Weltkirche

London: „In Treue fest“

Redaktion am 03.08.2026

Info Icon Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Mitten in Englands Hauptstadt. Blick in die „Royal Bavarian Chapel“.

Eine fast vergessene englisch-bayerische Geschichte von immenser Bedeutung

Bay­ern und Lon­don. Ganz klar, da geht es ein­fach, und nicht erst seit Har­ry Kane, um Fuß­ball. Um die glor­rei­chen Sie­ge der Rot­wei­ßen aus Mün­chen gegen Chel­sea oder Arse­nal. Roya­lis­ten an Isar und Them­se wer­fen sofort ein, nein, es kann sich nur um den Anspruch der Wit­tels­ba­cher als direk­te Nach­fah­ren der Stuarts auf den eng­li­schen Thron han­deln, also King Fran­cis II. statt King Charles III. Blei­ben wir beim aktu­el­len Regen­ten, dem, wie man der bri­ti­schen Klatsch­pres­se ent­neh­men konn­te, drin­gend abge­ra­ten wur­de, sei­nen Vor­na­men auch als Königs­na­men zu füh­ren. Denn er bräch­te kein Glück: Karl I. wur­de bekannt­lich ent­haup­tet. Noch schwer­wie­gen­der aller­dings sind die Ver­feh­lun­gen“ Karls II. Er zeig­te sich wäh­rend sei­ner Regent­schaft offen­sicht­lich dem ver­bo­te­nen Papis­mus“ zuge­tan und trat letzt­lich auf dem Ster­be­bett zum katho­li­schen Glau­ben über. Ein Infer­nal für jeden König und jede Köni­gin nach ihm.

Ein kur­zer Blick in die Geschich­te: Seit 1558, dem Todes­jahr Mary Tudors, der letz­ten katho­li­schen Köni­gin Eng­lands, hat­te sich die Situa­ti­on der Katho­li­ken ver­schärft. Mit der Exkom­mu­ni­zie­rung Köni­gin Eliza­beths I. durch Papst Pius V. zwölf Jah­re spä­ter, begann die geziel­te Ver­fol­gung von Katho­li­ken, ins­be­son­de­re aber des Kle­rus. Sie wur­den des Hoch­ver­rats bezich­tigt, gefol­tert und hin­ge­rich­tet. Geset­ze, die immer detail­lier­ter und schär­fer auf die Lebens­wirk­lich­keit von Katho­li­ken abziel­ten, schlos­sen sie von allen öffent­li­chen Ämtern in Ver­wal­tung und Mili­tär aus; sie unter­sag­ten ihnen, an Wah­len teil­zu­neh­men oder Waf­fen zu besit­zen. Ihr Land­be­sitz wur­de dop­pelt besteu­ert, bei Steu­er­schul­den fiel er sofort an angli­ka­ni­sche Ver­wand­te oder die Kro­ne. Das Abhal­ten von Mes­sen, die Ertei­lung von Sakra­men­ten, der Schul­be­such und der Reli­gi­ons­un­ter­richt waren eben­so ver­bo­ten wie der Besitz von Gebet- und Gesangs­bü­chern und Reli­qui­en. Katho­lisch zu sein war ein Über­le­bens­kampf: Um 1760 leb­ten nur mehr 60.000 Katho­li­ken auf den Inseln, ein Drit­tel davon allein in Lon­don. Staats­rä­son war es, den katho­li­schen Glau­ben völ­lig auszumerzen.

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„Royal Bavarian Chapel“ in London. Blick auf das Kirchenportal mit dem eingravierten Ausspruch „In Treue fest“.

Dies hät­te gelin­gen kön­nen, wären da nicht die Gesandt­schaf­ten und die enga­gier­ten Bot­schaf­ter katho­lisch regier­ter Län­der in Lon­don gewe­sen wie die Gra­fen von Has­lang, urbaye­ri­scher Adel mit engen Ver­bin­dun­gen zu Tüß­ling und Burg­hau­sen. Die Bot­schaft des Kur­fürs­ten­tums Bai­ern lag in Soho, am Gol­den Squa­re 23 und 24 – heu­te mit­ten in einem leben­di­gen Aus­geh­vier­tel in der Innen­stadt, unweit des Pic­ca­dil­ly Cir­cus.
Ursprüng­lich vom König­reich Por­tu­gal ange­mie­tet, ging das Are­al der Bot­schaft 1747 an die Wit­tels­ba­cher über. Sie unter­hiel­ten seit 1692 diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen zum Hof von St. James. Zur neu­en baye­ri­schen Ver­tre­tung in Lon­don gehör­te auch eine im Jahr 1724 errich­te­te Bot­schafts­ka­pel­le, fort­an bekannt als Roy­al Bava­ri­an Cha­pel“. Sie ist heu­te die ältes­te katho­li­sche Kir­che Eng­lands, die seit ihrer Erbau­ung durch­gän­gig von Katho­li­ken genutzt wird; ihre Patro­nats­ta­ge wer­den an Mariä Him­mel­fahrt“ und an ihrem eigent­li­chen Wei­he­tag, dem 12. März, dem Tag des hei­li­gen Gre­gors des Gro­ßen, gefeiert.

Über ihre eins­ti­ge Innen­aus­stat­tung ist nichts bekannt. Eben­falls in den baye­ri­schen Dienst über­nom­men wur­den fünf Kaplä­ne eng­li­scher und iri­scher Her­kunft. Sie spen­de­ten Sakra­men­te, hiel­ten Mes­sen und unter­rich­te­ten. Der Zustrom Lon­do­ner Katho­li­ken war enorm, genos­sen doch das gesam­te Bot­schafts­ge­bäu­de sowie die dar­in leben­den und arbei­ten­den Men­schen diplo­ma­ti­sche Immu­ni­tät – und somit auch jeg­li­che Frei­heit in ihrer reli­giö­sen Glaubensausübung.

