Das glauben wir

Was bedeutet ein Leben in Fülle?

Redaktion am 28.09.2026

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Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz spricht darüber, wie wir lernen können, das Leben in seiner ganzen Tiefe wahrzunehmen und uns für das Gute, Wahre und Schöne zu öffnen – und warum darin ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt. Katharina Hauser kam in unserer Adoratio-Interviewreihe mit ihr ins Gespräch.

Sie beschäf­ti­gen sich seit Jahr­zehn­ten mit den gro­ßen Fra­gen des Glau­bens und des Mensch­seins. Wel­che Sehn­sucht begeg­net Ihnen heu­te bei den Men­schen am häu­figs­ten – und wel­che Ant­wort gibt der christ­li­che Glau­be dar­auf?
Gerl-Fal­ko­vitz: Sehn­sucht gibt es, ja – am ein­fachs­ten nach Leben, und natür­lich nach dem vol­len Leben: mit einer tol­len loh­nen­den Auf­ga­be, dazu Bezie­hun­gen vom net­ten Aus­tausch bis zur tie­fen, gro­ßen Lie­be; Aner­ken­nung von ande­ren; Frie­den mit sich selbst; Frei­sein von Krank­heit; und wenn schon, dann ein schnel­ler, schmerz­frei­er Tod… Aber eine ande­re Beob­ach­tung: Schwer ein­zu­schät­zen, wie vie­le Men­schen nicht mehr wirk­lich so etwas wie Glück erwar­ten. Man hat sich ein­ge­rich­tet… das, was fehlt, tut nicht mehr weh. Sehn­sucht? Wonach eigent­lich? Auch die Lie­be ent­täuscht so oft. Man hofft auch nicht mehr auf ein Leben nach dem Tod, auf ein Wie­der­se­hen mit Freun­den, Gelieb­ten… War­um nicht zur Bir­ke auf dem eige­nen Grab wer­den? Chris­tus reißt die­se stum­me, gleich­gül­ti­ge Ver­zweif­lung auf. Er ruft mich ins Leben, er lässt mich wach­sen, schickt mir Men­schen, nimmt mir die Enge und die Schuld. Und solan­ge ich schuf­ten muss, auch lei­den muss an mir selbst und ande­ren, schiebt er sei­ne Schul­ter unter mei­ne Last. Er macht mich – wenn ich will – lang­sam neu, ruft zuletzt in ein zwei­tes, grö­ße­res, ewi­ges Leben. Es gibt kein Ende, es gibt Voll-Endung. Gibt es grö­ße­re Antworten?

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Es gibt mit Christus kein Mitschleppen des Zerbrochenen, sondern Offenheit, Umgestaltung, Heiligung = Ganzwerden, sagt Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz im Interview.

„Gott liebt uns“ – das klingt nach einer ein­fa­chen und tröst­li­chen Bot­schaft des Chris­ten­tums. War­um fällt es vie­len Men­schen den­noch so schwer, die­se Lie­be wirk­lich anzu­neh­men? Wel­che Miss­ver­ständ­nis­se begeg­nen Ihnen dabei am häu­figs­ten?
Gerl-Fal­ko­vitz: Gott liebt uns, ja – das anneh­men wäre ja leicht, aber man müss­te die­se Lie­be doch erst ein­mal emp­fin­den! Er liebt dich, wie du bist – das ist erst ein­mal ein lee­rer Satz (nicht ein­mal ich lie­be mich, wie ich bin…). Es gibt eine klu­ge War­nung: ​„Die­se Idee sinkt zur Erbau­lich­keit und selbst zur Fad­heit her­ab, wenn der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit des Nega­ti­ven dar­in fehlt.“ (Hegel) Das ​„Nega­ti­ve“ meint: Die Lie­be Got­tes ist weder bil­lig noch schnul­zig. Sei­ne Lie­be geht durch Lei­den, näm­lich sei­ne eige­nen Lei­den an uns, und wir müs­sen sei­ne schwe­re Arbeit an uns auch zulas­sen. Die Mensch­wer­dung Jesu ist, so die unbe­greif­li­che Bot­schaft, der Ein­tritt Got­tes in unse­re Welt des Unrats, der gemei­nen Las­ter. Um einen Preis, der furcht­bar ist: Was­ser, das ande­re wäscht, wird sel­ber schmutzig.

Die­ser Schmutz wird nicht von außen nie­der­ge­kämpft, son­dern von innen her, in einer letz­ten Stell­ver­tre­tung, über­nom­men, und Jesus schleppt sich selbst durch die Stra­ßen Jeru­sa­lems zum Platz der Ver­wor­fe­nen, um dort mit sei­ner Last zu ster­ben. In die Tie­fe sol­cher Schuld­lö­sung muss die Rede von der Lie­be Got­tes füh­ren. Die­se Lie­be kann man anneh­men, gera­de in einer Stun­de der Ver­zweif­lung an sich selbst. Sie lässt mich nicht sit­zen, sie holt mich hoch.

