Das glauben wir

„Denn du sagst Du zu mir“

Redaktion am 18.05.2026

Info Icon Foto: Barbara Osdarty
„Ich glaube dem Baum, jedem Blatt, dass Du bist“ – Natur und Mensch, Mensch und Mensch, Mensch, Natur und Gott: Immer wieder ist in den Gedichten von Andreas König die Überzeugung greifbar, dass alles mit allem zusammenhängt, in Beziehung steht.

Gott suchen – Gott finden – in Beziehung bleiben: Andreas König ist Lyriker, Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Christ. Er ist einer, der nicht lockerlässt, der Gott in allem sucht und ihm oft auf überraschende Weise begegnet. Kürzlich ist im Passauer Ralf-Schuster-Verlag sein neuer Band „Kirchgang mit Zugvögeln“ erschienen. Im Bistumsblatt-Interview spricht er über sein Buch, sein Schaffen und seinen Glauben.

Herr König, Gott und Glau­be waren auch in Ihren ande­ren Publi­ka­tio­nen immer wie­der ein The­ma. In Kirch­gang mit Zug­vö­geln“ sind reli­giö­se The­men aber noch prä­sen­ter, ich wür­de sogar sagen, dass es nur weni­ge Tex­te gibt, die nicht in irgend­ei­ner Form auf Gott Bezug neh­men, direkt oder indi­rekt. Stimmt der Ein­druck? Und wenn ja: Gibt es einen Grund bezie­hungs­wei­se einen Aus­lö­ser dafür, dass reli­giö­se The­men in Ihrem aktu­el­len Schaf­fens­pro­zess einen so hohen Stel­len­wert ein­neh­men?
König: Der Ein­druck ist zwei­fel­los rich­tig. Ich den­ke, der Grund dafür ist, dass das Schrei­ben ein Ver­such ist, die viel­fäl­ti­gen, immer drän­gen­der wer­den­den Kri­sen, in denen wir gemein­sam ste­hen und in denen ich per­sön­lich ste­he, irgend­wie zu bewäl­ti­gen – im Sin­ne von: Ant­wort zu suchen auf die Fra­ge nach dem Leid, nach der Bewäl­ti­gung unse­rer wach­sen­den Ohn­macht, auch des Schwunds“ der Kir­chen, könn­te man sagen. Und ich suche die­se Ant­wor­ten dort, wo mir die größ­te Glaub­wür­dig­keit ent­ge­gen­blickt: bei und in einer kon­kre­ten, dia­lo­gisch in Bezie­hung tre­ten­den Person.

In frü­he­ren Gedich­ten haben Sie auch die Suche nach Gott the­ma­ti­siert. Es blieb aber oft ein Fra­ge­zei­chen am Ende, ein Viel­leicht“. Im neu­en Band scheint er für Sie zur Gewiss­heit gewor­den zu sein. Stimmt das?
König: Zur Gewiss­heit, die ich nicht habe, ja. Zum Gegen­über, das ich nicht fest­hal­te, son­dern gehen las­se, wohin es mit mir gehen will. Es ist sich mei­ner gewiss.

Könn­ten Sie das noch etwas genau­er aus­füh­ren?
König: Ja, ger­ne, obwohl es nicht leicht zu beschrei­ben ist. Ich den­ke da an den Oster­mor­gen: Hal­tet mich nicht fest!“ Was heißt also Gewiss­heit? Da schwingt so etwas von Besitz“, von haben“ mit. Und besit­zen“ tue ich Gott sicher nicht. Mir scheint es im Glau­ben sehr wich­tig, Gott völ­li­ge Frei­heit zu las­sen. Wobei ihm Frei­heit las­sen“ eigent­lich schon wie­der eine ungüns­ti­ge For­mu­lie­rung ist, das wür­de ja impli­zie­ren, dass wir die Ent­schei­dung tref­fen. Ver­su­chen wir es so: Ich den­ke, es wäre gut, wenn es uns gelingt, in einer Hal­tung zu blei­ben, in der Gott der Freie ist, der uns auf ganz unter­schied­li­che Wei­se begeg­nen kann.

Andreas König. Info Icon Foto: Wolfgang Meerwald
Andreas König befasst sich in seinen Gedichten seit vielen Jahren mit Themen rund um Gott und Glaube.

