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Es wird keine Revolution geben
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Bischof Stefan Oster SDB im Gespräch über die Familiensynode in Rom

Papst Franziskus hat zu einer außerordentlichen Bischofssynode eingeladen. Es geht um Familie, um Sexualität, um den Umgang der Kirche mit dem Scheitern, um zentrale Fragen des Zusammenlebens. Einige sprechen bereits von einem der spannendsten Momente der neueren Kirchengeschichte, andere warnen vor zu hohen Erwartungen. Armin Berger, der Leiter des Katholischen Radiobüros, und Bistumsblatt-Chefredakteur Wolfgang Krinninger sprachen mit Bischof Stefan Oster SDB über die Synode in Rom.

Herr Bischof, Papst Franziskus hat zu dieser Familiensynode eingeladen. Was denken Sie, dass er sich davon erhofft?
Bischof Oster: Familie ist für die Kirche und für die Gesellschaft ein ganz zentrales, ein ganz wichtiges Thema. Ich glaube einfach, dass der Papst möchte, dass dieses Thema  wieder neu in den Blick kommt und auch die Tiefe, die Schönheit dessen, was der Glaube uns zum Thema Familie sagt. Diese Schönheit wieder zum Leuchten zu bringen, das ist, glaube ich, ein Anliegen des Papstes.
Natürlich will er auch Menschen, die beim Aufbau einer Familie gescheitert sind oder die in familienähnlichen Verhältnissen leben, sagen: Wir haben euch auch im Blick, wir haben euch nicht vergessen, wir spüren, dass ihr auch zu uns gehört, auch wenn ihr euch vielleicht schwer tut, dem, was wir als Kirche glauben, im Ideal zu entsprechen. Natürlich merken wir, dass die Lebenswirklichkeit der Menschen in Sachen Familie und Sexualität von dem, was die Kirche als Ideal festhält, abweicht und dass ganz viele Menschen damit nicht mehr so viel anfangen können. Die Umfrage des Vatikans vor der Familiensynode hat das ja auch gezeigt. Die Frage ist: Gibt es eine Möglichkeit, diese Kluft irgendwie zu überbrücken? Diese Frage wird uns beschäftigen – auch die Mitbrüder, die auf der Synode sind.

In Deutschland konzentriert sich der Fokus im Moment medial auf das Thema wiederverheiratete Geschiedene. Sie haben in einem Facebook-Beitrag gesagt, man dürfe in dem Punkt von der Synode nicht zu viel erwarten. Warum gehen Sie davon aus, dass man wahrscheinlich nicht vom momentanen Standpunkt abweicht.
Bischof Oster: Weil ich glaube, eine Praxis der Zulassung zur Kommunion von Menschen, die geschieden, wiederverheiratet und gläubig sind, hätte Konsequenz für die Frage: Was bedeutet die Ehe als Sakrament, was bedeutet die Eucharistie als Sakrament, wie hängen beide zusammen? Da gibt es einen sehr tiefen Zusammenhang und eine Praxis der Zulassung würde elementare Fragen des Glaubens, der Theologie, der Sakramente betreffen. Ich bin ziemlich überzeugt, dass man bei diesen Fragen, an die das rührt, nichts ändern kann. Also: Was die Ehe als Sakrament bedeutet, das werden wir nicht ändern können. Aber eine Praxis, die verändert ist, wird dann möglicherweise im Widerspruch zu dieser Lehre stehen. Und da kann ich mir als Theologe nicht vorstellen, dass wir da eine Änderung bekommen. Aber vielleicht findet die Kirche Lösungen, die ich jetzt noch nicht kenne.