Wir leben in einer Zeit, in der viel von Selbst­lie­be, Selbst­op­ti­mie­rung und Selbst­ver­wirk­li­chung die Rede ist. Was unter­schei­det die­se Vor­stel­lun­gen vom christ­li­chen Men­schen­bild?
Gerl-Fal­ko­vitz: Mit ​„Selbst“ bin immer ich die letz­te Sta­ti­on, bei der ich wie­der ankom­me. Will ich das wirk­lich? ​„Da war ich schon, ist auch nicht viel los“, sag­te Karl Valen­tin. Viel reiz­vol­ler ist das Ankom­men bei mei­nem Ursprung: Da liegt näm­lich das Geheim­nis mei­nes Ich – beim Vater, der mich schuf; das Ankom­men bei dem Sohn, der mich lös­te aus alter Enge und noch­mal neu macht; das Ankom­men beim Geist der Hei­lig­keit, des­sen Über­ra­schun­gen wir nicht im Vor­hin­ein ken­nen. Ankom­men bei dem leben­di­gen Gott ist die Devi­se: Du sagst mir, wer ich bin. Dich anse­hen zeigt mir, wie schön ich bin (oder sein könn­te). Um das lang­sam zu ver­ste­hen, haben wir vie­le Sta­tio­nen auf unse­rer lan­gen Weg­stre­cke vor uns.

„Von Chris­tus geliebt sein, das wird im Lauf eines Lebens zum Leucht­zei­chen, auch gegen das eige­ne Versagen.”

Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Vie­le Men­schen ver­bin­den Christ­sein zuerst mit Regeln und mora­li­schen Ansprü­chen. Was ist für Sie der eigent­li­che Kern des christ­li­chen Glau­bens – und wel­che Rol­le spielt dabei die Erfah­rung, von Gott geliebt zu sein?
Gerl-Fal­ko­vitz: Kern des Glau­bens ein­mal so: ​„Ist also einer in Chris­tus, dann ist er eine neue Schöp­fung; das Alte ist ver­gan­gen; sie­he, Neu­es ist gewor­den.“ (2 Kor 5,17) Pau­lus sagt das aus einer unge­heu­ren Erschüt­te­rung. Es gibt mit Chris­tus kein Mit­schlep­pen des Zer­bro­che­nen, son­dern Offen­heit, Umge­stal­tung, Hei­li­gung = Ganz­wer­den. Glau­ben meint: Die­se Macht Chris­ti nen­nen – gegen das eige­ne Hell­dun­kel, auch gegen die Bos­heit ande­rer, gegen die Angst vor dem Schick­sal, gegen die Ver­nich­tung im Tod – gegen alles Läh­men­de. Von Chris­tus geliebt sein, das wird im Lauf eines Lebens zum Leucht­zei­chen, auch gegen das eige­ne Ver­sa­gen. Und es wird immer schwe­rer, gegen ihn zu arbeiten.

Jesus ver­heißt das ​„Leben in Fül­le“. Ist die­se Ver­hei­ßung schon hier und heu­te erfahr­bar? Und gibt es Men­schen – viel­leicht Hei­li­ge oder ande­re Vor­bil­der –, die uns zei­gen, wie ein Leben aus der Gewiss­heit von Got­tes Lie­be gelin­gen kann?
Gerl-Fal­ko­vitz: Darf ich hier mit einem gro­ßen Autor ant­wor­ten, dem däni­schen evan­ge­li­schen Chris­ten Sören Kier­ke­gaard? Er schreibt im Tage­buch vom 19. Mai 1838: ​„Es gibt eine unbe­schreib­li­che Freu­de, die uns eben­so uner­klär­bar durch­glüht, wie des Apos­tels Aus­bruch unbe­grün­det her­vor­bricht: ​‚Freu­et euch, und aber­mals sage ich: Freu­et euch!‘ Nicht eine Freu­de über dies oder jenes, son­dern der See­le lebens­vol­ler Aus­ruf ​‚mit Zung und Mund aus Her­zens­grund‘. ​‚Ich freue mich an mei­ner Freu­de, aus, in, mit, bei, an, durch und mit mei­ner Freu­de‘ – ein himm­li­scher Kehr­reim, der gleich­sam plötz­lich unse­ren übri­gen Gesang abschnei­det; eine Freu­de, die gleich einem Wind­hauch kühlt und erfrischt, ein Wind­stoß des Pas­sats, der vom Hain Mam­re zu den ewi­gen Hüt­ten weht.“ Der Hain Mam­re war der Ort, wo Abra­ham die drei unbe­kann­ten Gäs­te emp­fing, die ihm und sei­ner alten Frau Sara zum Dank einen Sohn ver­spra­chen. Wir Gläu­bi­gen stam­men aus die­ser Linie, und wir erhal­ten die­sen Wind­stoß – plötz­lich, frisch, uner­war­tet, ja mehr als genug, wenn wir ihn brauchen.

Katharina
Hauser

Prof. Dr. Dr. Han­na-Bar­ba­ra Gerl-Fal­ko­vitz ist Pro­fes­so­rin für Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie und wird bei Ado­ra­tio Alt­öt­ting einen Vor­trag hal­ten zum The­ma ​„Gott und Mensch: Eine Lie­bes­ge­schich­te“. Beim Glau­bens­fest im Her­zen Bay­erns vom 9. bis 11. Okto­ber 2026 gibt es außer­dem Vor­trä­ge von Tobi­as Haberl und Bischof Ste­fan Oster SDB, zahl­rei­che Work­shops, Eucha­ris­tie­fei­ern mit Bischof Franz Jung und dem neu­en Nun­ti­us in Deutsch­land, Erz­bi­schof Huber­tus van Megen. Gläu­bi­ge aus dem Bis­tum Pas­sau zah­len für das Ticket nur die Hälf­te. Infos und Anmel­dung unter: www​.ado​ra​tio​-alt​oet​ting​.de 

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