Bistum

Glaube, Geld, Gemeinschaft

Redaktion am 04.05.2026

Info Icon Foto: Wolfgang-Christian Bayer / pbp
Dr. Josef Sonnleitner leitet als Finanzdirektor seit 20 Jahren die finanziellen Geschicke im Bistum Passau. Im Interview erklärt der 62-Jährige, warum es ohne Kirchensteuer in Deutschland deutlich düsterer ausschauen würde.

Die Kirchensteuer polarisiert. Für die einen ist sie Ausdruck von Solidarität, für die anderen ein Grund zum Ärger – oder sogar zum Kirchenaustritt. Unbestritten ist: Die Kirchensteuer ist die wichtigste Einnahmequelle der Bistümer. Ohne sie gäbe es vieles nicht, was Kirche vor Ort ausmacht: von Kitas und Beratungsstellen über Seelsorge, Bildungsarbeit und soziale Projekte bis hin zur Unterstützung von Menschen in Not. Wo wird das Geld konkret eingesetzt? Welchen Unterschied macht es im Alltag vieler Menschen? Antworten darauf nennt Finanzdirektor Dr. Josef Sonnleitner im Interview.

Herr Finanz­di­rek­tor Sonn­leit­ner, die Kir­chen­steu­er pola­ri­siert eigent­lich schon immer. Für die einen ist sie der Aus­druck von Soli­da­ri­tät, für die ande­ren eher ein Grund zum Ärger und für man­che sogar ein Grund zum Kir­chen­aus­tritt. War­um brau­chen wir die Kir­chen­steu­er?
Sonn­leit­ner: Um in unse­rer Gesell­schaft und in der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen im Bis­tum Pas­sau soli­da­risch wir­ken zu kön­nen, ist eine gemein­schaft­li­che Finan­zie­rung unum­gäng­lich. Sie ist auch gerecht. Sie ori­en­tiert sich an der Ein­kom­men­steu­er oder an der Lohn­steu­er und wird als pro­zen­tua­ler Anteil erhoben.

Kir­chen­steu­er und Glau­be – muss das eine Ein­heit sein?
Sonn­leit­ner: Ich wür­de es nicht als Ein­heit bezeich­nen. Die Kir­chen­steu­er unter­stützt uns im pas­to­ral-seel­sorg­li­chen Wir­ken. Die Kir­chen­steu­er hat eine die­nen­de und unter­stüt­zen­de Funk­ti­on und ermög­licht das viel­fäl­ti­ge Han­deln der katho­li­schen Kirche.

Trotz der hohen Aus­tritts­zah­len in den letz­ten Jah­ren ist die Kir­chen­steu­er rela­tiv sta­bil geblie­ben. Wor­an liegt das?
Sonn­leit­ner: Zum einen hat­ten wir höhe­re Tarif­ab­schlüs­se. Was die Kir­chen-Lohn­steu­er betrifft, par­ti­zi­pie­ren wir ein­fach an den Lohn­stei­ge­run­gen. Und zum ande­ren, was die Kir­chen-Ein­kom­men­steu­er betrifft, pro­fi­tie­ren wir von den wirt­schaft­lich guten Jah­ren. Die­se bei­den Effek­te haben die Aus­trit­te kom­pen­siert. Man muss auch beden­ken, dass vie­le Men­schen aus­tre­ten, die gar kei­ne Kir­chen­steu­er bezahlen.

Sie als Finanz­di­rek­tor geben jedes Jahr Aus­kunft, was mit der Kir­chen­steu­er pas­siert. Kann man die­ses Sys­tem viel­leicht noch trans­pa­ren­ter machen? Kann man das noch ver­bes­sern?
Sonn­leit­ner: In den Medi­en wird viel berich­tet über das Wir­ken der Kir­che. Aber gleich­wohl bin ich der Mei­nung, dass das The­ma Kir­chen­steu­er schon noch offen­si­ver kom­mu­ni­ziert wer­den könn­te. Ins­be­son­de­re, was kon­kret mit der Kir­chen­steu­er passiert.

