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Zu wenig Mut?
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Zu wenig Mut?
Kommentar. Für einen „großen Schritt für die Kirche“ halten es die einen; die anderen nennen es, verhaltener, eine „Übergangslösung“; einige zeigen sich aber auch „bitter enttäuscht“, fühlen sich „abgewiesen und abgewertet“, werfen Papst Franziskus vor, „eine entscheidende Chance vertan“ zu haben: In der jüngeren Vergangenheit gab es kein päpstliches Schreiben, das mit so großer Spannung erwartet wurde wie „Amoris laetitia“, das Papstwort im Nachgang der Familiensynode. Nun wurde das Dokument der Öffentlichkeit vorgestellt. Blickt man auf die Reaktionen in den Medien und den sozialen Netzwerken, so überwiegt derzeit die Zustimmung. Viele können den Papstworten etwas abgewinnen, sehen sich zumindest in Teilbereichen verstanden oder gar bestätigt.
 
Zu erwarten war das nicht unbedingt, denn kaum ein Schreiben wurde – und zwar noch weit vor seinem tatsächlichen Erscheinen – so sehr mit Bedeutung aufgeladen wie „Amoris laetitia“: Konservative wie Progressive waren sich einig, dass das Papier den „Wendepunkt“ darstellen wird, an dem sich die „Zukunft der gesamten Kirche“ entscheidet.
 
Nun: Vielleicht waren es diese und ähnliche Aussagen, die Papst Franziskus bewegt haben beim Abfassen des Textes. In den besonders strittigen Fragen bleiben die Aussagen teils recht vage, lassen einen großen Interpretationsspielraum zu. Manch ein Kommentator legt Franziskus das in diesen Tagen als „Unentschiedenheit“ aus. Hat sich der Papst nicht getraut, den einen oder den anderen eine klare Absage zu erteilen? Hat er am Ende doch Angst gehabt, sich Feinde zu machen? Oder hat er gewollt, aber nicht gekonnt?
 
Ich meine, „Amoris laetitia“ spricht eine andere Sprache: In der Art, wie Papst Franziskus seine Worte setzt, ist ihm etwas gelungen, was kaum einer für möglich gehalten hätte, nämlich die Einheit der Kirche zu wahren in einer Stunde, in der viele, und zwar aus allen Lagern, dafür keine Möglichkeit mehr sahen. Er hat alles getan, um seine Schäfchen beieinanderzuhalten, so verschieden sie auch sein mögen. Ein großer Dienst für die Kirche, ein Zeichen gelebten Friedens. Und ein mutiger Schritt. Denn manchmal ist es schwerer – gerade für jemanden, der mit einer derart großen Machtfülle ausgestattet ist wie der Papst –, Dinge offen zu lassen als sie in endgültiger und eindeutiger Form zu regeln. Damit gibt man ein Stück Autorität ab, ein Stück Kontrolle. Es erfordert Mut, zuzulassen, dass sich etwas Neues entwickelt, besonders, wenn man nicht genau weiß, was dieses Neue sein wird. Das Ziel gibt Franziskus klar vor – barmherzig miteinander leben –, einzig in der Frage, wie wir dorthin gelangen, lässt er große Freiheit.
 
Mit der Fokussierung auf Einzelfälle und auf das Gewissen hat Franziskus nicht nur ein Fenster aufgestoßen, von dem heute noch keiner weiß, was sich dahinter verbirgt, sondern er hat uns, den Gläubigen, auch größtes Vertrauen entgegengebracht, indem er einerseits jeden einzelnen Menschen in die Verantwortung nimmt, ihm andererseits aber auch zutraut, dass er dieser Herausforderung gewachsen ist.
 
Heute lässt sich schwer abschätzen, welche Bedeutung „Amoris laetitia“ tatsächlich zukommt. Fest steht aber: Papst Franziskus, der Fußballfan, hat seiner Kirche den Ball zugespielt – die Frage ist, was sie daraus macht.
 
Barbara Osdarty


Autor: Barbara Osdarty
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