Mess­be­su­cher gin­gen durch die Bot­schaft in die Kapel­le im Rück­ge­bäu­de, die von außen nicht ein­seh­bar gewe­sen sein soll – die Anony­mi­tät der Gläu­bi­gen war so garan­tiert. Was dies grund­le­gend für den Fort­be­stand des katho­li­schen Glau­bens auf den bri­ti­schen Inseln bedeu­te­te, war schon Kur­fürst Karl Theo­dor bewusst. Der Regent, der als der anglo­phils­te aller baye­ri­schen Herr­scher gilt, sag­te: Es freut mich sehr, (…) dass mei­ne Kapel­le mehr als jede ande­re dazu bei­getra­gen hat, die Reli­gi­on zu bewah­ren.“ Es soll­te noch bis 2026 dau­ern, bis mit Andrew Burn­ham erst­mals ein Katho­lik das poli­ti­sche Spit­zen­amt des Ver­ei­nig­ten König­reichs bekleidete.

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Blick auf den Eingang zur „Royal Bavarian Chapel“ in London.

König Georg III. locker­te 1778 vor dem Hin­ter­grund des Ver­lus­tes der ame­ri­ka­ni­schen Kolo­nien die anti­ka­tho­li­schen Geset­ze. Sie gestat­te­ten Katho­li­ken wie­der eine grö­ße­re, auch finan­zi­ell fun­dier­te­re Teil­ha­be an Staat und Gesell­schaft. Dies rief eine der schil­lernds­ten Figu­ren der eng­li­schen Geschich­te auf den Plan, Lord Georg Gor­don, einen erfolg­lo­sen nach­ge­bo­re­nen Ange­hö­ri­gen des Land­adels. Der welt­an­schau­li­che und reli­giö­se Wirr­kopf hetz­te im Som­mer 1780 über zwei Wochen lang den Mob auf Lon­dons Katho­li­ken, mit äußers­ter Bru­ta­li­tät. Das Inne­re der Kapel­le wur­de ver­wüs­tet, das Inven­tar völ­lig zer­stört, die Fas­sa­de erlitt mas­si­ve Schä­den, Bot­schaft und Kapel­le stan­den jah­re­lang leer. Die Pacht der Gebäu­de ging 1788 an den katho­li­schen Bischof James Robert Tal­bot über, der die Bra­che der ehe­ma­li­gen Kapel­le an sechs Treu­hän­der aus dem katho­li­schen Hoch­adel und ver­mö­gen­den Bür­ger­tum für einen Neu­bau über­trug. Geld­mit­tel wur­den ein­ge­wor­ben, die Garan­tie diplo­ma­ti­scher Immu­ni­tät für das Kir­chen­ge­bäu­de und die finan­zi­el­le Ver­ant­wor­tung für den Kle­rus blieb zunächst beim baye­ri­schen Regen­ten, der die Kir­chen­ge­mein­de groß­zü­gig mit einer jähr­li­chen Spen­de bedach­te und für den gebe­tet wur­de – bis zum Bei­tritt Bay­erns 1871 zum Deut­schen Reich.

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Wie bei uns: Eine Einladung zur Feier des Festtages Patrona Bavariae am Aushang in der Londoner „Royal Bavarian Chapel“.

Die Ent­wür­fe für die neue Kapel­le fer­tig­te der Archi­tekt Joseph Bono­mi im klas­si­zis­ti­schen Stil des Geor­gia­nis­mus, die Bau­zeit des schlich­ten Zie­gel­baus dau­er­te ein Jahr. Am Gre­go­ri­tag 1790 wur­de die klei­ne Kir­che wie­der­eröff­net. Bis heu­te beherr­schen die baye­ri­schen Far­ben weiß und blau das Kir­chen­in­ne­re, trotz eini­ger Um- und Rück­bau­ten im 19. Jahr­hun­dert. Fas­zi­niert hat die ehe­ma­li­ge könig­lich baye­ri­sche Kapel­le seit ihren Anfän­gen vie­le, einen ganz beson­ders schon als Kind. Der hei­li­ge Kar­di­nal John Hen­ry New­man, ursprüng­lich angli­ka­nisch getauft und erzo­gen, besuch­te dort die Mes­se mit sei­nem Vater. Köni­gin Mary, die Groß­mutter von Köni­gin Eliza­beth II., fühl­te sich beson­ders dem wun­der­tä­ti­gen Mari­en­bild der Kapel­le nahe, hielt dort inko­gni­to als Lady Rose“ Andacht und stif­te­te gro­ße Rosen­bu­ketts für den Altar­schmuck zu Marienfeiertagen.

Und über­all gibt es in der Kir­che mit der och­sen­blut­ro­ten Fas­sa­de Hin­wei­se auf sei­ne fast 300 Jah­re wäh­ren­de Ver­bun­den­heit mit Bay­ern, sei es die baye­ri­sche Fah­ne, das Wap­pen­schild der Wit­tels­ba­cher mit den Löwen über der Orgel, eine Gedenk­plat­te für Kron­prinz Rupert von Bay­ern oder der Platz des baye­ri­schen Gesand­ten im Kir­chen­ge­stühl. In Treue fest“ steht immer noch in Glas ein­gra­viert über dem Kir­chen­por­tal. Und treu zu Bay­ern steht die klei­ne Lon­do­ner Kir­chen­ge­mein­de bis heu­te, erleb­bar immer am 1. Mai, wenn dort mit einer Fest­mes­se der Patro­na Bava­riae“ gedacht wird, ganz so wie bei uns.

Text und Fotos: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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