Kön­nen Sie da ein Bei­spiel geben?
Sonn­leit­ner: Nach mei­ner Ein­schät­zung ist in der direk­ten Anspra­che noch Luft nach oben. Bei­spiels­wei­se, dass alle, die sich ehren­amt­lich in der Kir­che enga­gie­ren, zum einen sprach­fä­hi­ger wer­den, zum ande­ren dann auch die Infor­ma­tio­nen nut­zen. Ob das jetzt in einem Pfarr­fa­mi­li­en-Nach­mit­tag der Fall ist, wo man erzählt, was Gutes bewirkt wird mit der Kir­chen­steu­er, oder ob es anlass­be­zo­gen ist, etwa wenn wir eine Ein­wei­hungs­fei­er haben nach dem Abschluss einer Kir­chen­re­no­vie­rung oder eines Pfarr­hei­mes. Das wären mei­ner Mei­nung nach Din­ge, wo wir noch bes­ser wer­den könn­ten, wo wir noch inten­si­ver den Kon­takt mit den Men­schen suchen sollten.

Info Icon Foto: Roswitha Dorfner
„Die Kirchensteuer hat eine dienende und unterstützende Funktion und ermöglicht das vielfältige Handeln der katholischen Kirche“, stellt Finanzdirektor Dr. Josef Sonnleitner im Interview fest.

Soll­te man viel­leicht ähn­lich wie die Hilfs­wer­ke einen Teil der Kir­chen­steu­er dafür ver­wen­den, die Mit­glie­der direkt anzu­spre­chen.
Sonn­leit­ner: Zum Teil machen wir das schon. Wir fügen z. B. beim Kir­chen­steu­er­be­scheid ein Dank- und Infor­ma­ti­ons­schrei­ben bei. Wir müs­sen aber über wei­te­re gute For­ma­te nach­den­ken, um noch ziel­ge­rich­te­ter die unmit­tel­ba­re Anspra­che bewerk­stel­li­gen zu kön­nen, um zu ver­deut­li­chen, was mit der Kir­chen­steu­er bewirkt wird. Hier gilt es, die schon vor­han­de­nen guten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge in die­sem Sin­ne noch wei­ter zu entwickeln.

Ein Kri­tik­punkt ist, dass die Kir­chen­steu­er auch auf Kapi­tal­erträ­ge erho­ben wird. Was sagen Sie Spa­rern, die den Ein­druck haben, die Kir­che bedie­ne sich an ihrem Erspar­ten?
Sonn­leit­ner: Man muss schon beden­ken, dass durch die Frei­be­trä­ge auch der Staat hier zurück­hal­tend steu­er­lich zugreift. Und wir par­ti­zi­pie­ren ja nur inso­weit, als auch hier durch den Staat Steu­ern erho­ben wer­den. Durch die Frei­be­trä­ge, glau­be ich, ist es schon sehr fair. Wenn man hohe Kapi­tal­erträ­ge hat, was man jedem wün­schen kann, dann ist das genau­so ein soli­da­ri­scher Finan­zie­rungs­akt. Wenn ich ein hohes Ein­kom­men habe, was allen Men­schen zu gön­nen ist, dann kann ich auch mehr Kir­chen­steu­er bezah­len. Und so ist es auch bei den Kapitalerträgen.

Neben der Kir­chen­steu­er bit­tet die Kir­che aber auch immer wie­der um Spen­den – etwa in den Pfar­rei­en. War­um ist das nötig?
Sonn­leit­ner: Die Kir­chen­steu­er deckt ja nur einen Teil der erfor­der­li­chen Aus­ga­ben ab. Wenn es um bau­li­che Maß­nah­men, Reno­vie­run­gen, aber auch um den lau­fen­den Unter­halt in den Pfar­rei­en geht, reicht die Kir­chen­steu­er bei wei­tem nicht aus, um hier alles Erfor­der­li­che zu finan­zie­ren. Wir wären gar nicht in der Lage, das, was auf allen Ebe­nen der Pfar­rei­en pas­siert, aus­schließ­lich aus der Kir­chen­steu­er zu finan­zie­ren. Wir brau­chen die Spen­den als zusätz­li­ches Finan­zie­rungs­in­stru­ment. Der Vor­teil ist dabei, dass ich als Spen­der mein Geld sehr gezielt ein­set­zen kann. Die Kir­chen­steu­er wird im Diö­ze­san­haus­halt ver­plant und ver­teilt. Da habe ich als ein­zel­ner Kir­chen­steu­er­zah­ler kei­ne Gestal­tungs­mög­lich­keit, was jeder Steu­er imma­nent ist.