So eine Hal­tung ein­zu­neh­men, ist aber schon eine ganz schön gro­ße Her­aus­for­de­rung, oder?
König: Ja. Denn sie muss sich im Leben immer wie­der neu rea­li­sie­ren. Und da wird es manch­mal schwie­rig. Für mich, und dafür bin ich dank­bar, ist es Gewiss­heit, dass es Gott gibt. Ich muss mir die­se Fra­ge nicht immer neu stel­len. Und auch nicht immer neu über­le­gen, wie ich mit ihm reden, mit ihm in Bezie­hung tre­ten kann. Ich drü­cke es mal so aus: Die Tür ist da. Wor­um ich immer wie­der neu rin­ge, ist, ob ich hin­durch­ge­he. Ob ich trotz Schick­sals­schlä­gen, Leid, Sor­gen offen bin für Gott. Ob ich wirk­lich Ja“ sagen kann zu dem Weg, den ich zu gehen habe und der kei­nes­wegs immer mei­nen per­sön­li­chen Vor­stel­lun­gen ent­spricht, und ob ich mich Gott trotz aller Wid­rig­kei­ten ganz über­las­sen kann.

Sie sind ja auch Psy­cho­the­ra­peut. Sich einem ande­ren, in die­sem Fall Gott, ganz hin­ge­ben, bedeu­tet das, dass der Mensch selbst nichts wol­len, nichts pla­nen soll­te?
König: Nein, gar nicht. Ich sehe Gott und Mensch als Part­ner. Natür­lich dür­fen wir einen eige­nen Wil­len und eige­ne Wün­sche haben. Aber wenn dann im Leben doch ein­mal etwas nicht so läuft, wie erwar­tet, dann fin­de ich es, wenn man gläu­big ist, wich­tig, den Schritt zu gehen, zu sagen: Was willst du mir mit dem, was mir gera­de pas­siert, zeigen?

Viel zu schnell gera­ten wir in eine Art Selbst­ge­spräch, dre­hen uns nur noch um uns und letzt­lich im Kreis. Dabei lohnt es sich so sehr, im Dia­log zu blei­ben. – Was willst du von mir/​für mich? – Nicht immer fin­det man schnell eine Ant­wort, aber wenn man sich ein­lässt, kom­men über­ra­schen­de Ergeb­nis­se her­aus, in mei­nem Fall mit­un­ter ein Gedicht!

Sie stel­len Ihrem Band, gewis­ser­ma­ßen als Ein­lei­tung bzw. Mot­to, den Psalm 94 vor­an (Wäre nicht der Herr mei­ne Hil­fe, bald wür­de ich im Land des Schwei­gens woh­nen). Auch in meh­re­ren Ihrer Gedich­te the­ma­ti­sie­ren Sie den lyri­schen Schaf­fens­pro­zess als einen von Gott inspi­rier­ten. Sind Gedich­te in die­sem Sin­ne Ver­kün­di­gung und der Dich­ter ein Werk­zeug Got­tes“?
König: Ich den­ke, Gedich­te sind Geschöp­fe und als sol­che gezeugt“. Da ich kei­ne Schne­cke bin (Augen­zwin­kern!), bedarf es mit­hin zur Ent­ste­hung eines Gedich­tes zwei­er Mit­wir­ken­der. Die größ­te Freu­de stellt sich ein, wenn etwas ent­steht, das so nicht geplant war – wenn sich das Gedicht durch­setzt gegen das, was ich sagen“ woll­te. Wür­de mein Schrei­ben in der Absicht der Ver­kün­di­gung gesche­hen, wür­de ich mir selbst den Rat geben, geist­li­che Auf­sät­ze zu ver­fas­sen, denn die wür­den gewiss mehr Leu­te errei­chen, als es Gedich­te tun. Gäbe es aber nichts, was unbe­dingt lyrisch ver­kün­det“ wer­den muss, wür­de ich schweigen.

Ich sehe einen kla­ren Zusam­men­hang zwi­schen dem Umgang mit unse­rem Pla­ne­ten und dem Weg­bre­chen unse­res christ­li­chen Fun­da­ments. Ver­zicht bedarf doch einer inne­ren Begrün­dung“, eines Anlas­ses, Opfer­be­reit­schaft im mensch­li­chen Zusam­men­le­ben eben­so. Die­se Begrün­dung kann der Mate­ria­lis­mus und Ego­zen­tris­mus wohl kaum liefern.”

