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Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz spricht darüber, wie wir lernen können, das Leben in seiner ganzen Tiefe wahrzunehmen und uns für das Gute, Wahre und Schöne zu öffnen – und warum darin ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt. Katharina Hauser kam in unserer Adoratio-Interviewreihe mit ihr ins Gespräch.
Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den großen Fragen des Glaubens und des Menschseins. Welche Sehnsucht begegnet Ihnen heute bei den Menschen am häufigsten – und welche Antwort gibt der christliche Glaube darauf?
Gerl-Falkovitz: Sehnsucht gibt es, ja – am einfachsten nach Leben, und natürlich nach dem vollen Leben: mit einer tollen lohnenden Aufgabe, dazu Beziehungen vom netten Austausch bis zur tiefen, großen Liebe; Anerkennung von anderen; Frieden mit sich selbst; Freisein von Krankheit; und wenn schon, dann ein schneller, schmerzfreier Tod… Aber eine andere Beobachtung: Schwer einzuschätzen, wie viele Menschen nicht mehr wirklich so etwas wie Glück erwarten. Man hat sich eingerichtet… das, was fehlt, tut nicht mehr weh. Sehnsucht? Wonach eigentlich? Auch die Liebe enttäuscht so oft. Man hofft auch nicht mehr auf ein Leben nach dem Tod, auf ein Wiedersehen mit Freunden, Geliebten… Warum nicht zur Birke auf dem eigenen Grab werden? Christus reißt diese stumme, gleichgültige Verzweiflung auf. Er ruft mich ins Leben, er lässt mich wachsen, schickt mir Menschen, nimmt mir die Enge und die Schuld. Und solange ich schuften muss, auch leiden muss an mir selbst und anderen, schiebt er seine Schulter unter meine Last. Er macht mich – wenn ich will – langsam neu, ruft zuletzt in ein zweites, größeres, ewiges Leben. Es gibt kein Ende, es gibt Voll-Endung. Gibt es größere Antworten?
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„Gott liebt uns“ – das klingt nach einer einfachen und tröstlichen Botschaft des Christentums. Warum fällt es vielen Menschen dennoch so schwer, diese Liebe wirklich anzunehmen? Welche Missverständnisse begegnen Ihnen dabei am häufigsten?
Gerl-Falkovitz: Gott liebt uns, ja – das annehmen wäre ja leicht, aber man müsste diese Liebe doch erst einmal empfinden! Er liebt dich, wie du bist – das ist erst einmal ein leerer Satz (nicht einmal ich liebe mich, wie ich bin…). Es gibt eine kluge Warnung: „Diese Idee sinkt zur Erbaulichkeit und selbst zur Fadheit herab, wenn der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit des Negativen darin fehlt.“ (Hegel) Das „Negative“ meint: Die Liebe Gottes ist weder billig noch schnulzig. Seine Liebe geht durch Leiden, nämlich seine eigenen Leiden an uns, und wir müssen seine schwere Arbeit an uns auch zulassen. Die Menschwerdung Jesu ist, so die unbegreifliche Botschaft, der Eintritt Gottes in unsere Welt des Unrats, der gemeinen Laster. Um einen Preis, der furchtbar ist: Wasser, das andere wäscht, wird selber schmutzig.
Dieser Schmutz wird nicht von außen niedergekämpft, sondern von innen her, in einer letzten Stellvertretung, übernommen, und Jesus schleppt sich selbst durch die Straßen Jerusalems zum Platz der Verworfenen, um dort mit seiner Last zu sterben. In die Tiefe solcher Schuldlösung muss die Rede von der Liebe Gottes führen. Diese Liebe kann man annehmen, gerade in einer Stunde der Verzweiflung an sich selbst. Sie lässt mich nicht sitzen, sie holt mich hoch.
Wir leben in einer Zeit, in der viel von Selbstliebe, Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung die Rede ist. Was unterscheidet diese Vorstellungen vom christlichen Menschenbild?