Sie spre­chen das The­ma Gestal­tungs­mög­lich­keit an. Es wird ja, ob beim Staat oder bei der Kir­che, immer wie­der bemän­gelt, dass zu viel Geld in Büro­kra­tie und Ver­wal­tung fließt. Was ent­geg­nen Sie?
Sonn­leit­ner: Wir ver­öf­fent­li­chen ja unse­re Haus­halts­zah­len und dar­aus kann man erse­hen, wie wir kon­kret bei den Men­schen wir­ken, was in die Seel­sor­ge fließt, was in kirch­li­che Bau­maß­nah­men, was in Schu­len, in Kitas fließt usw. Ich bin über­zeugt, dass wir hier schon die rich­ti­gen Pro­por­tio­nen haben und das Geld ver­ant­wor­tungs­voll zuord­nen. Also von einem über­bor­den­den Ver­wal­tungs­an­teil kann man nicht spre­chen. Wo wir Ver­wal­tung kon­kret neu auf­ge­setzt haben, ist im Bereich der Ver­wal­tungs­zen­tren. Aber das ist kein Selbst­zweck, son­dern dient der Ent­las­tung der Pries­ter und Ehren­amt­li­chen. Und sehr vie­le Din­ge im Ver­wal­tungs­be­reich sind der Erfül­lung staat­li­cher Vor­ga­ben, wie z. B. Geset­zen und Ver­ord­nun­gen, geschul­det. Hier haben wir kei­nen Gestaltungsspielraum.

Ein Got­tes­haus hat offen zu sein. Ich kann nach­voll­zie­hen, was die Köl­ner Kol­le­gen bewegt und vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen sie ste­hen. Aber ich kann mir das per­sön­lich in der Diö­ze­se Pas­sau nicht vorstellen.”

Finanzdirektor Dr. Josef Sonnleitner auf die Frage, ob er sich, wie neuerdings für den Kölner Dom, auch Eintrittsgeld für Kirchen im Bistum Passau vorstellen könne.

Wie schaut es denn bei der Finanz­pla­nung für die kom­men­den Jah­re aus? Wie stellt sich das Bis­tum Pas­sau lang­fris­tig auf gerin­ge­re Ein­nah­men ein?
Sonn­leit­ner: Wir star­ten einen Pro­zess der Prio­ri­sie­rung und struk­tu­rie­ren aktu­ell die­sen. Es wird sicher­lich so sein, dass wir all das, was wir heu­te leis­ten, in den nächs­ten Jah­ren in der Form nicht mehr leis­ten kön­nen. Selbst bei einer Kir­chen­steu­er­ent­wick­lung, die seit­wärts geht. Wir rech­nen nicht mit einem abrup­ten Rück­gang der Kir­chen­steu­er, aber wir ver­lie­ren infol­ge der Infla­ti­on natür­lich erheb­lich an Kauf­kraft. Nach­dem wir leicht nega­ti­ve Haus­hal­te haben, müs­sen wir jetzt begin­nen. Die Ver­ant­wort­li­chen wer­den ein­ge­la­den, sich hier­über Gedan­ken zu machen.

Wo sehen Sie selbst die größ­ten Spar­po­ten­zia­le?
Sonn­leit­ner: Das ist schwer zu sagen und bedarf der Mit­wir­kung aller Haus­halts­stel­len­ver­ant­wort­li­chen. Wir spa­ren jetzt schon, zum Bei­spiel bei den Bau­maß­nah­men, wo wir sehr reflek­tiert her­an­ge­hen und genau prü­fen, wel­che Maß­nah­me muss in wel­chem Umfang aus­ge­führt wer­den. Die­ser Pro­zess ist noch nicht zu Ende. Das erfolgt im Zusam­men­wir­ken zwi­schen der Kir­chen­ver­wal­tung vor Ort und uns. Inso­weit ist die gemein­sa­me Finan­zie­rung von Maß­nah­men natür­lich ein guter Ansatz, um gemein­schaft­lich dar­über nach­zu­den­ken: Muss es so sein? Muss es über­haupt sein? Und da sehe ich schon noch Poten­zia­le.
Ich sehe auch Mög­lich­kei­ten in der Inten­si­vie­rung der Zusam­men­ar­beit, zum Bei­spiel mit der Cari­tas, etwa in pas­to­ra­len Din­gen. In ver­wal­tungs­tech­ni­schen, admi­nis­tra­ti­ven Din­gen sind wir schon dabei, Din­ge gemein­schaft­lich zu machen, um Syn­er­gie­ef­fek­te zu rea­li­sie­ren. Auch da müs­sen wir wei­ter vorangehen.