Andreas König

Beruht das Gedicht Die Armen habt ihr immer bei euch“ auf einer wah­ren Bege­ben­heit? Und geht es Ihnen dabei vor allem um den kon­kre­ten Fall, oder, dar­über hin­aus, auch dar­um, dass wir gene­rell zu sorg­los umge­hen mit allem, was Gott uns anver­traut hat?
König: Das Gedicht ent­stand (eben­so wie das über den Mann, den man als Baby auf einer Müll­kip­pe fand), nach­dem ich den Film Son­ne über Kal­kut­ta“ gese­hen hat­te. Es hat mich tief bewegt, zu sehen, wie es einem Men­schen mög­lich war, das Leid, das ihm zuge­fügt wor­den ist, mit Hil­fe sei­nes Glau­bens in etwas zu ver­wan­deln, das Ver­söh­nung und inne­ren Frie­den stif­tet. Um die­se Fra­ge geht es ja auch häu­fig in psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Pro­zes­sen. Im Gedicht Die Armen“ stell­te sich dar­über hin­aus eine Ver­knüp­fung zwi­schen dem Luxus des Schrei­bens“ und dem selbst­lo­sen Wir­ken von Mut­ter Tere­sa ein, die mich inter­es­siert, weil sie ja trotz ihrer inne­ren Glau­bens­dun­kel­heit“ nicht auf­ge­hört hat, zu glauben.

In Kirch­gang mit Zug­vö­geln“ geht es immer wie­der um eine Ein­heit von Schöp­fer und Schöp­fung: das Eins-Sein von Gott, Mensch und Natur. Gibt es die­se Ein­heit Ihrem Emp­fin­den nach in unse­rer zer­bro­che­nen Welt“ noch, oder ist sie nur eine Erin­ne­rung, viel­leicht auch eher eine Sehn­sucht?
König: Ich den­ke, zu die­ser Ein­heit zurück­zu­fin­den, ist unse­re ein­zi­ge Chan­ce. Anders aus­ge­drückt: Ich sehe einen kla­ren Zusam­men­hang zwi­schen dem Umgang mit unse­rem Pla­ne­ten und dem Weg­bre­chen unse­res christ­li­chen Fun­da­ments (unse­rer Wer­te“). Ver­zicht (auf Kon­sum z.B.) bedarf doch einer inne­ren Begrün­dung“, eines Anlas­ses, Opfer­be­reit­schaft im mensch­li­chen Zusam­men­le­ben eben­so. Die­se Begrün­dung kann der Mate­ria­lis­mus und Ego­zen­tris­mus wohl kaum liefern.

Buchcover. Info Icon Foto: red
Andreas König: Kirchgang mit Zugvögeln und andere Gedichte; Taschenbuch (131 Seiten), Ralf Schuster Verlag Passau, ISBN 978-3-940784-69-8.

Als Lyri­ker, der die Welt um sich her­um genau beob­ach­tet, mehr noch aber als Psy­cho­the­ra­peut sind Sie oft mit dem Schwe­ren, Unvoll­kom­me­nen, mit Angst, Not und Schei­tern kon­fron­tiert. Den­noch ver­mit­teln Ihre Gedich­te die fes­te Über­zeu­gung, dass Gott den Men­schen zuge­wandt ist, dass er sie liebt und dass er uns wirk­lich erlö­sen kann und will. Wie gelingt es Ihnen, sich in einer Welt voll Schat­ten die­se Über­zeu­gung zu bewah­ren?
König: Ich wür­de eher sagen, die­se Über­zeu­gung hat mich bis­lang bewahrt“. Wer glaubt, kommt nicht umhin, sei­nen Glau­ben radi­ka­len Fra­gen und Erfah­run­gen aus­zu­set­zen. Die radi­kals­te Anfra­ge ist wohl immer noch Ausch­witz. Ein Glau­ben danach“ ist mir per­sön­lich nur mit Blick auf den lei­den­den Chris­tus mög­lich, der in die größt­mög­li­che Dun­kel­heit hin­ein­geht, um dort – dort! – Licht zu sein.

Sie erzäh­len glau­ben immer wie­der als Akt der Begeg­nung, mehr noch, der Bezie­hung. Wie kann die Bezie­hung Mensch/​Gott Ihrer Mei­nung nach in einer stark säku­la­ri­sier­ten Gesell­schaft wie der unse­ren noch gelin­gen?
König: Das ist wirk­lich eine Her­aus­for­de­rung. Ich glau­be aber, ER ist es ja, der die­se Bezie­hung sucht und nicht abrei­ßen lässt. Und wie ER im tiefs­ten Dun­kel zu fin­den ist, so ist er auch im säku­lars­ten Milieu zu fin­den, frei­lich völ­lig anders, als wir es erwarten.