Viele fühlen sich trotzdem ausgegrenzt, weil sie nicht ganz teilhaben können. Wie kann man ihnen das Gefühl geben, weiter zur Gemeinde, zur Kirche zu gehören?
Bischof Oster: In allen Dokumenten, in denen dieses Problem behandelt wird, aber auch in allen öffentlichen Äußerungen der Päpste und der Bischöfe heißt es immer: Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht zur Kommunion gehen können, die sind nicht automatisch exkommuniziert. Um Gottes Willen, die gehören zur Gemeinschaft der Getauften. Im Prinzip hat die Kirche immer gelehrt, wenn jemand in schwerer Sünde lebt – die Frage, was schwere Sünde ist, ist auch nicht so leicht zu beantworten –, dann soll er nicht zur Kommunion gehen; aber das heißt doch nicht, dass er aus der Kirche ausgestoßen oder ausgeschlossen ist. Jesus liebt die Sünder und das sind wir irgendwie alle. Das heißt: Christus liebt uns alle. Aber es wäre verengt zu sagen, wir konzentrieren uns jetzt genau auf diesen Punkt und daran zeigt sich, ob die Kirche barmherzig ist oder nicht.

Bei den Laien gibt es wenig Verständnis für das Thema. Warum tut sich die Kirche so schwer, dass sie da ihren Standpunkt nahebringen kann, was macht man da verkehrt?
Bischof Oster: Das liegt, glaub‘ ich, auch an dem, was ich Glaubensero-
sion nenne. Die Leute gehen am Sonntag in den Gottesdienst und erleben, ich darf jetzt da hingehen oder ich darf da nicht hingehen, und wenn ich hingehe, dann blamiere ich mich vor dem Pfarrer oder irgend so was. Das, was die Eucharistie wirklich in ihrer Tiefe bedeutet, die Freude daran, den ganzen Gottesdienst, die ganze Feier überhaupt miterleben zu dürfen, das müssen wir neu erschließen. Das Konzil sagt, das ist die Quelle und der Höhepunkt unseres ganzen kirchlichen Lebens. Die Wahrheit dessen, was da gefeiert wird, neu zu erschließen, das gelingt uns irgendwie nicht mehr. Wo der Glaube wegbricht, wird er insgesamt auch oberflächlicher und dann reduziert man es auf die Frage: Darf ich oder darf ich nicht? Das ist aber sehr, sehr verkürzt. Es geht um Glaubensvertiefung – mein Thema!

Muss die Kirche noch mehr machen, um das Verständnis für das Sakrament der Ehe zu stärken?
Bischof Oster: Was bei uns im Seelsorgeamt und in der Abteilung Ehe und Familie passiert, ist gut und geht genau in die Richtung. Die Frage ist nur, ist es gut und richtig, dass folgender Fall heute noch möglich ist, auch kirchenrechtlich: Da kommt ein Paar und möchte heiraten. Und die füllen in 20 Minuten mit dem Pfarrer einen Fragebogen aus, hoffen, dass er keine peinlichen Fragen stellt und dann haben die die Zulassungsbedingungen für das Sakrament der Ehe erfüllt. Das ist etwas, das aus meiner Sicht heute nicht mehr geht. Wenn wir sagen, es muss mehr passieren, es muss eine tiefere Hinführung passieren, wird das den Leuten nicht schmecken. Die sagen, wir sind Kirchensteuerzahler, wir haben einen Anspruch darauf, dass wir da heiraten dürfen.

Jetzt kommt der Pfarrer und sagt, er will mit mir einen Glaubenskurs machen, dann geh‘ ich zu einem anderen Pfarrer, der macht es schon. Wenn wir wissen, das Sakrament der Ehe ist tief und das kapiert keiner mehr – und gleichzeitig tragen wir auch selber noch dazu bei, dass es keiner kapiert durch diese relativ lockere Praxis, dann stimmt was nicht. Dann müssen wir uns fragen: Wie können wir die Ehe pastoral vertiefen? Das wird, glaube ich, auch der Papst bei der Synode fragen. Nur mal als Beispiel: Ich habe in Rom mit Bischöfen aus Amerika gesprochen. Die haben überhaupt kein Problem, die Leute zu Ehevorbereitungskursen zu verpflichten. Die sagen, bei uns müssen die Ehepartner lange Fragebögen getrennt voneinander ausfüllen, wo drin steht, wie sie miteinander leben, wie sie miteinander glauben, was sie denken was der andere glaubt usw. Und dann kriegen die nachher eine Auswertung und da steht dann drin, wo sie Stärken haben, wo sie Schwächen haben. Damit  müssen sie sich bei ihrem Kurs auseinandersetzen. Das finden die völlig selbstverständlich. Das meine ich damit. Da klafft was auseinander bei uns, was nicht so sein müsste. Aber auch da gilt: Eine Veränderung der Entwicklung, die dauert wahrscheinlich lang. Wir müssen dicke Bretter bohren und brauchen Geduld.

