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Gerade entsteht eine neue Weltordnung und auch die Kirche muss sich fragen, ob und wie sie in das politische Tagesgeschehen eingreifen soll. Der Autor des Editorials unserer aktuellen Ausgabe 5-2026 geht dieser Frage nach.
Wenn sich Unheil anbahnt, dann suchen Menschen Zuflucht. Gerne in Kirchen. Mag da draußen auch ein Sturm wüten, Gott werde uns schon beschützen in seinem Haus. Das klappt auch heute ganz gut, wenn uns die Nachrichten im Sekundentakt aus dem Alltag reißen und uns den Boden unter den Füßen wegzuschwemmen drohen – eine Schlagzeile jagt die nächste, wie Wellen einer aufkommenden Flut. Mariä Lichtmess ist ein schönes Datum für eine Flucht aus der Welt; wenn Kerzen sanft scheinen und an die Barmherzigkeit des wahren Königs und an die Seligkeit im Himmel erinnern. Aber nicht nur dann: „Sollen die Könige dieser Welt doch ihre Schlagzeilen haben, dann such‘ ich halt meine Ruhe in der Kirche.“
So oder so ähnlich denken vielleicht viele in diesen Tagen, und bestimmt auch jene, die sich immerzu beschweren, die Kirche möge sich doch heraushalten aus der Politik und sich aufs Beten konzentrieren. Nun ist beten sicherlich keine schlechte Idee, aber das mit dem Heraushalten schon. Weil auch die Kirche mittendrin ist in dieser Welt. Wohin Passivität oder gar Mitläufertum führen können, lässt sich in Russland oder in den USA beobachten, wo sich hier die orthodoxe Kirche ganz offiziell und dort evangelikale Christen zu einem sehr großen Teil ihrem jeweiligen Herrscher unterworfen haben – dem weltlichen wohlgemerkt, nicht dem König im Himmel. Herrscher kämpfen um Macht, Jesus um die Herzen der Menschen. In der Bibel ist nichts davon überliefert, dass Gott die Herzen nach Nationalität oder völkischer Identität aussortiert.
„Beten wir für den Frieden in einem Moment der Geschichte, der von einem zunehmenden Verlust der Menschenwürde geprägt scheint und in dem der Krieg wieder in Mode ist.”
Auch sitzt Jesus nicht einfach so im Himmel und wartet, bis wir uns zu ihm hinaufgebetet haben – dem christlichen Glauben nach ist er bereits da und geht auch dann mit uns mit, wenn wir uns aus der Kirche in die Welt hinauswagen. „Gott ist hochpolitisch“, sagt gar Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner in unserem Interview und trifft hier einen wunden Punkt: Menschenwürde, Lebensschutz, Klimaschutz, … Allesamt politische Themen, die den Glauben berühren – und die sich daher nicht einfach so wegwischen lassen, wenn sie einem nicht in den Kram passen.
Frieden ist das große Thema unserer Zeit. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Papst Leo dazu aufruft. Und kaum ein Tag vergeht, an dem nicht darum gestritten wird, wie dieser zu erreichen sei. Ein Blick auf Jesus am Kreuz mag helfen, die Perspektive zurechtzurücken: Von Menschen, die Gottes Sohn ans Kreuz genagelt haben, braucht niemand erwarten, dass sie immerzu lieb und nett zueinander sind. Ein Blick in die Geschichtsbücher bestätigt: Frieden, wie wir ihn in Europa lange hatten, ist die Ausnahme; Krieg als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ ist die Regel. Selbstmörderisch ist, wer sich unter diesen Umständen allein mit Worten verteidigen möchte. Realistisch, wer seinen Worten mit dem Besitz von Waffen die nötige Kraft verleiht. Denn leider lassen sich auch Eroberer, die sich als christlich bezeichnen, nur durch Abschreckung davon abhalten, einen weiteren Krieg zu beginnen.
Solange selbst der Blick auf die Verletzlichkeit des Kindes in der Krippe diese Kriegsherren nicht aufhält, sollte dieser aber die Pazifisten unter uns umso mehr dazu ermutigen, auch eine zwar nötige, aber gefährliche Politik der Abschreckung immer wieder zu hinterfragen und darum zu ringen, um sie vernünftig auszutarieren. Christen haben in dieser Diskussion nicht nur Realismus einzubringen, sondern auch Hoffnung: eben jene, dass Jesus uns nicht im Stich lässt. Sich zu verstecken, ist jedenfalls kein guter Rat. Denn Christen, die sich nicht in die Politik einmischen wollen, wären wie Rettungsschwimmer, die sich weigern, ins Wasser zu gehen.



