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Die Kirchensteuer polarisiert. Für die einen ist sie Ausdruck von Solidarität, für die anderen ein Grund zum Ärger – oder sogar zum Kirchenaustritt. Unbestritten ist: Die Kirchensteuer ist die wichtigste Einnahmequelle der Bistümer. Ohne sie gäbe es vieles nicht, was Kirche vor Ort ausmacht: von Kitas und Beratungsstellen über Seelsorge, Bildungsarbeit und soziale Projekte bis hin zur Unterstützung von Menschen in Not. Wo wird das Geld konkret eingesetzt? Welchen Unterschied macht es im Alltag vieler Menschen? Antworten darauf nennt Finanzdirektor Dr. Josef Sonnleitner im Interview.
Herr Finanzdirektor Sonnleitner, die Kirchensteuer polarisiert eigentlich schon immer. Für die einen ist sie der Ausdruck von Solidarität, für die anderen eher ein Grund zum Ärger und für manche sogar ein Grund zum Kirchenaustritt. Warum brauchen wir die Kirchensteuer?
Sonnleitner: Um in unserer Gesellschaft und in der Gemeinschaft der Gläubigen im Bistum Passau solidarisch wirken zu können, ist eine gemeinschaftliche Finanzierung unumgänglich. Sie ist auch gerecht. Sie orientiert sich an der Einkommensteuer oder an der Lohnsteuer und wird als prozentualer Anteil erhoben.
Kirchensteuer und Glaube – muss das eine Einheit sein?
Sonnleitner: Ich würde es nicht als Einheit bezeichnen. Die Kirchensteuer unterstützt uns im pastoral-seelsorglichen Wirken. Die Kirchensteuer hat eine dienende und unterstützende Funktion und ermöglicht das vielfältige Handeln der katholischen Kirche.
Trotz der hohen Austrittszahlen in den letzten Jahren ist die Kirchensteuer relativ stabil geblieben. Woran liegt das?
Sonnleitner: Zum einen hatten wir höhere Tarifabschlüsse. Was die Kirchen-Lohnsteuer betrifft, partizipieren wir einfach an den Lohnsteigerungen. Und zum anderen, was die Kirchen-Einkommensteuer betrifft, profitieren wir von den wirtschaftlich guten Jahren. Diese beiden Effekte haben die Austritte kompensiert. Man muss auch bedenken, dass viele Menschen austreten, die gar keine Kirchensteuer bezahlen.
Sie als Finanzdirektor geben jedes Jahr Auskunft, was mit der Kirchensteuer passiert. Kann man dieses System vielleicht noch transparenter machen? Kann man das noch verbessern?
Sonnleitner: In den Medien wird viel berichtet über das Wirken der Kirche. Aber gleichwohl bin ich der Meinung, dass das Thema Kirchensteuer schon noch offensiver kommuniziert werden könnte. Insbesondere, was konkret mit der Kirchensteuer passiert.
Können Sie da ein Beispiel geben?
Sonnleitner: Nach meiner Einschätzung ist in der direkten Ansprache noch Luft nach oben. Beispielsweise, dass alle, die sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren, zum einen sprachfähiger werden, zum anderen dann auch die Informationen nutzen. Ob das jetzt in einem Pfarrfamilien-Nachmittag der Fall ist, wo man erzählt, was Gutes bewirkt wird mit der Kirchensteuer, oder ob es anlassbezogen ist, etwa wenn wir eine Einweihungsfeier haben nach dem Abschluss einer Kirchenrenovierung oder eines Pfarrheimes. Das wären meiner Meinung nach Dinge, wo wir noch besser werden könnten, wo wir noch intensiver den Kontakt mit den Menschen suchen sollten.
Foto: Roswitha Dorfner
Sollte man vielleicht ähnlich wie die Hilfswerke einen Teil der Kirchensteuer dafür verwenden, die Mitglieder direkt anzusprechen.
Sonnleitner: Zum Teil machen wir das schon. Wir fügen z. B. beim Kirchensteuerbescheid ein Dank- und Informationsschreiben bei. Wir müssen aber über weitere gute Formate nachdenken, um noch zielgerichteter die unmittelbare Ansprache bewerkstelligen zu können, um zu verdeutlichen, was mit der Kirchensteuer bewirkt wird. Hier gilt es, die schon vorhandenen guten Kommunikationswege in diesem Sinne noch weiter zu entwickeln.