Da gibt es ja auch in der Deutschen Bischofskonferenz ganz verschiedene Meinungen. Kardinal Marx hat gesagt, Streit sei manchmal nötig.
Bischof Oster: Ja, das glaub ich auch. Dort, wo wir miteinander um solche Fragen ringen, da müssen wir auch wirklich aufpassen. Ich will dem anderen nicht gleich unterstellen, weil er anders denkt als ich, dass er nicht katholisch ist oder irgendwie völlig daneben liegt. Sondern ich gehe davon aus, der will auch was Gutes, der will auch in der Kirche Christus und Gott suchen, jetzt ringen wir halt um die Position. Aber wir haben ja auch am Ende ein Lehramt, das wird uns dann helfen,  die richtigen Unterscheidungen zu finden.

Es gibt heute die unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens. Alleinerziehende, Lebensgemeinschaften ohne Trauschein, Patchwork-Familien, Regenbogenfamilien usw. Muss man sich darauf einstellen in der Seelsorge, in der Arbeit mit den Familien?
Bischof Oster: Ja, ohne Frage. Wir müssen lernen, mit allen Lebensformen, die Menschen in dieser Gesellschaft teilen, umzugehen. Das sind alles Lebenswelten, in denen Gott auch gegenwärtig ist. Wir können ihn dort auch finden. Ich glaube trotzdem, dass das, was die Kirche als Ehe und Familie begreift, als Ursprung von Menschheit und Menschsein, dass wir das nicht preisgeben dürfen und nicht als gleichwertig mit allen anderen Formen setzen dürfen. Jeder Mensch ist ausdrücklich von genau einem Mann und einer Frau gezeugt und zur Welt gebracht worden. Jeder Psychologe weiß, dass es einigermaßen wichtig ist, dass ein kleines Kind in der ursprünglichen Erzeuger-/Elterngemeinschaft aufwachsen kann. Und die Kirche hält hoch, dass diese Gemeinschaft fürs Leben ganz wichtig ist und nicht beliebig preisgegeben werden soll. Das ist unser Beitrag zu sagen: Schau da hin! Das ist der wichtigste, elementarste Beitrag für die Gesellschaft. Wir sehen, dass es Brüche gibt, wir sehen, dass es andere Formen gibt. Wir wollen auch an der Seite dieser Menschen stehen und trotzdem ist das nicht sofort gleichwertig.

Noch ein Blick zurück nach Rom. Was wird außer den deutschen Befindlichkeiten sonst noch Thema sein in der Familiensynode?    
Bischof Oster: Weltkirchlich: Das ganze Thema Umgang mit Menschen, die gleichgeschlechtlich empfinden und in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben, ist sicherlich auch ein Thema, mit dem die Kirche umgehen lernen muss, wo wir vielleicht auch neu sprachfähig werden müssen. Es gibt aber in anderen Kontinenten noch mal ganz andere Probleme. Wenn es in manchen Landstrichen Afrikas selbstverständlich ist, viele Frauen zu haben von der Geschichte her – und unser Ideal ist das Thema Einehe – ein Mann und eine Frau. Das beschäftigt Mitbrüder vom afrikanischen Kontinent beispielsweise. In anderen Ortskirchen geht es um das Thema Großfamilie – Kleinfamilie, das Verhältnis. Wir denken, eine Familie ist ein Mann, eine Frau, ein Kind – was im Durchschnitt so ist. In anderen Ländern ist es die Frage nach der Großfamilie, die auch das Überleben sichert, das steht bei uns überhaupt nicht so im Fokus.