Gerl-Falkovitz: Mit „Selbst“ bin immer ich die letzte Station, bei der ich wieder ankomme. Will ich das wirklich? „Da war ich schon, ist auch nicht viel los“, sagte Karl Valentin. Viel reizvoller ist das Ankommen bei meinem Ursprung: Da liegt nämlich das Geheimnis meines Ich – beim Vater, der mich schuf; das Ankommen bei dem Sohn, der mich löste aus alter Enge und nochmal neu macht; das Ankommen beim Geist der Heiligkeit, dessen Überraschungen wir nicht im Vorhinein kennen. Ankommen bei dem lebendigen Gott ist die Devise: Du sagst mir, wer ich bin. Dich ansehen zeigt mir, wie schön ich bin (oder sein könnte). Um das langsam zu verstehen, haben wir viele Stationen auf unserer langen Wegstrecke vor uns.
„Von Christus geliebt sein, das wird im Lauf eines Lebens zum Leuchtzeichen, auch gegen das eigene Versagen.”
Viele Menschen verbinden Christsein zuerst mit Regeln und moralischen Ansprüchen. Was ist für Sie der eigentliche Kern des christlichen Glaubens – und welche Rolle spielt dabei die Erfahrung, von Gott geliebt zu sein?
Gerl-Falkovitz: Kern des Glaubens einmal so: „Ist also einer in Christus, dann ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, Neues ist geworden.“ (2 Kor 5,17) Paulus sagt das aus einer ungeheuren Erschütterung. Es gibt mit Christus kein Mitschleppen des Zerbrochenen, sondern Offenheit, Umgestaltung, Heiligung = Ganzwerden. Glauben meint: Diese Macht Christi nennen – gegen das eigene Helldunkel, auch gegen die Bosheit anderer, gegen die Angst vor dem Schicksal, gegen die Vernichtung im Tod – gegen alles Lähmende. Von Christus geliebt sein, das wird im Lauf eines Lebens zum Leuchtzeichen, auch gegen das eigene Versagen. Und es wird immer schwerer, gegen ihn zu arbeiten.
Jesus verheißt das „Leben in Fülle“. Ist diese Verheißung schon hier und heute erfahrbar? Und gibt es Menschen – vielleicht Heilige oder andere Vorbilder –, die uns zeigen, wie ein Leben aus der Gewissheit von Gottes Liebe gelingen kann?
Gerl-Falkovitz: Darf ich hier mit einem großen Autor antworten, dem dänischen evangelischen Christen Sören Kierkegaard? Er schreibt im Tagebuch vom 19. Mai 1838: „Es gibt eine unbeschreibliche Freude, die uns ebenso unerklärbar durchglüht, wie des Apostels Ausbruch unbegründet hervorbricht: ‚Freuet euch, und abermals sage ich: Freuet euch!‘ Nicht eine Freude über dies oder jenes, sondern der Seele lebensvoller Ausruf ‚mit Zung und Mund aus Herzensgrund‘. ‚Ich freue mich an meiner Freude, aus, in, mit, bei, an, durch und mit meiner Freude‘ – ein himmlischer Kehrreim, der gleichsam plötzlich unseren übrigen Gesang abschneidet; eine Freude, die gleich einem Windhauch kühlt und erfrischt, ein Windstoß des Passats, der vom Hain Mamre zu den ewigen Hütten weht.“ Der Hain Mamre war der Ort, wo Abraham die drei unbekannten Gäste empfing, die ihm und seiner alten Frau Sara zum Dank einen Sohn versprachen. Wir Gläubigen stammen aus dieser Linie, und wir erhalten diesen Windstoß – plötzlich, frisch, unerwartet, ja mehr als genug, wenn wir ihn brauchen.
Katharina
Hauser
Prof. Dr. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist Professorin für Religionsphilosophie und wird bei Adoratio Altötting einen Vortrag halten zum Thema „Gott und Mensch: Eine Liebesgeschichte“. Beim Glaubensfest im Herzen Bayerns vom 9. bis 11. Oktober 2026 gibt es außerdem Vorträge von Tobias Haberl und Bischof Stefan Oster SDB, zahlreiche Workshops, Eucharistiefeiern mit Bischof Franz Jung und dem neuen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Hubertus van Megen. Gläubige aus dem Bistum Passau zahlen für das Ticket nur die Hälfte. Infos und Anmeldung unter: www.adoratio-altoetting.de