Mir per­sön­lich fällt es natür­lich auch viel leich­ter, sei­ne Nähe in einer alten Kir­che zu spü­ren als im Kauf­haus. Aber wir müs­sen als Glau­ben­de gera­de auch dort nach Zei­chen sei­ner Gegen­wart Aus­schau hal­ten – und vor allem sel­ber sol­che Zei­chen sein!

Eini­ge Tex­te the­ma­ti­sie­ren auch, dass glau­ben heu­te (wie­der) gegen den Strom schwim­men“ heißt. Lohnt es sich für moder­ne Men­schen, die Her­aus­for­de­rung anzu­neh­men, nach Gott zu suchen bzw. auch für den Glau­ben ein­zu­tre­ten?
König: Abso­lut. Es lohnt zutiefst, auch wenn es oft ver­geb­lich erscheint. Ich glau­be, das Zeit­al­ter der Lai­en“ birgt vie­le Chan­cen. Wer kommt denn noch mit den Men­schen in Kon­takt, die sich längst von Glau­be und Kir­che abge­wandt haben? Hier ver­mis­se ich Ansät­ze sei­tens der Amts­kir­che“, dem Rech­nung zu tra­gen. Über­haupt ver­mis­se ich Ideen“, die zün­den. Zu beto­nen, dass die hier­ar­chi­sche Ord­nung der Kir­che kei­ne men­schen­ge­mach­te ist, wie es jüngst der Papst getan hat, klingt sehr nach inner­kirch­li­cher Selbst­ver­ge­wis­se­rung und ‑sta­bi­li­sie­rung. Viel­mehr müss­te doch gesagt wer­den: Ihr alle, Frau­en und Män­ner, die ihr Bröt­chen ver­kauft, Arti­kel schreibt oder Psy­cho­the­ra­pie anbie­tet, ihr seid die, die jetzt gefragt sind. Und zwar ernst­haft, nicht nur so dahin­ge­sagt. – Und noch­mal: Ich glau­be, dass die Her­aus­for­de­run­gen, die die Kli­ma­kri­se und die Umwelt­zer­stö­rung mit sich brin­gen, nur auf der Grund­la­ge eines christ­li­chen Wer­te­fun­da­ments zu bewäl­ti­gen sind, das bei jeder und jedem zu einem ver­än­der­ten Han­deln füh­ren kann.

Barbara
Osdarty

Redakteurin

Im Dialog mit Gott und der Welt

Gedichte aus „Kirchgang mit Zugvögeln“

Ein Rät­sel

Ich bin mir ein Rät­sel
Und kann mich 
nicht lösen
Du bleibst mir ein Rät­sel
Wie könnt ich mich lösen
von dir? 
Ich bin dir kein Rät­sel
Du hast mich
erlöst.

Die Armen habt ihr immer bei euch

Ich habe die Armen bei mir
und die klei­ne Frau
im wei­ßen Sari,
die auf dem Müll 
das Baby fand

Es war so dun­kel in ihr,
doch um sie
wur­de es hell

Viel­leicht ent­schul­digt mich 
die Unver­käuf­lich­keit mei­ner Ver­se,
die ich schrei­be,
auf der Suche nach einem Reich,
in dem nichts weg­ge­wor­fen wird,
das dei­ne Hand­schrift trägt

Spa­zier­gang am Fluss

Fängst du in mir zu lie­ben an,
geh ich nicht mehr 
am Fluss ent­lang
Und gehe doch am Fluss,
wo jedes Wesen ster­ben muss,
das du unsterb­lich liebst.

Du

I
Ich sage Du zu dir,
als wärst du sicht­bar hier
Und du sagst mir,
ich sehe dich
II
Ich wer­de sicht­bar hier,
denn du sagst Du zu mir

Begeg­nung im Garten

Glaubst du, 
dass ich es bin?

In der Bri­se, im Licht­glanz
der Frü­he, im Leben
stellst du die Frage

Unhör­bar

Zärt­li­che Fra­ge,
in die du dich stellst
wie ein Lie­ben­der,
der Ant­wort preisgegeben

Ich glau­be 
dem Baum,
jedem Blatt, 
dass du bist.

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