Was erhoffen Sie sich von den zwei Wochen?    
Bichof Oster: Ich hoffe zunächst einmal auf einen realistischen Blick aufs Familienleben, einen barmherzigen und pastoralen Blick auf die Familie. Aber – auch das muss man unbedingt sagen – das ist eine außerordentliche Synode. Die dient als Vorbereitung für die ordentliche Synode, die erst nächstes Jahr ist. Da kommen dann noch mehr Bischöfe zusammen, das ist ein langer Anlauf, bis sich die Kirche da äußert. Und ehrlich gesagt: Wir haben sowohl weltkirchlich wie auch von der deutschen Kirche her schon richtig viele gute Papiere zum Thema Familie. Ich erhoffe mir vielleicht so einen frischen Ton wie der Papst in Evangelii Gaudium angeschlagen hat. Wo man sagt: Das lese ich einfach, weil es spannend ist, was der Papst sagt. Vor allem auch, wie er es sagt. Und vielleicht lesen dann ein paar Leute Dokumente, wo im Grunde das drin steht, was die Kirche über Familie sagt. Es wird keine Revolution geben, glaube ich.

Jetzt sind ja gerade auch bei der Jugend die Begriffe Ehe und Familie relativ hoch angesehen. Es  gibt also durchaus positive Seiten. Ist das etwas, worauf die Kirche auch aufbauen kann?
Bischof Oster: Natürlich, sogar aufbauen muss. Wir müssen die Jugendlichen dort abholen, wo sie auch ihre Sehnsüchte haben. Aber das ist eine zweideutige Sache. Vor Kurzem stand in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein großer Bericht über die Ersatzreligion „Zweisamkeit“. Also die romantische Liebe als eine Art Ersatzreligion, die jetzt gewissermaßen die Erfüllungsgehilfin sein muss für alle Sehnsüchte, alles Glück dieser Welt, die das aber niemals erfüllen kann. Wenn ich dann nicht das Glück habe, das mir von allen Medien und Filmen usw. vorgegaukelt wird, dann wechsele ich den Partner und suche mir den nächsten. Diese Sehnsucht nach Romantik, nach Zweisamkeit, die ist noch nicht automatisch heil oder geklärt, das merken wir alle. In unseren Beziehungen, die wir haben, ringen wir immer um das Thema Besitzergreifung und Freigabe. Liebe ich dich an sich – weil du du bist – oder liebe ich dich, weil ich dich am liebsten für mich hätte. Jeder Vater, jede Mutter kennt dieses Problem zwischen Festhalten und Freigeben. Jeder Ehepartner kennt das Problem. Gehörst du mir? Was heißt eigentlich „mein Mann – meine Frau“, was steckt in diesem „mein“ eigentlich drin?

Sie haben selber keine eigene Familie, wie schaffen Sie es, sich den Blick für die Familie von heute zu bewahren?    
Bischof Oster: Also erst mal entstamme ich aus einer Familie. Ich verbringe fast immer die Ferien mit Familien, mit Freunden, die Kinder haben. Ich war in der Jugendseelsorge und Studentenseelsorge. Das ist der Versuch, nah am Menschen zu sein. Wobei ich schon auch sagen muss, jetzt als Bischof verändert sich das. Ich kann als Bischof eigentlich nicht mehr im engeren Sinn bei vielen Leuten Einzelseelsorge machen, das geht nicht mehr. Ich muss dann eher der Seelsorger sein für Hauptamtliche oder für die Priester, stärker für Multiplikatoren, das ist dann wieder weniger Berührungspunkt mit Familie. Ich denk mir auf der anderen Seite, wenn man mit wachen Augen durch die Welt geht und versucht, die Fragen und Probleme zu sehen, dann kommt einem das Thema gar nicht aus.



Autor: Wolfgang Krinninger
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