Ein Kritikpunkt ist, dass die Kirchensteuer auch auf Kapitalerträge erhoben wird. Was sagen Sie Sparern, die den Eindruck haben, die Kirche bediene sich an ihrem Ersparten?
Sonnleitner: Man muss schon bedenken, dass durch die Freibeträge auch der Staat hier zurückhaltend steuerlich zugreift. Und wir partizipieren ja nur insoweit, als auch hier durch den Staat Steuern erhoben werden. Durch die Freibeträge, glaube ich, ist es schon sehr fair. Wenn man hohe Kapitalerträge hat, was man jedem wünschen kann, dann ist das genauso ein solidarischer Finanzierungsakt. Wenn ich ein hohes Einkommen habe, was allen Menschen zu gönnen ist, dann kann ich auch mehr Kirchensteuer bezahlen. Und so ist es auch bei den Kapitalerträgen.
Neben der Kirchensteuer bittet die Kirche aber auch immer wieder um Spenden – etwa in den Pfarreien. Warum ist das nötig?
Sonnleitner: Die Kirchensteuer deckt ja nur einen Teil der erforderlichen Ausgaben ab. Wenn es um bauliche Maßnahmen, Renovierungen, aber auch um den laufenden Unterhalt in den Pfarreien geht, reicht die Kirchensteuer bei weitem nicht aus, um hier alles Erforderliche zu finanzieren. Wir wären gar nicht in der Lage, das, was auf allen Ebenen der Pfarreien passiert, ausschließlich aus der Kirchensteuer zu finanzieren. Wir brauchen die Spenden als zusätzliches Finanzierungsinstrument. Der Vorteil ist dabei, dass ich als Spender mein Geld sehr gezielt einsetzen kann. Die Kirchensteuer wird im Diözesanhaushalt verplant und verteilt. Da habe ich als einzelner Kirchensteuerzahler keine Gestaltungsmöglichkeit, was jeder Steuer immanent ist.
Sie sprechen das Thema Gestaltungsmöglichkeit an. Es wird ja, ob beim Staat oder bei der Kirche, immer wieder bemängelt, dass zu viel Geld in Bürokratie und Verwaltung fließt. Was entgegnen Sie?
Sonnleitner: Wir veröffentlichen ja unsere Haushaltszahlen und daraus kann man ersehen, wie wir konkret bei den Menschen wirken, was in die Seelsorge fließt, was in kirchliche Baumaßnahmen, was in Schulen, in Kitas fließt usw. Ich bin überzeugt, dass wir hier schon die richtigen Proportionen haben und das Geld verantwortungsvoll zuordnen. Also von einem überbordenden Verwaltungsanteil kann man nicht sprechen. Wo wir Verwaltung konkret neu aufgesetzt haben, ist im Bereich der Verwaltungszentren. Aber das ist kein Selbstzweck, sondern dient der Entlastung der Priester und Ehrenamtlichen. Und sehr viele Dinge im Verwaltungsbereich sind der Erfüllung staatlicher Vorgaben, wie z. B. Gesetzen und Verordnungen, geschuldet. Hier haben wir keinen Gestaltungsspielraum.
„Ein Gotteshaus hat offen zu sein. Ich kann nachvollziehen, was die Kölner Kollegen bewegt und vor welchen Herausforderungen sie stehen. Aber ich kann mir das persönlich in der Diözese Passau nicht vorstellen.”
Wie schaut es denn bei der Finanzplanung für die kommenden Jahre aus? Wie stellt sich das Bistum Passau langfristig auf geringere Einnahmen ein?
Sonnleitner: Wir starten einen Prozess der Priorisierung und strukturieren aktuell diesen. Es wird sicherlich so sein, dass wir all das, was wir heute leisten, in den nächsten Jahren in der Form nicht mehr leisten können. Selbst bei einer Kirchensteuerentwicklung, die seitwärts geht. Wir rechnen nicht mit einem abrupten Rückgang der Kirchensteuer, aber wir verlieren infolge der Inflation natürlich erheblich an Kaufkraft. Nachdem wir leicht negative Haushalte haben, müssen wir jetzt beginnen. Die Verantwortlichen werden eingeladen, sich hierüber Gedanken zu machen.
