Über Leuchttürme sagt man, dass sie einem selbst an dunkelsten Orten das Gefühl geben, hoffen zu dürfen – auf ein Entrinnen aus auswegloser Lage und das Weiterleben. So ähnlich mögen es die Schiffer empfunden haben, wenn sie bei Dunkelheit, besonders aber in den nebeligen Herbstmonaten von Hallein kommend auf der Salzach gen Laufen fuhren und beim Anlegen am Ufer das Flackern des „Armenseelenlichts“ entdeckten, das hoch oben im Tabernakelpfeiler über dem Gottesacker ganzjährig brannte. Wind und Wetter seit mehr als einem halben Jahrtausend trotzend und aus dem an Inn und Salzach so typischen Tuffstein geschlagen, steht die Totenleuchte neben der Pfarr- und Stiftskirche Mariae Himmelfahrt heute auf einem Wiesenfleck. Ihre Nachbarschaft ist profan, der Blick fällt mehr auf die provisorischen Verkehrsschilder, Holzböcke und parkenden Autos als auf die mittlerweile verwitterte Säule mit ihrem viereckigen, gedrungenen Sockel, dem vergitterten vierseitigen Gehäuse und dem windschiefen schmiedeeisernen Kreuz auf der Dachspitze. Nichts kündet mehr von ihrer großen Vergangenheit als dem „ewig liecht oder steynen luchtin“, dem steinernen Pfeiler, in dessen Gehäuse das Armeseelen wärmende Licht Tag und Nacht brannte für alle, die in seiner Nähe ihre letzte Ruhe gefunden haben – sei es auf dem Friedhof oder im nahen Karner. Dieses Licht verhieß allen Toten dort die Hoffnung auf ein erleuchtetes Leben in der Ewigkeit, unabhängig von Stand und Geschlecht.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Die Laufener Totenleuchte, erstmalig 1621 urkundlich erwähnt, gehört zu den seltenen noch erhaltenen Kirchhoflaternen in Südostbayern. Man bringt diese regionale Besonderheit in Zusammenhang mit der ehemaligen Zugehörigkeit zum Fürstbistum Salzburg, dessen stark benediktinischer Prägung und dem Einfluss der Zisterzienser an Rott und Salzach. Es sollen diese beiden Ordensgemeinschaften gewesen sein, die Kult, Baustil und ‑technik der „Lanterne des morts“, der Totenlaterne, aus Frankreich in unsere Gegend getragen haben.
Im Übergang von der Romanik zur Gotik waren dort freistehende Bauwerke in Mode gekommen, die in ihrem oberen Teil mehrseitig geöffnete Laternen enthielten. In der Gotik gewannen sie immer mehr an Höhe. Kerzen oder Öllampen konnten nicht mehr einfach eingestellt werden, sondern mussten durch einen kleinen Seilzug im Schachtinneren nach oben transportiert werden. Auch der Baustil wurde immer elaborierter: Die Lichtsäulen erinnerten optisch mit ihren Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe, Strebebögen, Strebepfeilern und Spitzgiebelchen immer mehr an gotische Kirchtürme en miniature. Eines der schönsten Totenlichter gotischer Verspieltheit steht heute im Domgarten zu Regensburg. Es wurde im frühen 14. Jahrhundert durch eine Stiftung Regensburger Bürger errichtet.
Ähnliche, zum Teil wesentlich ältere Lichtstöckl findet man in der Vorhalle des Freisinger Doms, an der Pfarrkirche in Ering, in Teisendorf entlang der Treppe zum Neuen Friedhof, in Ruhpolding südlich der Pfarrkirche St. Georg und in Waging an der Südseite der Kirche. Dort brennt an den Seelentagen eine weiße Kerze mit schwarzem Trauerflor. In Mühldorf am Inn ist eine Totensäule neben dem ehemaligen Karner seit 1390 durch eine Ewiggeld-Stiftung für das Licht urkundlich nachgewiesen, die Spur des Bauwerks verliert sich aber irgendwann im 18. Jahrhundert. Dies gilt für viele Orte zwischen Rott, Inn und Salzach, so auch für Pfarrkirchen. Viele Säulen werden in der Zeit der Aufklärung, als die Friedhöfe aus hygienischen Gründen außerhalb der Ansiedlungen verlegt wurden, abgebrochen oder fanden während der Säkularisation ihren Weg in Museen und sakrale Kunstsammlungen. Nicht vergessen werden sollte auch, dass der Erfolg lutherischer Ideen in Südostbayern, im angrenzenden Innviertel und Salzkammergut die Sepulkralkultur zutiefst veränderte, die sich in der Gegenreformation kaum änderte.
Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Die ursprünglich gotische Totenleuchte auf dem Friedhof der Pfarrkirche St. Valentin in Marzoll bei Bad Reichenhall erfuhr eine für die Lichtsäulen fast typische Umwidmung zum Kriegerdenkmal, übrigens eines der ältesten in Bayern. Die Öffnungen des Tabernakels wurden in Napoleonischer Zeit mit Platten aus Untersberger Marmor verschlossen, in zwei sind die Namen und Todesdaten gefallener Soldaten eingraviert. Auch der Säulenschaft wurde dem neuen Zwecke entsprechend umgestaltet.
Andere, meist kleinere, Totensäulen, die außerhalb der eigentlichen Friedhöfe auf Pestäckern, an Richtstätten oder vor den Siechen- und Leprosenhäusern standen, wurden häufig zu Bildstöcken umgearbeitet. Die eigentlichen Lichthäuschen sind mit Bildplatten, Zierreliefs oder Texttafeln verschlossen, manche bergen im Inneren Heiligenfiguren und muten wie Kapellen an. Für Kerzen ist kein Platz mehr. Die Andacht an die Toten, denen die Kälte des Grabes gewärmt und ihre Leidenszeit erhellt werden sollte, scheint vergessen. Nicht verändert hat sich allerdings die Sichtachse dieser Kleindenkmäler. Sie ist, wie zur Zeit ihrer Errichtung im Mittelalter, immer noch auf die jeweilige Pfarrkirche, den Karner und den Friedhof ausgerichtet.
Auch im kollektiven Gedächtnis scheint bis weit ins 20. Jahrhundert die Erinnerung an die Totenlichter und ihre eigentliche Bedeutung lebendig geblieben zu sein, wie die Geschichte des „Totenlichts von Eßbaum“ aus der Gegend von Soyen, nordwestlich von Wasserburg am Inn, zeigt. – Seit dem Dreißigjährigen Krieg soll dort immer Anfang November ein wiedergängerischer Totengräber Totenlichter entzündet haben. Der Ortspfarrer war der Spuk(bierrausch-)geschichte leid und errichtete auf dem Pestacker 1932 ein Kreuz. Licht brennt seither dort keines mehr.
Text und Fotos: Maximiliane Heigl-Saalfrank



