Foto: Barbara Osdarty
Gott suchen – Gott finden – in Beziehung bleiben: Andreas König ist Lyriker, Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Christ. Er ist einer, der nicht lockerlässt, der Gott in allem sucht und ihm oft auf überraschende Weise begegnet. Kürzlich ist im Passauer Ralf-Schuster-Verlag sein neuer Band „Kirchgang mit Zugvögeln“ erschienen. Im Bistumsblatt-Interview spricht er über sein Buch, sein Schaffen und seinen Glauben.
Herr König, Gott und Glaube waren auch in Ihren anderen Publikationen immer wieder ein Thema. In „Kirchgang mit Zugvögeln“ sind religiöse Themen aber noch präsenter, ich würde sogar sagen, dass es nur wenige Texte gibt, die nicht in irgendeiner Form auf Gott Bezug nehmen, direkt oder indirekt. Stimmt der Eindruck? Und wenn ja: Gibt es einen Grund beziehungsweise einen Auslöser dafür, dass religiöse Themen in Ihrem aktuellen Schaffensprozess einen so hohen Stellenwert einnehmen?
König: Der Eindruck ist zweifellos richtig. Ich denke, der Grund dafür ist, dass das Schreiben ein Versuch ist, die vielfältigen, immer drängender werdenden Krisen, in denen wir gemeinsam stehen und in denen ich persönlich stehe, irgendwie zu bewältigen – im Sinne von: Antwort zu suchen auf die Frage nach dem Leid, nach der Bewältigung unserer wachsenden Ohnmacht, auch des „Schwunds“ der Kirchen, könnte man sagen. Und ich suche diese Antworten dort, wo mir die größte Glaubwürdigkeit entgegenblickt: bei und in einer konkreten, dialogisch in Beziehung tretenden Person.
In früheren Gedichten haben Sie auch die Suche nach Gott thematisiert. Es blieb aber oft ein Fragezeichen am Ende, ein „Vielleicht“. Im neuen Band scheint er für Sie zur Gewissheit geworden zu sein. Stimmt das?
König: Zur Gewissheit, die ich nicht habe, ja. Zum Gegenüber, das ich nicht festhalte, sondern gehen lasse, wohin es mit mir gehen will. Es ist sich meiner gewiss.
Könnten Sie das noch etwas genauer ausführen?
König: Ja, gerne, obwohl es nicht leicht zu beschreiben ist. Ich denke da an den Ostermorgen: „Haltet mich nicht fest!“ Was heißt also Gewissheit? Da schwingt so etwas von „Besitz“, von „haben“ mit. Und „besitzen“ tue ich Gott sicher nicht. Mir scheint es im Glauben sehr wichtig, Gott völlige Freiheit zu lassen. Wobei „ihm Freiheit lassen“ eigentlich schon wieder eine ungünstige Formulierung ist, das würde ja implizieren, dass wir die Entscheidung treffen. Versuchen wir es so: Ich denke, es wäre gut, wenn es uns gelingt, in einer Haltung zu bleiben, in der Gott der Freie ist, der uns auf ganz unterschiedliche Weise begegnen kann.
Foto: Wolfgang Meerwald
So eine Haltung einzunehmen, ist aber schon eine ganz schön große Herausforderung, oder?
König: Ja. Denn sie muss sich im Leben immer wieder neu realisieren. Und da wird es manchmal schwierig. Für mich, und dafür bin ich dankbar, ist es Gewissheit, dass es Gott gibt. Ich muss mir diese Frage nicht immer neu stellen. Und auch nicht immer neu überlegen, wie ich mit ihm reden, mit ihm in Beziehung treten kann. Ich drücke es mal so aus: Die Tür ist da. Worum ich immer wieder neu ringe, ist, ob ich hindurchgehe. Ob ich trotz Schicksalsschlägen, Leid, Sorgen offen bin für Gott. Ob ich wirklich „Ja“ sagen kann zu dem Weg, den ich zu gehen habe und der keineswegs immer meinen persönlichen Vorstellungen entspricht, und ob ich mich Gott trotz aller Widrigkeiten ganz überlassen kann.
Sie sind ja auch Psychotherapeut. Sich einem anderen, in diesem Fall Gott, ganz hingeben, bedeutet das, dass der Mensch selbst nichts wollen, nichts planen sollte?
König: Nein, gar nicht. Ich sehe Gott und Mensch als Partner. Natürlich dürfen wir einen eigenen Willen und eigene Wünsche haben. Aber wenn dann im Leben doch einmal etwas nicht so läuft, wie erwartet, dann finde ich es, wenn man gläubig ist, wichtig, den Schritt zu gehen, zu sagen: Was willst du mir mit dem, was mir gerade passiert, zeigen?