Wo sehen Sie selbst die größten Sparpotenziale?
Sonnleitner: Das ist schwer zu sagen und bedarf der Mitwirkung aller Haushaltsstellenverantwortlichen. Wir sparen jetzt schon, zum Beispiel bei den Baumaßnahmen, wo wir sehr reflektiert herangehen und genau prüfen, welche Maßnahme muss in welchem Umfang ausgeführt werden. Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende. Das erfolgt im Zusammenwirken zwischen der Kirchenverwaltung vor Ort und uns. Insoweit ist die gemeinsame Finanzierung von Maßnahmen natürlich ein guter Ansatz, um gemeinschaftlich darüber nachzudenken: Muss es so sein? Muss es überhaupt sein? Und da sehe ich schon noch Potenziale.
Ich sehe auch Möglichkeiten in der Intensivierung der Zusammenarbeit, zum Beispiel mit der Caritas, etwa in pastoralen Dingen. In verwaltungstechnischen, administrativen Dingen sind wir schon dabei, Dinge gemeinschaftlich zu machen, um Synergieeffekte zu realisieren. Auch da müssen wir weiter vorangehen.
Das Erzbistum Köln verlangt ab Herbst wahrscheinlich Eintritt für den Dom, weil die Kosten für den Erhalt des Bauwerks exorbitant gestiegen sind und die das Bistum belasten. Wäre das auch etwas für Passau?
Sonnleitner: Also ganz offen gesagt, da tue ich mich wahnsinnig schwer. In österreichischen Kirchen ist das ja auch schon länger der Fall. Ein Gotteshaus hat offen zu sein. Ich kann nachvollziehen, was die Kölner Kollegen bewegt und vor welchen Herausforderungen sie stehen. Aber ich kann mir das persönlich in der Diözese Passau nicht vorstellen. Das entscheidet aber natürlich das Domkapitel.
Wie steht nach Ihrer Einschätzung die Politik zum Kirchensteuermodell?
Sonnleitner: Ich sehe aktuell nicht, dass die Kirchensteuer kurz- oder mittelfristig abgeschafft werden würde. Viele politische Mandatsträger, mit denen man spricht und die insbesondere in Regierungsverantwortung stehen, erkennen schon, was mit gut sechs Milliarden Euro katholischer Kirchensteuer in Deutschland bewegt werden kann. Und diese politisch Verantwortlichen spiegeln uns ganz klar wider: Es geht da nicht nur um die Kirchensteuer an sich, sondern um die Hebelfunktion dieser Kirchensteuer. Es ist häufig das Fehlende, das aus der Kirchensteuer bezahlt wird. Wenn man jetzt die Kirchensteuer wegnehmen würde, würden viele Dinge nicht passieren können. Es wird uns manchmal vorgehalten, dass wir auch staatliche Zuschüsse zum Beispiel im Schulbereich oder im Kita-Bereich bekommen. Gleichwohl steckt da ein ganz gehöriges Stück der Finanzierung aus der Kirchensteuer drin. Nehmen Sie jetzt die Kirchensteuer weg, wäre hier rein monetär natürlich der Staat gefordert. Ich vertrete die These, dass wir sehr, sehr viele Dinge machen, die der Staat und die Gesellschaft brauchen. Und insoweit glaube ich, dass wir eine gute Berechtigung haben. Und politisch Verantwortliche, die hier vorausschauend agieren, teilen die Einschätzung mit uns, dass die Kirchensteuer notwendig und sehr gut ist. Auch muss man das hohe ehrenamtliche Engagement in den Blick nehmen, das durch die Kirchensteuer unterstützt wird.
Zum Abschluss noch ein persönliches Wort von Ihnen, eine kurze Formel: Warum lohnt es sich, die Kirchensteuer zu zahlen?
Sonnleitner: Weil Sie damit ein solidarisches Wirken zum Wohle der Menschen in der Diözese Passau ermöglichen.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur



