete Botschaftskapelle, fortan bekannt als „Royal Bavarian Chapel“. Sie ist heute die älteste katholische Kirche Englands, die seit ihrer Erbauung durchgängig von Katholiken genutzt wird; ihre Patronatstage werden an „Mariä Himmelfahrt“ und an ihrem eigentlichen Weihetag, dem 12. März, dem Tag des heiligen Gregors des Großen, gefeiert.
Über ihre einstige Innenausstattung ist nichts bekannt. Ebenfalls in den bayerischen Dienst übernommen wurden fünf Kapläne englischer und irischer Herkunft. Sie spendeten Sakramente, hielten Messen und unterrichteten. Der Zustrom Londoner Katholiken war enorm, genossen doch das gesamte Botschaftsgebäude sowie die darin lebenden und arbeitenden Menschen diplomatische Immunität – und somit auch jegliche Freiheit in ihrer religiösen Glaubensausübung.
Messbesucher gingen durch die Botschaft in die Kapelle im Rückgebäude, die von außen nicht einsehbar gewesen sein soll – die Anonymität der Gläubigen war so garantiert. Was dies grundlegend für den Fortbestand des katholischen Glaubens auf den britischen Inseln bedeutete, war schon Kurfürst Karl Theodor bewusst. Der Regent, der als der anglophilste aller bayerischen Herrscher gilt, sagte: „Es freut mich sehr, (…) dass meine Kapelle mehr als jede andere dazu beigetragen hat, die Religion zu bewahren.“ Es sollte noch bis 2026 dauern, bis mit Andrew Burnham erstmals ein Katholik das politische Spitzenamt des Vereinigten Königreichs bekleidete.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
König Georg III. lockerte 1778 vor dem Hintergrund des Verlustes der amerikanischen Kolonien die antikatholischen Gesetze. Sie gestatteten Katholiken wieder eine größere, auch finanziell fundiertere Teilhabe an Staat und Gesellschaft. Dies rief eine der schillerndsten Figuren der englischen Geschichte auf den Plan, Lord Georg Gordon, einen erfolglosen nachgeborenen Angehörigen des Landadels. Der weltanschauliche und religiöse Wirrkopf hetzte im Sommer 1780 über zwei Wochen lang den Mob auf Londons Katholiken, mit äußerster Brutalität. Das Innere der Kapelle wurde verwüstet, das Inventar völlig zerstört, die Fassade erlitt massive Schäden, Botschaft und Kapelle standen jahrelang leer. Die Pacht der Gebäude ging 1788 an den katholischen Bischof James Robert Talbot über, der die Brache der ehemaligen Kapelle an sechs Treuhänder aus dem katholischen Hochadel und vermögenden Bürgertum für einen Neubau übertrug. Geldmittel wurden eingeworben, die Garantie diplomatischer Immunität für das Kirchengebäude und die finanzielle Verantwortung für den Klerus blieb zunächst beim bayerischen Regenten, der die Kirchengemeinde großzügig mit einer jährlichen Spende bedachte und für den gebetet wurde – bis zum Beitritt Bayerns 1871 zum Deutschen Reich.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Die Entwürfe für die neue Kapelle fertigte der Architekt Joseph Bonomi im klassizistischen Stil des Georgianismus, die Bauzeit des schlichten Ziegelbaus dauerte ein Jahr. Am Gregoritag 1790 wurde die kleine Kirche wiedereröffnet. Bis heute beherrschen die bayerischen Farben weiß und blau das Kircheninnere, trotz einiger Um- und Rückbauten im 19. Jahrhundert. Fasziniert hat die ehemalige königlich bayerische Kapelle seit ihren Anfängen viele, einen ganz besonders schon als Kind. Der heilige Kardinal John Henry Newman, ursprünglich anglikanisch getauft und erzogen, besuchte dort die Messe mit seinem Vater. Königin Mary, die Großmutter von Königin Elizabeth II., fühlte sich besonders dem wundertätigen Marienbild der Kapelle nahe, hielt dort inkognito als „Lady Rose“ Andacht und stiftete große Rosenbuketts für den Altarschmuck zu Marienfeiertagen.
Und überall gibt es in der Kirche mit der ochsenblutroten Fassade Hinweise auf seine fast 300 Jahre währende Verbundenheit mit Bayern, sei es die bayerische Fahne, das Wappenschild der Wittelsbacher mit den Löwen über der Orgel, eine Gedenkplatte für Kronprinz Rupert von Bayern oder der Platz des bayerischen Gesandten im Kirchengestühl. „In Treue fest“ steht immer noch in Glas eingraviert über dem Kirchenportal. Und treu zu Bayern steht die kleine Londoner Kirchengemeinde bis heute, erlebbar immer am 1. Mai, wenn dort mit einer Festmesse der „Patrona Bavariae“ gedacht wird, ganz so wie bei uns.
Text und Fotos: Maximiliane Heigl-Saalfrank


