Aufbruch in eine neue Welt

Redaktion am 26.01.2026

Gruppenfoto mit den Interviewten. Info Icon Foto: Barbara Osdarty
Vom Interview zum Plakat: Dorothée von Manteuffel (Seelsorgerin im Malteserstift, v.l.), Lisa Marie Asen (hinten, Studentin), Gerda Drews (vorne, Interviewte), Claudia Hartinger (Hausleitung Malteserstift), Christine Stegner (Studentin), Ernestine Zierhut (Interviewte) und Florian Weber, KSG-Referent, schauten sich die Ausstellung gemeinsam an und waren beeindruckt, was aus den Interviews entstanden ist.

80 Jahre Kriegsende – der steinige Weg in die Demokratie: So lautet der Titel einer Ausstellung, die zur Zeit in der Universitätskirche St. Nikola in Passau zu sehen ist. Junge Menschen haben Zeitzeugen interviewt und sind dadurch zwar nicht unbedingt „der Geschichte“, wohl aber den vielfältigen Facetten jener längst vergangenen Zeit ganz nahe gekommen.

Wenn die­se Men­schen ein­mal nicht mehr unter uns sind, dann wird Geschich­te nie wie­der so greif­bar sein, wie sie es jetzt noch ist“ – davon ist KSG-Refe­rent Flo­ri­an Weber über­zeugt. Die Zeit­zeu­gen, die das Kriegs­en­de 1945 und die Jah­re danach bewusst mit­er­lebt haben, wer­den immer weni­ger, doch nie­mand kann jene Tage für jun­ge Men­schen von heu­te in der Wei­se leben­dig wer­den las­sen wie sie: kein noch so gutes Muse­um, kei­ne noch so sau­ber recher­chier­te Doku­men­ta­ti­on.“ 
Eine per­sön­li­che Begeg­nung mit einer Zeit­zeu­gin oder einem Zeit­zeu­gen wir­ke dabei noch ein­mal ganz anders nach, als wenn man sich zum Bei­spiel ein ent­spre­chen­des Inter­view im Inter­net oder im Fern­se­hen anschaue: Die Mimik, die Stim­me, die klei­nen Ges­ten – all das ist viel prä­sen­ter, wenn ein Mensch, der jene Jah­re mit­er­lebt hat, einem gegen­über­sitzt. Und es sind gera­de die­se Din­ge, die in den Bann zie­hen, die bewe­gen, die Ver­ständ­nis schaffen.“

Weber selbst geht gern auf Spu­ren­su­che, möch­te die Geschich­te der eige­nen Fami­lie so gut wie mög­lich ergrün­den. Es geht mir dabei weni­ger dar­um, bestimm­te geschicht­li­che Ereig­nis­se zu rekon­stru­ie­ren, dazu kann man sich ander­wei­tig infor­mie­ren. Mir ist es wich­tig, etwas über die Men­schen zu erfah­ren, über ihre Erleb­nis­se und Ein­drü­cke, ihren All­tag, ihre Träu­me und Hoff­nun­gen, aber auch über ihre Nöte, Sor­gen und Ängs­te, wenn sie dar­über erzäh­len wol­len.“ So wür­den Zusam­men­hän­ge kla­rer, sowohl das eige­ne Leben als auch die aktu­el­le poli­ti­sche Situa­ti­on wür­den durch die Beschäf­ti­gung mit der Ver­gan­gen­heit immer wie­der in neu­em Licht erscheinen.

Impression aus der Ausstellung. Info Icon Foto: red
Impression aus der Ausstellung: 80 Jahre Kriegsende – der steinige Weg in die Demokratie.

Das Jubi­lä­um zum 80-jäh­ri­gen Kriegs­en­de im ver­gan­ge­nen Jahr, das per­sön­li­che Inter­es­se an den klei­nen Geschich­ten“ hin­ter der Geschich­te und die Tat­sa­che, dass die Katho­li­sche Stu­den­ten­ge­mein­de Pas­sau schon seit vie­len Jah­ren einen Besuchs­dienst im Mal­te­ser­stift St. Niko­la in Pas­sau orga­ni­siert: Aus der Kom­bi­na­ti­on die­ser drei Fak­ten ent­wi­ckel­te Weber die Idee, ein Pro­jekt zu initi­ie­ren, das Alt und Jung zusam­men­bringt, um mit­ein­an­der und auch von­ein­an­der zu ler­nen. Das Grund­kon­zept für die Inter­views, aus denen schließ­lich die Aus­stel­lung her­vor­ging, war gebo­ren. Lukas Fall­ak, der von stu­den­ti­scher Sei­te für den Besuchs­dienst zustän­dig ist, und Doro­thée von Man­teuf­fel, Seel­sor­ge­rin im Mal­te­ser­stift, haben gleich sehr posi­tiv auf den Vor­schlag reagiert und bei den Senio­rin­nen und Senio­ren vor­ge­fühlt, wer zu so einem Zeit­zeu­gen­ge­spräch bereit wäre“, erin­nert sich Flo­ri­an Weber an die Anfän­ge. Vie­le hät­ten gleich zuge­sagt, waren sogar froh, dass sich jun­ge Men­schen für ihre Geschich­te – und Geschich­ten – inter­es­sie­ren. Ande­re reagier­ten zurück­hal­tend, man­che ableh­nend. Das ist auch ver­ständ­lich, nie­mand weiß, was die­se Men­schen erlebt haben, was mit so einem Inter­view viel­leicht auch wie­der auf­ge­wühlt wird“, so Weber.

