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80 Jahre Kriegsende – der steinige Weg in die Demokratie: So lautet der Titel einer Ausstellung, die zur Zeit in der Universitätskirche St. Nikola in Passau zu sehen ist. Junge Menschen haben Zeitzeugen interviewt und sind dadurch zwar nicht unbedingt „der Geschichte“, wohl aber den vielfältigen Facetten jener längst vergangenen Zeit ganz nahe gekommen.
„Wenn diese Menschen einmal nicht mehr unter uns sind, dann wird Geschichte nie wieder so greifbar sein, wie sie es jetzt noch ist“ – davon ist KSG-Referent Florian Weber überzeugt. Die Zeitzeugen, die das Kriegsende 1945 und die Jahre danach bewusst miterlebt haben, werden immer weniger, „doch niemand kann jene Tage für junge Menschen von heute in der Weise lebendig werden lassen wie sie: kein noch so gutes Museum, keine noch so sauber recherchierte Dokumentation.“
Eine persönliche Begegnung mit einer Zeitzeugin oder einem Zeitzeugen wirke dabei noch einmal ganz anders nach, als wenn man sich zum Beispiel ein entsprechendes Interview im Internet oder im Fernsehen anschaue: „Die Mimik, die Stimme, die kleinen Gesten – all das ist viel präsenter, wenn ein Mensch, der jene Jahre miterlebt hat, einem gegenübersitzt. Und es sind gerade diese Dinge, die in den Bann ziehen, die bewegen, die Verständnis schaffen.“
Weber selbst geht gern auf Spurensuche, möchte die Geschichte der eigenen Familie so gut wie möglich ergründen. „Es geht mir dabei weniger darum, bestimmte geschichtliche Ereignisse zu rekonstruieren, dazu kann man sich anderweitig informieren. Mir ist es wichtig, etwas über die Menschen zu erfahren, über ihre Erlebnisse und Eindrücke, ihren Alltag, ihre Träume und Hoffnungen, aber auch über ihre Nöte, Sorgen und Ängste, wenn sie darüber erzählen wollen.“ So würden Zusammenhänge klarer, sowohl das eigene Leben als auch die aktuelle politische Situation würden durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit immer wieder in neuem Licht erscheinen.
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Das Jubiläum zum 80-jährigen Kriegsende im vergangenen Jahr, das persönliche Interesse an den „kleinen Geschichten“ hinter der Geschichte und die Tatsache, dass die Katholische Studentengemeinde Passau schon seit vielen Jahren einen Besuchsdienst im Malteserstift St. Nikola in Passau organisiert: Aus der Kombination dieser drei Fakten entwickelte Weber die Idee, ein Projekt zu initiieren, das Alt und Jung zusammenbringt, um miteinander und auch voneinander zu lernen. Das Grundkonzept für die Interviews, aus denen schließlich die Ausstellung hervorging, war geboren. „Lukas Fallak, der von studentischer Seite für den Besuchsdienst zuständig ist, und Dorothée von Manteuffel, Seelsorgerin im Malteserstift, haben gleich sehr positiv auf den Vorschlag reagiert und bei den Seniorinnen und Senioren vorgefühlt, wer zu so einem Zeitzeugengespräch bereit wäre“, erinnert sich Florian Weber an die Anfänge. Viele hätten gleich zugesagt, waren sogar froh, dass sich junge Menschen für ihre Geschichte – und Geschichten – interessieren. Andere reagierten zurückhaltend, manche ablehnend. „Das ist auch verständlich, niemand weiß, was diese Menschen erlebt haben, was mit so einem Interview vielleicht auch wieder aufgewühlt wird“, so Weber.
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Emotional besonders war die Situation für beide Seiten: „Natürlich haben wir auch die Studentinnen und Studenten, die mitmachen wollten, auf die Situation vorbereitet. Einige hatten durch ihre Mitarbeit beim Besuchsdienst ja schon Erfahrung, wussten eher, worauf sie sich einlassen, weil sie die Person, die sie interviewt haben, schon gekannt haben. Das war aber nicht bei allen so.“ Daneben seien vor allem die Inhalte mitunter herausfordernd gewesen: „Wir haben gemeinsam einen Leitfaden für die Interviews erstellt“, beschreibt Weber die Arbeitsweise. Es ging dabei nicht ausschließlich um Kriegserlebnisse, sondern auch um die frühe Nachkriegszeit. „Aber auch da sind Dinge passiert, die ein junger Mensch, der selbst von solchen Erfahrungen verschont geblieben ist, erst einmal verarbeiten muss.“ Vieles sei zur Sprache gekommen, Schreckliches, aber auch Schönes. Neben den großen Ereignissen sei es vor allem die Beschreibung des komplett anderen Alltagserlebens der 1940er gewesen, das die Studierenden beschäftigt hat: „Es ist eigentlich klar, aber man muss sich das nochmals vor Augen führen: Die Studentinnen und Studenten sind alle in einer digitalen Welt mit Internet, Handy, Auto etc. groß geworden und können sich ein Leben ohne diese Dinge nur schwer vorstellen. Das ist so unendlich weit weg. Kein Wunder, dass es viele Fragen in diese Richtung gab, den Wunsch, herauszufinden, wie es war, damals zu leben.“
In den Interviews konnten die Befragten jene Aspekte der frühen Nachkriegsjahre herausgreifen, die ihnen selbst besonders am Herzen liegen. Flucht, Vertreibung, Entbehrung, Angst, Ungewissheit, aber auch Hoffnung, Freude und der Neustart waren dabei zentrale Themen. Deutlich wird: Nicht alles war schlimm, viele haben auch Dinge erlebt, an die sie sich gerne
erinnern.