Viel zu schnell geraten wir in eine Art Selbstgespräch, drehen uns nur noch um uns und letztlich im Kreis. Dabei lohnt es sich so sehr, im Dialog zu bleiben. – Was willst du von mir/für mich? – Nicht immer findet man schnell eine Antwort, aber wenn man sich einlässt, kommen überraschende Ergebnisse heraus, in meinem Fall mitunter ein Gedicht!
Sie stellen Ihrem Band, gewissermaßen als Einleitung bzw. Motto, den Psalm 94 voran (Wäre nicht der Herr meine Hilfe, bald würde ich im Land des Schweigens wohnen). Auch in mehreren Ihrer Gedichte thematisieren Sie den lyrischen Schaffensprozess als einen von Gott inspirierten. Sind Gedichte in diesem Sinne Verkündigung und der Dichter ein „Werkzeug Gottes“?
König: Ich denke, Gedichte sind Geschöpfe und als solche „gezeugt“. Da ich keine Schnecke bin (Augenzwinkern!), bedarf es mithin zur Entstehung eines Gedichtes zweier Mitwirkender. Die größte Freude stellt sich ein, wenn etwas entsteht, das so nicht geplant war – wenn sich das Gedicht durchsetzt gegen das, was ich „sagen“ wollte. Würde mein Schreiben in der Absicht der Verkündigung geschehen, würde ich mir selbst den Rat geben, geistliche Aufsätze zu verfassen, denn die würden gewiss mehr Leute erreichen, als es Gedichte tun. Gäbe es aber nichts, was unbedingt „lyrisch verkündet“ werden muss, würde ich schweigen.
„Ich sehe einen klaren Zusammenhang zwischen dem Umgang mit unserem Planeten und dem Wegbrechen unseres christlichen Fundaments. Verzicht bedarf doch einer „inneren Begründung“, eines Anlasses, Opferbereitschaft im menschlichen Zusammenleben ebenso. Diese Begründung kann der Materialismus und Egozentrismus wohl kaum liefern.”
Beruht das Gedicht „Die Armen habt ihr immer bei euch“ auf einer wahren Begebenheit? Und geht es Ihnen dabei vor allem um den konkreten Fall, oder, darüber hinaus, auch darum, dass wir generell zu sorglos umgehen mit allem, was Gott uns anvertraut hat?
König: Das Gedicht entstand (ebenso wie das über den Mann, den man als Baby auf einer Müllkippe fand), nachdem ich den Film „Sonne über Kalkutta“ gesehen hatte. Es hat mich tief bewegt, zu sehen, wie es einem Menschen möglich war, das Leid, das ihm zugefügt worden ist, mit Hilfe seines Glaubens in etwas zu verwandeln, das Versöhnung und inneren Frieden stiftet. Um diese Frage geht es ja auch häufig in psychotherapeutischen Prozessen. Im Gedicht „Die Armen“ stellte sich darüber hinaus eine Verknüpfung zwischen dem „Luxus des Schreibens“ und dem selbstlosen Wirken von Mutter Teresa ein, die mich interessiert, weil sie ja trotz ihrer „inneren Glaubensdunkelheit“ nicht aufgehört hat, zu glauben.
In „Kirchgang mit Zugvögeln“ geht es immer wieder um eine Einheit von Schöpfer und Schöpfung: das Eins-Sein von Gott, Mensch und Natur. Gibt es diese Einheit Ihrem Empfinden nach in unserer „zerbrochenen Welt“ noch, oder ist sie nur eine Erinnerung, vielleicht auch eher eine Sehnsucht?
König: Ich denke, zu dieser Einheit zurückzufinden, ist unsere einzige Chance. Anders ausgedrückt: Ich sehe einen klaren Zusammenhang zwischen dem Umgang mit unserem Planeten und dem Wegbrechen unseres christlichen Fundaments (unserer „Werte“). Verzicht (auf Konsum z.B.) bedarf doch einer „inneren Begründung“, eines Anlasses, Opferbereitschaft im menschlichen Zusammenleben ebenso. Diese Begründung kann der Materialismus und Egozentrismus wohl kaum liefern.
Foto: red
Als Lyriker, der die Welt um sich herum genau beobachtet, mehr noch aber als Psychotherapeut sind Sie oft mit dem Schweren, Unvollkommenen, mit Angst, Not und Scheitern konfrontiert. Dennoch vermitteln Ihre Gedichte die feste Überzeugung, dass Gott den Menschen zugewandt ist, dass er sie liebt und dass er uns wirklich erlösen kann und will. Wie gelingt es Ihnen, sich in einer Welt voll Schatten diese Überzeugung zu bewahren?