Impression aus der Ausstellung. Info Icon Foto: red
Impression aus der Ausstellung: 80 Jahre Kriegsende – der steinige Weg in die Demokratie.

Emo­tio­nal beson­ders war die Situa­ti­on für bei­de Sei­ten: Natür­lich haben wir auch die Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten, die mit­ma­chen woll­ten, auf die Situa­ti­on vor­be­rei­tet. Eini­ge hat­ten durch ihre Mit­ar­beit beim Besuchs­dienst ja schon Erfah­rung, wuss­ten eher, wor­auf sie sich ein­las­sen, weil sie die Per­son, die sie inter­viewt haben, schon gekannt haben. Das war aber nicht bei allen so.“ Dane­ben sei­en vor allem die Inhal­te mit­un­ter her­aus­for­dernd gewe­sen: Wir haben gemein­sam einen Leit­fa­den für die Inter­views erstellt“, beschreibt Weber die Arbeits­wei­se. Es ging dabei nicht aus­schließ­lich um Kriegs­er­leb­nis­se, son­dern auch um die frü­he Nach­kriegs­zeit. Aber auch da sind Din­ge pas­siert, die ein jun­ger Mensch, der selbst von sol­chen Erfah­run­gen ver­schont geblie­ben ist, erst ein­mal ver­ar­bei­ten muss.“ Vie­les sei zur Spra­che gekom­men, Schreck­li­ches, aber auch Schö­nes. Neben den gro­ßen Ereig­nis­sen sei es vor allem die Beschrei­bung des kom­plett ande­ren All­tags­er­le­bens der 1940er gewe­sen, das die Stu­die­ren­den beschäf­tigt hat: Es ist eigent­lich klar, aber man muss sich das noch­mals vor Augen füh­ren: Die Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten sind alle in einer digi­ta­len Welt mit Inter­net, Han­dy, Auto etc. groß gewor­den und kön­nen sich ein Leben ohne die­se Din­ge nur schwer vor­stel­len. Das ist so unend­lich weit weg. Kein Wun­der, dass es vie­le Fra­gen in die­se Rich­tung gab, den Wunsch, her­aus­zu­fin­den, wie es war, damals zu leben.“

In den Inter­views konn­ten die Befrag­ten jene Aspek­te der frü­hen Nach­kriegs­jah­re her­aus­grei­fen, die ihnen selbst beson­ders am Her­zen lie­gen. Flucht, Ver­trei­bung, Ent­beh­rung, Angst, Unge­wiss­heit, aber auch Hoff­nung, Freu­de und der Neu­start waren dabei zen­tra­le The­men. Deut­lich wird: Nicht alles war schlimm, vie­le haben auch Din­ge erlebt, an die sie sich ger­ne 
erin­nern.

Impression aus der Ausstellung. Info Icon Foto: red
Impression aus der Ausstellung: 80 Jahre Kriegsende – der steinige Weg in die Demokratie.

Ande­rer­seits hat es man­chen auch gut­ge­tan, sich Din­ge, die sie schon lan­ge bewe­gen bzw. belas­ten, im Rah­men der Inter­views von der See­le zu reden, das haben meh­re­re der befrag­ten Senio­rin­nen und Senio­ren betont. 
Ich glau­be, für man­che von ihnen war es leich­ter, mit den Stu­die­ren­den zu spre­chen als bei­spiels­wei­se mit der eige­nen Fami­lie. Sicher, eini­ge Teams haben sich vor­her gekannt, aber das Ver­hält­nis ist natür­lich trotz­dem weit­aus nicht so nah wie zu einem Ver­wand­ten. Und man­che Erin­ne­run­gen las­sen sich leich­ter tei­len, wenn man weiß, dass man in kei­nem fami­liä­ren Ver­hält­nis zuein­an­der steht“, so Weber.