Das Erz­bis­tum Köln ver­langt ab Herbst wahr­schein­lich Ein­tritt für den Dom, weil die Kos­ten für den Erhalt des Bau­werks exor­bi­tant gestie­gen sind und die das Bis­tum belas­ten. Wäre das auch etwas für Pas­sau?
Sonn­leit­ner: Also ganz offen gesagt, da tue ich mich wahn­sin­nig schwer. In öster­rei­chi­schen Kir­chen ist das ja auch schon län­ger der Fall. Ein Got­tes­haus hat offen zu sein. Ich kann nach­voll­zie­hen, was die Köl­ner Kol­le­gen bewegt und vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen sie ste­hen. Aber ich kann mir das per­sön­lich in der Diö­ze­se Pas­sau nicht vor­stel­len. Das ent­schei­det aber natür­lich das Domkapitel.

Wie steht nach Ihrer Ein­schät­zung die Poli­tik zum Kir­chen­steu­er­mo­dell?
Sonn­leit­ner: Ich sehe aktu­ell nicht, dass die Kir­chen­steu­er kurz- oder mit­tel­fris­tig abge­schafft wer­den wür­de. Vie­le poli­ti­sche Man­dats­trä­ger, mit denen man spricht und die ins­be­son­de­re in Regie­rungs­ver­ant­wor­tung ste­hen, erken­nen schon, was mit gut sechs Mil­li­ar­den Euro katho­li­scher Kir­chen­steu­er in Deutsch­land bewegt wer­den kann. Und die­se poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen spie­geln uns ganz klar wider: Es geht da nicht nur um die Kir­chen­steu­er an sich, son­dern um die Hebel­funk­ti­on die­ser Kir­chen­steu­er. Es ist häu­fig das Feh­len­de, das aus der Kir­chen­steu­er bezahlt wird. Wenn man jetzt die Kir­chen­steu­er weg­neh­men wür­de, wür­den vie­le Din­ge nicht pas­sie­ren kön­nen. Es wird uns manch­mal vor­ge­hal­ten, dass wir auch staat­li­che Zuschüs­se zum Bei­spiel im Schul­be­reich oder im Kita-Bereich bekom­men. Gleich­wohl steckt da ein ganz gehö­ri­ges Stück der Finan­zie­rung aus der Kir­chen­steu­er drin. Neh­men Sie jetzt die Kir­chen­steu­er weg, wäre hier rein mone­tär natür­lich der Staat gefor­dert. Ich ver­tre­te die The­se, dass wir sehr, sehr vie­le Din­ge machen, die der Staat und die Gesell­schaft brau­chen. Und inso­weit glau­be ich, dass wir eine gute Berech­ti­gung haben. Und poli­tisch Ver­ant­wort­li­che, die hier vor­aus­schau­end agie­ren, tei­len die Ein­schät­zung mit uns, dass die Kir­chen­steu­er not­wen­dig und sehr gut ist. Auch muss man das hohe ehren­amt­li­che Enga­ge­ment in den Blick neh­men, das durch die Kir­chen­steu­er unter­stützt wird.

Zum Abschluss noch ein per­sön­li­ches Wort von Ihnen, eine kur­ze For­mel: War­um lohnt es sich, die Kir­chen­steu­er zu zah­len?
Sonn­leit­ner: Weil Sie damit ein soli­da­ri­sches Wir­ken zum Woh­le der Men­schen in der Diö­ze­se Pas­sau ermöglichen.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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