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Andererseits hat es manchen auch gutgetan, sich Dinge, die sie schon lange bewegen bzw. belasten, im Rahmen der Interviews von der Seele zu reden, das haben mehrere der befragten Seniorinnen und Senioren betont.
„Ich glaube, für manche von ihnen war es leichter, mit den Studierenden zu sprechen als beispielsweise mit der eigenen Familie. Sicher, einige Teams haben sich vorher gekannt, aber das Verhältnis ist natürlich trotzdem weitaus nicht so nah wie zu einem Verwandten. Und manche Erinnerungen lassen sich leichter teilen, wenn man weiß, dass man in keinem familiären Verhältnis zueinander steht“, so Weber.
Insgesamt haben die teilnehmenden Seniorinnen und Senioren die Interviews als Bereicherung empfunden. Die gemeinsame Zeit, das echte Interesse, die Tatsache, dass jemand einem wirklich zuhört – am Ende der Fragebögen gab es einen extra Abschnitt, in welchem beide Seiten ihre Empfindungen zu den Gesprächen mitteilen konnten, und es waren diese Dinge, die Alte wie Junge besonders wertgeschätzt haben.
Daneben waren die Studierenden vor allem überrascht, mit welcher Offenheit ihre Gesprächspartnerinnen und ‑partner aus ihrem Leben erzählt haben. „Die Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit hat mich beeindruckt“, schreibt beispielsweise Jura-Student Lukas Bürger über seine Gesprächspartnerin Brigitte Dannhäuser. Einige der Interviewten nutzten die Gelegenheit auch, um aus ihrer Lebenserfahrung heraus den jungen Erwachsenen, die ihnen gegenübersaßen, eine Mahnung für die Zukunft mitzugeben, so beispielsweise Birgit Wetzels: „Frieden, Freiheit und Demokratie sind die allerwichtigsten Werte und es gilt, sie zu verteidigen. Leider sehe ich diese Werte aktuell gefährdet.“
Herausgekommen ist eine sehenswerte Ausstellung, ein vielfältiger Einblick in eine vergangene Welt. Wie lange genau sie in der Kirche St. Nikola zu sehen sein wird, steht noch nicht fest – auf jeden Fall aber bis Anfang April. Auch im Malteserstift St. Nikola sind die Plakate zu sehen (jeweils zu den üblichen Öffnungszeiten für Besucher), und zwar noch bis zum 3. Februar.
Kleiner Vorgeschmack auf die Ausstellung: Vier Interview-Paare berichten
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„Ich habe das Interview sehr gerne gemacht und habe mir einiges vom Herzen gesprochen“, erklärt Brigitte Dannhäuser. Interviewt hat sie Lukas Bürger, der die Zusammenarbeit wie folgt beschreibt: „Für mich hat Frau Dannhäuser die Erinnerungen sehr lebendig geschildert. Nicht nur die großen historischen Ereignisse, sondern auch die kleinen Details – Gerüche, Geräusche, Gesichter. Man merkt, dass manches auch nach all den Jahren nicht verblasst ist.“
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„Was ich der jungen Generation sagen möchte?“ – Anna Förster muss darüber nicht lange nachdenken. Sie hat in ihrem Leben viele Reisen gemacht, andere Kulturen kennengelernt, die Welt entdeckt. Wenn sie zurückschaut, ist sie zufrieden. Was ihr immer wichtig war: „Dass ich nicht faul bin und etwas im Leben erreiche. Das möchte ich auch der jungen Generation sagen: Es ist wichtig, sich Ziele zu stecken und diese zu erreichen, dabei heißt es durchhalten!“
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„Joachim Lussow richtet ebenfalls einen eindringlichen Appell an die nachfolgenden Generationen: „Setzt euch ein, damit es keinen Krieg mehr gibt.“ Nichts sei wichtiger. Lukas Fallak, der ihn interviewt hat, sagt über das Gespräch: „Ich hatte großen Respekt vor dem Interview, war aber positiv überrascht. Herr Lussow hat mir alles offen und ehrlich, zudem auch interessant und eloquent erzählt. Zum Krieg in der Ukraine kann ich nun besser Parallelen ziehen.“
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„Elisabeth Port ist 97 Jahre alt – das hindert sie aber nicht daran, am „modernen“ Leben teilzuhaben: „Ich besitze einen Laptop und ein Smartphone. Damit übersetze ich das Tagebuch meiner Urgroßtante, welches noch in Sütterlin verfasst ist.“ Christine Naumann, die mit ihr gesprochen hat, hat Frau Port als „sehr gesprächsbereit“ wahrgenommen und ist überzeugt, dass sie sich gefreut hat, „dass sich jemand für ihre Geschichte interessiert.“