Ins­ge­samt haben die teil­neh­men­den Senio­rin­nen und Senio­ren die Inter­views als Berei­che­rung emp­fun­den. Die gemein­sa­me Zeit, das ech­te Inter­es­se, die Tat­sa­che, dass jemand einem wirk­lich zuhört – am Ende der Fra­ge­bö­gen gab es einen extra Abschnitt, in wel­chem bei­de Sei­ten ihre Emp­fin­dun­gen zu den Gesprä­chen mit­tei­len konn­ten, und es waren die­se Din­ge, die Alte wie Jun­ge beson­ders wert­ge­schätzt haben.

Dane­ben waren die Stu­die­ren­den vor allem über­rascht, mit wel­cher Offen­heit ihre Gesprächs­part­ne­rin­nen und ‑part­ner aus ihrem Leben erzählt haben. Die Mischung aus Stär­ke und Ver­letz­lich­keit hat mich beein­druckt“, schreibt bei­spiels­wei­se Jura-Stu­dent Lukas Bür­ger über sei­ne Gesprächs­part­ne­rin Bri­git­te Dann­häu­ser. Eini­ge der Inter­view­ten nutz­ten die Gele­gen­heit auch, um aus ihrer Lebens­er­fah­rung her­aus den jun­gen Erwach­se­nen, die ihnen gegen­über­sa­ßen, eine Mah­nung für die Zukunft mit­zu­ge­ben, so bei­spiels­wei­se Bir­git Wet­zels: Frie­den, Frei­heit und Demo­kra­tie sind die aller­wich­tigs­ten Wer­te und es gilt, sie zu ver­tei­di­gen. Lei­der sehe ich die­se Wer­te aktu­ell gefährdet.“

Her­aus­ge­kom­men ist eine sehens­wer­te Aus­stel­lung, ein viel­fäl­ti­ger Ein­blick in eine ver­gan­ge­ne Welt. Wie lan­ge genau sie in der Kir­che St. Niko­la zu sehen sein wird, steht noch nicht fest – auf jeden Fall aber bis Anfang April. Auch im Mal­te­ser­stift St. Niko­la sind die Pla­ka­te zu sehen (jeweils zu den übli­chen Öff­nungs­zei­ten für Besu­cher), und zwar noch bis zum 3. Februar.

Barbara
Osdarty

Redakteurin

Kleiner Vorgeschmack auf die Ausstellung: Vier Interview-Paare berichten

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Ich habe das Inter­view sehr ger­ne gemacht und habe mir eini­ges vom Her­zen gespro­chen“, erklärt Bri­git­te Dann­häu­ser. Inter­viewt hat sie Lukas Bür­ger, der die Zusam­men­ar­beit wie folgt beschreibt: Für mich hat Frau Dann­häu­ser die Erin­ne­run­gen sehr leben­dig geschil­dert. Nicht nur die gro­ßen his­to­ri­schen Ereig­nis­se, son­dern auch die klei­nen Details – Gerü­che, Geräu­sche, Gesich­ter. Man merkt, dass man­ches auch nach all den Jah­ren nicht ver­blasst ist.“

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Was ich der jun­gen Gene­ra­ti­on sagen möch­te?“ – Anna Förs­ter muss dar­über nicht lan­ge nach­den­ken. Sie hat in ihrem Leben vie­le Rei­sen gemacht, ande­re Kul­tu­ren ken­nen­ge­lernt, die Welt ent­deckt. Wenn sie zurück­schaut, ist sie zufrie­den. Was ihr immer wich­tig war: Dass ich nicht faul bin und etwas im Leben errei­che. Das möch­te ich auch der jun­gen Gene­ra­ti­on sagen: Es ist wich­tig, sich Zie­le zu ste­cken und die­se zu errei­chen, dabei heißt es durchhalten!“

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Joa­chim Luss­ow rich­tet eben­falls einen ein­dring­li­chen Appell an die nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen: Setzt euch ein, damit es kei­nen Krieg mehr gibt.“ Nichts sei wich­ti­ger. Lukas Fall­ak, der ihn inter­viewt hat, sagt über das Gespräch: Ich hat­te gro­ßen Respekt vor dem Inter­view, war aber posi­tiv über­rascht. Herr Luss­ow hat mir alles offen und ehr­lich, zudem auch inter­es­sant und elo­quent erzählt. Zum Krieg in der Ukrai­ne kann ich nun bes­ser Par­al­le­len ziehen.“

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Eli­sa­beth Port ist 97 Jah­re alt – das hin­dert sie aber nicht dar­an, am moder­nen“ Leben teil­zu­ha­ben: Ich besit­ze einen Lap­top und ein Smart­phone. Damit über­set­ze ich das Tage­buch mei­ner Urgroß­tan­te, wel­ches noch in Süt­ter­lin ver­fasst ist.“ Chris­ti­ne Nau­mann, die mit ihr gespro­chen hat, hat Frau Port als sehr gesprächs­be­reit“ wahr­ge­nom­men und ist über­zeugt, dass sie sich gefreut hat, dass sich jemand für ihre Geschich­te interessiert.“

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