König: Ich würde eher sagen, diese Überzeugung hat mich bislang „bewahrt“. Wer glaubt, kommt nicht umhin, seinen Glauben radikalen Fragen und Erfahrungen auszusetzen. Die radikalste Anfrage ist wohl immer noch Auschwitz. Ein „Glauben danach“ ist mir persönlich nur mit Blick auf den leidenden Christus möglich, der in die größtmögliche Dunkelheit hineingeht, um dort – dort! – Licht zu sein.
Sie erzählen glauben immer wieder als Akt der Begegnung, mehr noch, der Beziehung. Wie kann die Beziehung Mensch/Gott Ihrer Meinung nach in einer stark säkularisierten Gesellschaft wie der unseren noch gelingen?
König: Das ist wirklich eine Herausforderung. Ich glaube aber, ER ist es ja, der diese Beziehung sucht und nicht abreißen lässt. Und wie ER im tiefsten Dunkel zu finden ist, so ist er auch im säkularsten Milieu zu finden, freilich völlig anders, als wir es erwarten.
Mir persönlich fällt es natürlich auch viel leichter, seine Nähe in einer alten Kirche zu spüren als im Kaufhaus. Aber wir müssen als Glaubende gerade auch dort nach Zeichen seiner Gegenwart Ausschau halten – und vor allem selber solche Zeichen sein!
Einige Texte thematisieren auch, dass glauben heute (wieder) „gegen den Strom schwimmen“ heißt. Lohnt es sich für moderne Menschen, die Herausforderung anzunehmen, nach Gott zu suchen bzw. auch für den Glauben einzutreten?
König: Absolut. Es lohnt zutiefst, auch wenn es oft vergeblich erscheint. Ich glaube, das „Zeitalter der Laien“ birgt viele Chancen. Wer kommt denn noch mit den Menschen in Kontakt, die sich längst von Glaube und Kirche abgewandt haben? Hier vermisse ich Ansätze seitens der „Amtskirche“, dem Rechnung zu tragen. Überhaupt vermisse ich „Ideen“, die zünden. Zu betonen, dass die hierarchische Ordnung der Kirche keine menschengemachte ist, wie es jüngst der Papst getan hat, klingt sehr nach innerkirchlicher Selbstvergewisserung und ‑stabilisierung. Vielmehr müsste doch gesagt werden: Ihr alle, Frauen und Männer, die ihr Brötchen verkauft, Artikel schreibt oder Psychotherapie anbietet, ihr seid die, die jetzt gefragt sind. Und zwar ernsthaft, nicht nur so dahingesagt. – Und nochmal: Ich glaube, dass die Herausforderungen, die die Klimakrise und die Umweltzerstörung mit sich bringen, nur auf der Grundlage eines christlichen Wertefundaments zu bewältigen sind, das bei jeder und jedem zu einem veränderten Handeln führen kann.
Im Dialog mit Gott und der Welt
Gedichte aus „Kirchgang mit Zugvögeln“
Ein Rätsel
Ich bin mir ein Rätsel
Und kann mich
nicht lösen
Du bleibst mir ein Rätsel
Wie könnt ich mich lösen
von dir?
Ich bin dir kein Rätsel
Du hast mich
erlöst.
Die Armen habt ihr immer bei euch
Ich habe die Armen bei mir
und die kleine Frau
im weißen Sari,
die auf dem Müll
das Baby fand
Es war so dunkel in ihr,
doch um sie
wurde es hell
Vielleicht entschuldigt mich
die Unverkäuflichkeit meiner Verse,
die ich schreibe,
auf der Suche nach einem Reich,
in dem nichts weggeworfen wird,
das deine Handschrift trägt
Spaziergang am Fluss
Fängst du in mir zu lieben an,
geh ich nicht mehr
am Fluss entlang
Und gehe doch am Fluss,
wo jedes Wesen sterben muss,
das du unsterblich liebst.
Du
I
Ich sage Du zu dir,
als wärst du sichtbar hier
Und du sagst mir,
ich sehe dich
II
Ich werde sichtbar hier,
denn du sagst Du zu mir
Begegnung im Garten
Glaubst du,
dass ich es bin?
In der Brise, im Lichtglanz
der Frühe, im Leben
stellst du die Frage
Unhörbar
Zärtliche Frage,
in die du dich stellst
wie ein Liebender,
der Antwort preisgegeben
Ich glaube
dem Baum,
jedem Blatt,
dass du bist.
